Auch Tunesien ist Ziel von Terroristen: Das Archivfoto vom Juni 2015 zeigt einen tunesischen Polizisten nach einem Anschlag auf ein Urlauberdomizil in der Region Sousse. An dem Strand hatte ein Attentäter um sich geschossen und 38 Menschen getötet, bevor Polizisten ihn stoppten. Unter den Opfern damals war ein Deutscher.
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Auch Tunesien ist Ziel von Terroristen: Das Archivfoto vom Juni 2015 zeigt einen tunesischen Polizisten nach einem Anschlag auf ein Urlauberdomizil in der Region Sousse. An dem Strand hatte ein Attentäter um sich geschossen und 38 Menschen getötet, bevor Polizisten ihn stoppten. Unter den Opfern damals war ein Deutscher.

Auch Anis Amri stammt aus Tunesien

Über 3000 junge Männer aus Tunesien kämpfen für den IS

  • Dieter Hintermeier
    vonDieter Hintermeier
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Tunesien ist ein sozioökonomisch tief gespaltenes Land. Die Arbeitslosigkeit ist groß. Die Terrormiliz „Islamischer Staat“ macht sich diese Situation zunutze und rekrutiert Kämpfer. Die Gesetzlosigkeit im Nachbarland Libyen verschlimmert das Problem.

Die Hinweise verdichten sich immer mehr. Jetzt wurden auch die Fingerabdrücke von Anis Amri am Berliner Todes-Lkw gefunden. Der Tunesier, der mittlerweile europaweit als mutmaßlicher Attentäter auf einem Weihnachtsmarkt in der deutschen Hauptstadt gesucht wird, hat auch in seinem Heimatland Entsetzen ausgelöst.

Geboren wurde der mutmaßliche Attentäter in Tataouine, einer Wüstenstadt, die Berühmtheit als „Star Wars“-Kulisse erlangte. Heute ist die Wüstenstadt berüchtigt als Terrorzentrale, als Hauptquartier von Radikalen. Knapp 40 Prozent aller Einwohner sind arbeitslos. Einige konzentrieren sich auf illegale Immigration oder den Schmuggel von Zigaretten und Alkohol, der im benachbarten Libyen verboten ist. Rund 65 000 Menschen wohnen in der südtunesischen Stadt nicht unweit der Grenze.

Apropos Libyen. Tunesiens gespaltenes Nachbarland erlebt gerade eine politische Anarchie und ist die Hochburg der Terrormiliz IS in Nordafrika. „In dem Grenzgebiet zwischen Tunesien und Libyen gibt es vielfältige informelle wirtschaftliche und politische Verflechtungen zwischen den Bewohnern der Länder“, sagt Irene Weipert-Fenner, Tunesien-Expertin bei der Hessischen Stiftung für Friedens- und Konfliktforschung in Frankfurt. So gebe es zum Beispiel illegalen Benzinhandel in dieser Grenzzone.

Und nicht nur das. „Tunesische Dschidadisten ließen sich in diesem Grenzgebiet ausbilden“, sagt Henrik Meyer, Büroleiter der Friedrich-Ebert-Stiftung in Tunis. Trotzdem sei Tunesien weit davon entfernt, eine islamistische Bastion zu sein. „Es ist das westlich orientierte Land in Nordafrika“, sagt Meyer.

Dafür sorge seit 2013 auch die große Koalition im Lande, die fast alle gesellschaftliche Gruppen eingebunden habe. Angefangen von den Gewerkschaften bis hin zu den „moderaten Islamisten“ (Weipert-Fenner). Aber diese „moderaten Islamisten“ hätten bei den konservativen Moslems im Lande ein Vakuum hinterlassen. Für die konservativen Muslime habe es vor dem Hintergrund dieser politischen Konstellation in Tunis keine Heimat mehr gegeben, so die Auffassung von Meyer.

Und in diese gesellschaftliche Lücke sei dann die Terrororganisation IS gestoßen. „Tunesien hat nicht erst seit Kurzem Erfahrung mit Terror. Früher wurde er unter dem Regime eines autoritären Polizeistaates soweit wie möglich unterdrückt. Der IS ist aber eine vergleichsweise junge Organisation, die unter anderen politischen Konstellationen agiert“, so Meyer und verweist dabei auf tunesische Kämpfer, die beispielsweise bei den Kriegen auf dem Balkan und in Russland auf der Seite ihrer Glaubensbrüder kämpften. Im vergangenen Jahr war die Welt schockiert, als an einem Strand in der Nähe von Sousse 38 Touristen von einem IS-Terrorist ermordet wurden.

Der typische tunesische Dschihadist „ist männlich, jung, schlecht ausgebildet und kommt aus dem Landesinneren“, erläutert Experte Meyer. Und das sei auch der Nährboden aus dem der IS in erster Linie seine Kämpfer rekrutiere. „Tunesien ist ein sozioökonomisch gespaltenes Land. Auf der einen Seite gibt es die relativ reiche Küstenregion des Landes. Auf der anderen Seite die wirtschaftlich abgehängte Regionen im Landesinneren“, erklärt Irene Weipert-Fenner.

Obwohl Tunesien in den letzten beiden Jahren ein leichtes Wirtschaftswachstum zwischen 0,8 und 1,6 Prozent verzeichnete, liege die Jugendarbeitslosigkeit offiziell bei knapp 40 Prozent. Trotz dieser schwierigen wirtschaftlichen Gemengelage lehne die große Mehrheit der Tunesier den Terrorismus des „Islamischen Staates“ und anderer dschidadistischer Gruppierungen entschieden ab, so Meyer. „Auch der Attentäter von Nizza war ein Tunesier. Jetzt hoffen die Menschen hier, dass sich am Ende doch noch herausstellt, dass der Berliner Attentäter doch kein Tunesier war“, so der Büroleiter der Friedrich-Ebert-Stiftung in Tunis.

Der Anschlag in Berlin sei für tunesische Medien das großes Thema, das ausführlich behandelt werde. „Nicht schon wieder ein Tunesier“, sei dabei der einhellige Tenor. Anschläge wie in Nizza und Berlin, so Meyer weiter, würden als „nationale Schande“ angesehen. Doch nicht nur mit einer „nationalen Schande“ hat Tunesien derzeit zu kämpfen.

„Die Regierung rechnet mit Tausenden zurückkehrenden Dschihadisten von den Kämpfen im Irak und Syrien“, so Meyer. Nach Regierungsangaben hätten sich rund 3000 Tunesier dem IS angeschlossen. Andere Angaben von US-Stellen sprechen sogar von 5000 bis 6000 tunesischen Kämpfern für die Terrormiliz. Jetzt gilt es herauszufinden, ob Anis Amri auch einer von ihnen ist.

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