Augenzeugenbericht unseres Sportfotografen

Der Terror im Stade de France

Erschüttert und traumatisiert, gleichwohl froh, am Leben zu sein: Unser langjähriger Sportfotograf Marc Schüler war zur Zeit der Anschläge im Stade de France in Paris, wo die Nationalmannschaft ihr Länderspiel gegen Frankreich bestritt. Er schildert die tragischen Ereignisse der Nacht aus seiner Sicht.

Von Marc Schüler

Zwischen einem fröhlichen Freundschaftsspiel, einem sportlichen und emotionalen Zeichen der Verständigung zweier Völker bis zur Todesangst und Panik im Zeichen des Terrors sind es oft nur wenige Minuten, wie das Spiel der Nationalmannschaft gegen EM2016-Gastgeber Frankreich im Stade de France am Freitagabend zeigte. Schallte gegen 21 Uhr noch die „Marseillaise“ aus 80.000 Kehlen und sorgte damit für Gänsehautatmosphäre im zukünftigen Finalstadion der kommenden Europameisterschaft, sollte dieser friedliche sportliche Wettbewerb nur etwa zwanzig Minuten später für immer durch die Vorgänge außerhalb des Stadions und in der Stadt belastet werden.

Etwa 20 Minuten waren gespielt, da ließ mich ein Donnerschlag aufschrecken. Dass bei den Spielen der Bundesliga immer wieder mit Böllern von „Fans“ für „Stimmung“ gesorgt wird, das bin ich gewohnt aus 14 Jahren Arbeitserfahrung als Fotograf und Journalist. Doch schallten in meinem Kopf sofort die Alarmglocken: diese Detonation klang anders, grollender und dumpfer als es jeder Feuerwerkskörper zu erzeugen vermag. Was war passiert? Ich ließ meinen Blick sofort durch das Rund des Stadions schweifen, hin zur rechten Seite hinter dem französischen Tor, wo ich rein gefühlsmäßig den Ursprung des Geräuschs wähnte. Doch weder gerieten Ordner, noch Fans in Panik oder zeigten irgendeine Reaktion, weshalb ich mich wieder meiner Arbeit zuwandte: das Spiel zu fotografieren. Eine weiterer, dieses Mal etwas lautere, Detonation ließ mich wieder aufschrecken und besorgt blickte ich in die gleiche Richtung. Doch dieses Mal jubelte das Publikum sogar, wie in der Bundesliga, wenn es einem „Fan“ gelungen war einen Böller ins Stadion zu schmuggeln und diesen zu zünden.

Dass es in diesem Fall jedoch kein harmloser Spaß war, war scheinbar niemanden im Stade de France bewusst. Das Spiel lief weiter wie gewohnt, in der Halbzeit erreichten mich jedoch die ersten Schreckensmeldungen von Explosionen und Schüssen außerhalb des Stadions. Besonnen reagierten die Verantwortlichen, wie ich bestätigen muss: sie brachen das Spiel nicht ab und entgegneten damit einer möglichen Massenpanik. So gewannen sie Zeit, im Stadionumfeld die Lage zu sichern und weitere Schritte einzuleiten.

Als Schiedsrichter Antonio Miguel Mateu Lahoz das Spiel nach 93 Minuten beim Stand von 2:0 regulär abpfiff, ahnten nur die Wenigsten, was sie erwarten würde. „Wegen einem Vorfall am Stadion bitten wir Sie nur die Ausgänge Nord und Südost zu benutzen“, stand mit dem Schlusspfiff auf der Anzeigetafel und entsprechende Durchsagen gab es auch im Stadion. Allerdings auf Französisch, was für die nicht dieser Sprache mächtigen Besucher aus dem Nachbarland sicher kein Vorteil war.

Nachdem einige Minuten lang die ersten Zuschauer das Stadion verließen, wurde plötzlich das Areal wieder abgeriegelt. Schnell zurück, teilweise über die Sitze stolpernd, drängten die Zuschauer zurück in den Innenraum – das Gerücht es seien weitere Schüsse gefallen, machte sofort am Spielfeldrand die Runde. Panisch suchten die meisten Kollegen ihr Kameraequipment zusammen oder ließen es gar im Angesicht der in den Innenraum drängenden Zuschauer ganz zurück. Auch ich begab mich relativ zügig in die Katakomben und setzte mich in den Pressearbeitsraum. Dass ich noch zur Pressekonferenz oder mit Ex-Eintracht Torwart Kevin Trapp ein Gespräch führen wollte – vergessen, unwichtig, vernachlässigbar. Doch auch dort gab es keine Informationen für die Journalisten, was denn passiert sei und so machten viele Gerüchte die Runde, von denen sich die Meisten leider schnell in tragischer Weise bewahrheiteten. Über das Internet wurden Nachrichtenseiten eingesehen, das deutsche Internet TV-Angebot sorgte für ein umfassendes Bild der Situation. Denn außer dem Hinweis des Gastverbands DFB, dass man besser im Stadion bleiben solle aufgrund der Vorfälle und unsicheren Sicherheitslage, war vom gastgebenden Verband FFF kein Ton zu den Ereignissen zu erfahren. Irgendwann wurden die Fernseher im Arbeitsraum auf einen französischen Nachrichtenkanal umgestellt und das Ausmaß der Situation ersichtlich. Für uns relativierte sich jetzt auch die Nachricht des Nachmittags: Bombendrohung im Teamhotel des DFB. War das ernst zu nehmen? Sollte das von den eigentlichen Ereignissen ablenken und die Sicherheitskräfte in falscher Sicherheit wiegen? Ablenkungsmanöver oder Ernstfall – genau werden wir es wohl erst in den kommenden Tagen erfahren.

Bis gegen 1.30 Uhr verharrten wir im Stadion, unsicher wie es denn auf den Straßen rund um das Stade de France aussehen könnte. Erst dann trauten wir uns als deutsche Fotografengruppe gemeinsam auf die Straße und stellten eine gewisse Normalität fest. Der Verkehr auf der viel befahrenen Straße am Stadion lief fast normal, aber natürlich lag eine große Spannung in der Luft: ist es sicher hier zu laufen? Wo ist der Selbstmordanschlag am Stadion passiert? Können wir uns hier gefahrlos aufhalten und sind schon alle Terroristen gefasst? Diese und weitere Fragen schießen uns durch den Kopf und eine erhöhte Aufmerksamkeit begleitet uns auf dem halbstündigen Fußmarsch zurück ins Hotel – Taxis sind keine zu bekommen gewesen. Immer wieder begegnen uns Menschen auf der Straße, die wir kritisch beäugen und merken, wie wir kritisch beäugt werden. „Bin ich sicher? Passiert mir was? Was treibt derjenige hier um diese Zeit?“ sind die dominanten Fragen, die uns beschäftigen. „Braucht Ihr ein Taxi?“ werden wir von einem vor einem Haus stehenden Mann angesprochen, doch ein Fahrzeug mit Taxi-Schild ist nirgends zu sehen. So lehnen wir ab, mit einem weiteren mulmigen Gefühl in der Magengrube. Immer wieder zucken wir zusammen oder schrecken auf, denn von überall her scheinen Sirenen zu kommen. Polizei, Krankenwagen, Feuerwehr – alle Einsatzkräfte sind unterwegs und wir vom Gefühl her mittendrin. Selbst eine simple Fehlzündung eines an der Ampel stehenden Autos sorgt dafür, dass von Passanten ein Aufschrei kommt und sich alle in die Richtung der neuerlichen „Detonation“ verschreckt, fast panisch umblicken.

Erleichtert sind wir, als wir nach dem halbstündigen Fußmarsch im Hotel ankommen und uns in relativer Sicherheit wähnen. Bewusst ist es uns, dass eigentlich davor gewarnt wurde die Hotels aufzusuchen, doch sind seit den Geschehnissen nun einige Stunden vergangen und wir wohnen in einem Stadtteil abseits der Anschlagsorte. Dennoch bleibt dieses ungute Gefühl und erst nach einer weiteren Stunde der Verfolgung der Ereignisse am Fernseher gelingt es uns ein wenig Schlaf zu finden, immer noch bewegt und erschüttert von den Geschehnissen ist dieser natürlich oberflächlich. Auch unsere Planung für den Samstag dieses Ausflugs nach Paris war am Morgen absolut nebensächlich. Louvre, Eiffelturm, Champs-Elysée? Nein, nach Hause wollen wir und sind froh, dass unser Rückflug wie geplant und mit verstärkten Sicherheitsüberprüfungen durchgeführt wird.  

Unverständlich war jedoch, was uns am Flughafen erwartete. Dass dort das Militär für Sicherheit sorgt, war uns bewusst und so überraschten uns die vier bewaffneten Soldaten in der Abflughalle des Terminals 2G auch nicht.  Was uns jedoch überraschte waren die Kontrollen: während in Deutschland, Großbritannien, den USA und eigentlich jedem anderen Land alleine meine Kameraausrüstung beim Durchleuchten eine schärfere Kontrolle nach sich zieht, musste ich diese an diesem Tag nicht einmal aus meinem Rucksack auspacken. Auch meine Frau wurde problemlos durch die Kontrolle gewunken, erst hinter der Handgepäckkontrolle am Gate sitzend merkten wir, dass in ihrer Tasche noch eine halb gefüllte Wasserflasche war, die nicht bemerkt oder moniert worden war. Dies nicht einmal 24 Stunden nach solchen Anschlägen, empfanden wir dann doch besorgniserregend. Dass  in diesem geschlossenen Bereich dann noch nicht einmal weitere Sicherheitsbeamte herumliefen, war die nächste Merkwürdigkeit in diesem Zusammenhang.

Für mich persönlich relativiert dieses Erlebnis auch meine Planungen der kommenden Monate. Gefreut hatte ich mich darauf Deutschland zur EM nach Frankreich zu begleiten, ein Gefühl, das nun eher negativ belegt ist. Sicher ist es zu früh und ich gerade zu emotional um Entscheidungen zu treffen. Denn eins steht für mich momentan an erster Stelle: die Menschen und die Auswirkungen dieses scheinbar koordinierten Anschlags mitten im Herzen von Europa. Dagegen wirkt so ein netter Zeitvertreib wie Sport unwichtig, auch wenn ich damit meinen Lebensunterhalt bestreite.

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