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Tugce: Trauer, Wut und Tumulte nach dem Urteil

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Zahlreiche Polizisten hatten vor dem Landgericht Stellung bezogen.
Zahlreiche Polizisten hatten vor dem Landgericht Stellung bezogen. © Boris Roessler (dpa)

Viele Menschen wollten gestern die Urteilsverkündung in Darmstadt verfolgen. Nicht alle durften in den Gerichtssaal. Draußen gab es eine Mahnwache – und viel Gesprächsstoff.

Von Olaf Kern und Stefan Röttele

Draußen vor dem Gerichtsgebäude steht ein junger Mann mit einer Handvoll schwarzer Plastikrosen in den Händen. Nervös zieht er an seiner Zigarette. Das Urteil ist gerade gefallen. Es ist der Freund von Tugce. Nur eine Woche nach der Unglücksnacht wollten er und Tugce sich verloben. Spät in der Nacht zum 15. November 2014, er hatte schon geschlafen, bekam er den Anruf, mit dem er erfuhr, was passiert war. Es war der Moment, in dem eine Welt für ihn zusammenbrach. Noch immer fassungslos, noch immer in einer Mischung aus Trauer und Wut, steht er da und ringt um Worte. Drei Jahre für den Täter? Das ist noch viel zu wenig, findet er. Was sind schon drei Jahre angesichts eines Menschenlebens, sagt er. Für ihn gibt es keine Genugtuung.

So empfinden viele

So empfinden viele an diesem Tag, sieben Wochen nach Prozessbeginn, fast auf den Tag genau sieben Monate, nachdem die damals 22-jährige Tugce auf dem Parkplatz des Offenbacher McDonalds-Restaurants nachts um 4 Uhr und 12 Minuten einen Schlag erhielt, der sie umfallen ließ, so dass sie ungebremst mit dem Kopf aufschlug und sich dabei schwerste Hirnverletzungen zuzog. Sie fiel ins Koma, aus dem sie nicht mehr erwachte.

Die Großmutter von Tugce, die an Tag der Urteilsverkündung, genauso wie am ersten Prozesstag, ein T-Shirt mit einem Fotoaufdruck ihrer verstorbenen Enkelin trägt, ringt mit den Tränen „Drei Jahre sind nicht genug für ein Leben“, sagt sie in die Kameras eines türkischen Senders, der wie die vielen anderen Medienvertreter seine Mikrofone unter den Prozessbeobachtern kreisen lässt, um ein Statement zu erhalten. Tugces Tante Mihrica bringt auch ein paar Worte über die Lippen: „Der kommt dann raus und macht weiter wie vorher. Das macht unsere Trauer nur schlimmer.“

Interesse ist riesig

Die Aufmerksamkeit hatte während der vorangegangen Verhandlungstage etwas nachgelassen, jetzt ist das Interesse wieder riesig. Noch bevor der erste Besucher um kurz nach sechs Uhr das Landgericht betritt, ist schon das erste Kamerateam da. Natürlich kommen deutlich mehr als die 25, die in den Saal dürfen.

Einige ziehen am Morgen unverrichteter Dinge wieder ab und versammeln sich vor dem großen Brunnen auf dem Mathildenplatz. Andere versuchen ihr Glück und reihen sich in die Schlange ein. Die Atmosphäre ist allein schon von diesem Kommen und Gehen angespannt. Dazu kommt das Gefühl, dass gleich etwas passieren müsse, obwohl bis zum Öffnen der Tür zum Saal noch Stunden vergehen. Gedämpftes und doch aufgeregtes Gemurmel durchzieht das Atrium im Landgericht Darmstadt vor dem Verhandlungssaal der Jugendstrafkammer. Ein Funke genügt, dass die Lager von Opfer und Beklagtem aufeinander losgehen. Kurz vor neun Uhr ist es so weit: Ein Justizbeamter beschreibt es später so: „Unter den Wartenden kam es zu einer kleinen Rangelei. Kurzzeitig wurde es etwas lauter. Wir haben die Situation schnell beruhigen können.“

Die Beteiligten sehen das naturgemäß anders: Tugces Tante Yildirim Ö. ist den Tränen nahe: „Wir sind jetzt seit 7 Uhr da. Wir haben den kompletten Prozess verfolgt. Da kommen diese Jungs und wollen uns provozieren. Man soll uns in unserer Trauer in Ruhe lassen.“ Zwei Mädchen aus dem Umfeld Sanels haben es so gesehen: „Die beiden sind einfach nur kurz auf die Toilette gegangen und wollten dann an ihren Platz in der Schlange zurück. Da hat die alte Frau mit ihrem Stock einfach zugeschlagen.“ Das wiederum habe der Freund natürlich nicht zulassen können. „Natürlich wehrt er sich, wenn seine Familie angegriffen wird.“

In der Folge verschwinden die Freunde von Sanel M. zusehends aus dem Gebäude. Der geballten Wut und Trauer können sie nicht viel entgegensetzen. Zwei Freunde Sanels wirken besonders bedrückt. „Wir hoffen, dass er freikommt. Er ist ein sehr guter Mensch, wir kennen ihn seit zehn Jahren“, sagt einer, der seinen Namen nicht nennen will. „Ich habe Tugces Tante mein Beileid ausgesprochen. Mehr haben wir nicht geredet.“ Nie wieder werde Sanel ein normales Leben führen können, ist er sich sicher. „Die ,Bild‘-Zeitung hätte sein Gesicht nicht freigeben dürfen.“ Auf der nächsten Seite: Sanel zeigt keine Regung

Sanel zeigt keine Regung

Im Gerichtssaal stellt der Vorsitzende Richter Jens in seiner Urteilsbegründung klar, dass der Angeklagte Tugce Albayrak keine „Ohrfeige“ gegeben hatte, sondern einen von hinten ausholenden Schlag gegen den Kopf. „Wer so heftig zuschlägt, will eine Körperverletzung“, sagt er. Die Eltern Tugces und ihr Bruder Dogus, die als Nebenkläger im Gerichtssaal sitzen, nehmen das Urteil mit Fassung auf. Auch als der Richter sich ihnen zuwendet: „Die Angehörigen haben den schlimmsten Verlust erlitten, der möglich ist. Hier wird es keine Genugtuung geben.“ Sanel M., im rosa Pullover, zeigt bei der Urteilsverkündung keine Regung. Als der Prozess beendet ist, steht die Mutter des Angeklagten auf, klopft an die Trennscheibe zum Gerichtssaal und winkt ihrem Sohn zu. Tugces Eltern gehen wortlos heraus und an den Medienleuten vorbei. Ihre Gesichtszüge sind steinern. Draußen soll es bei einer Mahnwache für die tote Studentin zu Aggressionen gekommen sein. Mehrere Frauen hätten auf die Plakate mit Tugces Foto gespuckt und Beleidigungen ausgesprochen, berichteten Verwandte von Tugce. Gerüchte machen die Runde, wonach Hitzköpfe beider Lager andernorts die Eskalation suchen wollen. Der Einsatzleiter wirkt ruhig: „Das sind Gerüchte. Wir wissen davon nichts. Hier im Gericht sind wir als Polizei in der Überzahl. Das respektieren die Leute. Aber wir haben die Kollegen in Offenbach informiert.“

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