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Der von einem Polizisten niedergeschossene Benno Ohnesorg wird auf eine Krankenbahre gelegt. Bilder wie dieses, hatten auf die gesellschaftliche Entwicklung in Deutschland einen nachhaltigen Einfluss.

Drei Politiker erinnern sich

Der Tag, als Benno Ohnesorg starb

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Vor 50 Jahren, am 2. Juni 1967, erschoss ein Polizist in Berlin den Studenten Benno Ohnesorg während einer Demonstration. Das ist ein Schock für viele Menschen, vor allem die junge Generation begehrt auf. Drei Politiker berichten, wie sie die Tat damals geprägt hat.

Am Abend des 2. Juni 1967 machte in den Nachrichten erst einmal eine Falschmeldung die Runde. Ein Student sollte während einer Demonstration gegen den Besuch des persischen Schahs in West-Berlin einen Polizisten erstochen haben. Doch der Mann, der um 20.30 Uhr im Berliner Bezirk Charlottenburg, in der Krummen Straße, in seinem Blut lag, war der 26 Jahre alte Student Benno Ohnesorg. Der Polizist Karl-Heinz-Kurras hatte ihm in den Kopf geschossen. „Bitte nicht schießen“, sollen laut Zeugen die letzten Worte Ohnesorgs gewesen sein, der zum ersten Mal an einer Demonstration teilgenommen hatte.

Während des Protests gegen den autoritären Herrscher aus Persien ging die Polizei mit großer Härte gegen die Demonstranten vor. Die „Frankfurter Allgemeine Zeitung“ schrieb damals, die „Brutalität“ der Berliner Polizei habe man bis dahin „nur aus Zeitungsberichten über faschistische oder halbfaschistische Länder“ gekannt. Zur Eskalation während der Demonstration hätten sogenannte Greifer in Zivil beigetragen, Kurras war einer von ihnen.

Tom Koenigs ist dieser Tag für immer in seinem Gedächtnis haften geblieben. „Das ist der Tag, an dem ich anfing, Politik zu machen. Das ging auch Joschka Fischer ao, der damals in Stuttgart lebte“, erzählt der ehemalige Frankfurter Stadtkämmerer und Umweltdezernent im Gespräch mit dieser Zeitung. Koenigs, heute Bundestagsabgeordneter der Grünen, war damals 23 Jahre alt und studierte nach einer Banklehre Betriebswirtschaft in West-Berlin. „Auf der Demonstration gegen den Schah war ich nicht, aber als ich davon hörte, dass auf uns geschossen wurde, fing meine Politisierung an“, erinnert er sich.

Feindbild Nummer eins war 1967 für Koenigs – und nicht nur für ihn – die Springer-Presse mit den Zeitungen „Bild“ und „Welt“ und „B.Z.“. Diese hätte tagtäglich gegen die Studenten Stimmung gemacht und sie als „Terroristen“ beschimpft. Zornig macht Koenigs auch heute noch, dass niemand wegen des Todes des Studenten Ohnesorg verurteilt wurde. „Der Einzige der verurteilt wurde, war der Verleger Klaus Wagenbach. Und nur deshalb, weil er den Mord an Benno Ohnesorg Mord genannt hatte“, erzählt Koenigs.

Nach dem Tod des Studenten habe er sich in politischen Gruppen „aktiv beteiligt und mitdiskutiert“. Doch nicht nur Koenigs veränderte sich nach dem „2. Juni“. Die studentische Bewegung öffnete sich. Durch viele internationalen Begegnungen sei ein starkes Gefühl „der Gleichheit“ entstanden. Auch der Lebensstil habe sich verändert. „Männer trugen zum Beispiel lange Haare“, so Koenigs. Und, das ist dem Grünen-Politiker auch noch in Erinnerung geblieben: Es gab keine Sittenwächter mehr.

„Ich kann mich an den Tag noch sehr gut erinnern. Die Betroffenheit bei uns nach dem Tod von Benno Ohnesorg war groß“, berichtet Willi van Ooyen. Der ehemalige Abgeordnete der Linken im Hessischen Landtag war 20 Jahre alt, als die Todesnachricht aus West-Berlin auch am Niederrhein große Wellen schlug. „Ich wohnte zu der Zeit in Krefeld und war Lehrling bei der Bahn. Politisch war ich in der Friedens- und Gewerkschaftsbewegung aktiv“, erzählt van Ooyen.

Dass so etwas passieren konnte, hielten van Ooyen und seine Mitstreiter nicht für ungewöhnlich. „Wir waren der Auffassung, dass wir in einem repressiven Staat lebten. Und die NPD saß in einigen Landtagen. Auch in Hessen. Und das machte uns große Sorgen“, sagt der Linken-Politiker. Nach am Abend des 2. Juni haben man diskutiert, wie der Protest gegen den Springer-Verlag und „Bild“-Zeitung zu organisieren sei. „Mit den Studentenbewegungen in den großen Städten hatten wir aber wenig zu tun. Wir waren gewerkschaftlich orientiert“, erzählt van Ooyen.

Wie sie die Nachricht über die Ermordung Benno Ohnesorgs genau erfahren habe, kann sich Heidemarie Wieczorek-Zeul nicht mehr genau erinnern. „Ich denke aber, es war im Fernsehen, das ich damals in Rüsselsheim sah, wo ich lebte“, so die ehemalige SPD-Entwicklungs-Ministerin. Sie sei damals als 25-Jährige schon politisch aktiv gewesen. „Seit 1966 war ich bei den Jungsozialisten in Rüsselsheim und im Kreis Groß Gerau aktiv.“

Sie sei geprägt gewesen durch den Hessischen Generalstaatsanwalt Fritz Bauer, der den Tätern von Auschwitz den Prozess in Frankfurt machte. „Und wir waren als Jungsozialisten zurecht kritisch gegenüber den USA und ihrer Unterdrückung von Befreiungsbewegungen in der Welt“, so die SPD-Politikerin weiter.

Diese Kritik habe sich auch auf den Sturz der iranischen Regierung durch US-amerikanische und britische Geheimdienste bezogen, die damit die Verstaatlichung der Ölindustrie verhindern wollten.

„Den Empfang des Schahs in Deutschland, der von der Regierung kritiklos erfolgte, empfanden wir als ein Kratzbuckeln gegenüber der Herrschaft des Schahs“, sagt Wieczorek-Zeul. Der Tod Benno Ohnesorgs am 2. Juni und das Vertuschen der Verantwortlichen hätte damals alle empört. Man habe sich als Teil einer größer werden Protestbewegung verstanden, die der „Verlogenheit der damaligen westlichen Politik“, das Recht auf Selbstbestimmung aller Völker entgegengehalten.

Traurig ist Heidi Wieczorek-Zeul heute immer noch: „Ich kann heute noch nicht durch die Krumme Straße in Berlin gehen oder fahren, ohne an Benno Ohnesorg zu denken.“

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