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Bürger-Protest gegen die Stromtrasse.

Meinung

Kommentar zu Ultranet: Bürger unter Strom

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Es regt sich Widerstand im Hessenland gegen den Ausbau des bestehenden Stromnetzes, ganz speziell gegen eine von insgesamt drei Leitungen, der sogenannten Ultranet-Trasse.

Es regt sich Widerstand im Hessenland gegen den Ausbau des bestehenden Stromnetzes, ganz speziell gegen eine von insgesamt drei Leitungen, der sogenannten Ultranet-Trasse, die ab 2023 den Windstrom von Osterath in Nordrhein-Westfalen bis nach Philippsburg in Baden-Württemberg leiten soll. Die Trasse führt zwar nur zu einem kleinen Teil über Hessen, doch begehren genau dort besonders viele Bürger dagegen auf. Den meisten stehen die Leitungen zu nahe an ihren Häusern oder Wohnungen. Ihre Argumente reichen von krankmachendem Elektrosmog über ionisierende Wolken bis hin zu einem völlig überteuerten Projekt.

Das Gesamtvolumen von 52 Milliarden Euro liegt tatsächlich in einer Größenordnung, bei der Energieunternehmen und Politik schon Fakten auf den Tisch legen müssen, die ein solches Projekt rechtfertigen, zumal die Kosten letztlich auf den Verbraucher umgelegt werden. Zudem kann die Bundesnetzagentur als übergeordnete Regulierungsbehörde nicht einwandfrei bestätigen, dass die beiden neuen Leitungen, die im Ultranet über bereits bestehende Masten verlegt werden, auch tatsächlich einmal benötigt werden. Die Überführung von Gleichstrom ist bei der eingesetzten Technik allerdings weniger verlustbehaftet als die von Wechselstrom.

Verdächtig wenig kommt bei diesem Thema vom Grünen Tarek Al-Wazir, Hessens Minister für Wirtschaft, Energie, Verkehr und Landesentwicklung. Nach Fluglärm- und Feinstaub-Diskussion ist der Ausbau des Stromnetzes in diesem Bundesland ein weiteres Aufregerthema. Der Grüne hält die Nord-Südtrasse für notwendig, auch wenn sein Bundesland gar nicht davon profitiert, und er hatte bereits vor Jahren zugestimmt, dass – obwohl keine Grenzwerte überschritten werden – die Leitung „in Einzelfällen und wo es wirtschaftlich vertretbar ist“ in die Erde verlegt wird. So hatte es bereits Bayerns Ministerpräsident Horst Seehofer (CSU) zumindest auf bestimmten Abschnitten durchgesetzt, obwohl Erdkabel mit rund 5,6 Millionen Euro pro Kilometer etwa viermal so viel kosten wie Freileitungen.

In Hofheim, Eppstein, Hochheim und Rüsselsheim warten betroffene Anwohner auf ein Signal, denn dort beträgt der Abstand der Trasse zur Bebauung weniger als 400 Meter. Dieser Abstand ist nach geltenden Richtlinien indes nur für neue Stromtrassen notwendig. Aktionsbündnisse und Anwohner fordern die Verlegung oder Versetzung der Leitungen dennoch, da zu den bestehenden Wechselstrom- nun die neuen Gleichstrom-Leitungen hinzukommen. Niemals zuvor gab es eine Trasse, die beide Stromvarianten gleichzeitig transportiert, wodurch sich die Gesamtleistung auf 1080 Kilovolt (kV) verdreifachen kann.

Eine Menge Elektrizität. Da geraten Diskussionen um eine elektromagnetische Belastung, auch Elektrosmog genannt, schnell mal auf eine emotionale Ebene, auch wenn es keine gesicherten wissenschaftlichen Erkenntnisse gibt, wie schädlich Elektrosmog ist. Allerdings leben wir in einer Welt, in der sich zahlreiche Umweltbelastungen summieren, ein Einfluss deshalb grundsätzlich nicht auszuschließen ist. Sollten die Verantwortlichen solche Bedenken nicht ernst nehmen, wird das Thema die Gerichte beschäftigen. Und genau das ist zu erwarten.

peter.schmitt@fnp.de Bericht auf Seite 1

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