Engagiert: die Frankfurter Professorin Sabine Andresen. Sie ist Vorsitzende der Anfang des Jahres ins Leben gerufenen ?Unabhängigen Kommission zur Aufarbeitung des sexuellen Kindesmissbrauchs? des Deutschen Bundestages.
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Engagiert: die Frankfurter Professorin Sabine Andresen. Sie ist Vorsitzende der Anfang des Jahres ins Leben gerufenen ?Unabhängigen Kommission zur Aufarbeitung des sexuellen Kindesmissbrauchs? des Deutschen Bundestages.

Tatort Familie

Unabhängige Kommission will gegen den sexuellen Missbrauch von Kindern vorgehen

  • Dieter Hintermeier
    vonDieter Hintermeier
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Täter, die Kinder sexuell missbrauchen, kommen sehr häufig aus dem näheren Umfeld der betroffenen Mädchen und Jungen und erschleichen sich ihr Vertrauen.

Diese Straftaten sind einfach nur schockierend und wühlen die Öffentlichkeit immer wieder aufs Neue auf. Das sind die Fälle, bei denen Kinder sexuell missbraucht wurden. Wie diese: Immer wieder hat der Mann kleine Mädchen missbraucht und dabei auch gefilmt, die jüngsten Opfer waren gerade einmal drei Jahre alt. Seine Verbrechen muss der 57-jährige Nordhesse mit zwölf Jahren Haft und anschließender Sicherheitsverwahrung büßen. In anderen Fällen, die sich in der Rhein-Main-Region abspielten, verging sich ein Vater jahrelang an seinem eigenen, kleinen Sohn. Ein anderer Mann nutzte seine Rolle als „Stiefvater“ aus, um die kleinen Töchter seiner Partnerinnen zu missbrauchen.

„Das Ausmaß sexuellen Kindesmissbrauchs wird stark unterschätzt. Dazu trägt auch die Tabuisierung des Themas bei – vor allem in Familien. Sexueller Kindesmissbrauch findet am häufigsten im familiären Umfeld statt. Diese mahnende Worte sagt Sabine Andresen im Gespräch mit dieser Zeitung. Die Frankfurter Professorin ist Vorsitzende der Anfang des Jahres ins Leben gerufenen „Unabhängigen Kommission zur Aufarbeitung des sexuellen Kindesmissbrauchs“ des Deutschen Bundestages. Die Weltgesundheitsorganisation (WHO), so Andresen weiter, gehe von rund 18 Millionen Minderjährigen aus, die in Europa von sexueller Gewalt jeglicher Art betroffen seien. „Das sind auf Deutschland übertragen rund eine Million Mädchen und Jungen“, so die Expertin.

Strukturen aufdecken

Aufgabe der Kommission ist es Ausmaß, Art, Ursachen, Konstitutionsbedingungen und Folgen von sexuellem Missbrauch in der Bundesrepublik und der DDR zu untersuchen. „Wir sind international die erste Kommission, die sexuellen Kindesmissbrauch auch durch Familien und nicht nur in institutionellen Einrichtungen in den Blick nimmt“, erklärt Andresen. Eine der zentralen Aufgaben sei es hierbei, Betroffene anzuhören. „Jede und jeder Betroffene kann sich bei uns melden, um angehört zu werden. In einem geeigneten Rahmen schaffen wir die Möglichkeit, auch verjährtes Unrecht mitzuteilen. Wir werden außerdem Strukturen aufdecken, die Missbrauch in der Vergangenheit ermöglicht und Aufarbeitung verhindert haben. Daraus sollen Schlüsse gezogen werden, um präventiv zu wirken“, so die Wissenschaftlerin.

Zu Beginn des Monats hat die Kommission mit den ersten vertraulichen Anhörungen begonnen. Weitere sollen im November und Dezember folgen. „Um möglichst viele Betroffene anhören zu können, haben wir ein Team von Anhörungsbeauftragten gebildet, die neben den Kommissionsmitgliedern deutschlandweit vertrauliche Anhörungen durchführen können“, sagt Andresen. Ein weiterer wichtiger Schritt sei dann das öffentliche Hearing mit dem Schwerpunkt Familie am 31. Januar 2017. „Mit dieser öffentlichen Anhörung wollen wir auf das Tabuthema aufmerksam machen und eine breite Öffentlichkeit erreichen“, so die Kommissions-Vorsitzende.

Pädophile Neigungen

In Hessen wurden im vergangenen Jahr rund 798 Fälle von sexuellen Missbrauchs polizeilich verfolgt, davon wurden 694 Fälle aufgeklärt, wie das Hessische Innenministerium mitteilte. In den vergangenen zehn Jahren wurden in 2012 die meisten Fälle von sexuellen Kindesmissbrauchs aktenkundig. Vor vier Jahren waren es 1119 angezeigte Straftaten. In 1001 Fällen wurden damals die Täter ermittelt.

„Die Täter kommen aus allen sozialen Schichten. Das kann der gutsituierte Professor, der in einer Jugendstilvilla wohnt, genauso sein wie der Hartz-IV-Empfänger“, sagt Friederike Vilmar, Fachanwältin für Strafrecht in Frankfurt. Bei den Tätern, so Vilmar weiter, lägen in vielen Fällen pädophile Neigungen bereits vor. Erwachsene Täter hätten diese „Neigungen meistens für sich schon gefunden“. Aber unter den Straftätern gäbe es auch Jugendliche beziehungsweise Heranwachsende, die sich in dieser Hinsicht erst einmal „ausprobierten“.

Die Opfer der Täter stammen häufig aus dem familiären, freundschaftlichen, nachbarschaftlichen, in jedem Fall vertrauten Umfeld. „Viele Täter suchen das Vertrauen und die Nähe der späteren Opfer“, sagt die Strafverteidigerin. Der „berühmte schwarze Mann“, der Kinder missbrauche, sei eher ein Einzelfall in der Realität.

Bei den Verhandlungen in diesen Fällen komme es darauf an, dass die Aussage des Kindes „glaubhaft und konsistent“ sei, so die Juristin. In nicht wenigen Fällen sei ein „Glaubwürdigkeitsgutachten“ notwendig, das dann für das Urteil häufig ausschlaggebend sei, gerade wenn es sich um eine Aussage gegen Aussage-Situation handele.

Kritikwürdig ist nach Ansicht von Vilmar die Dauer der Verfahren in solchen Fällen, die mitunter drei Jahre und mehr bis zu einem rechtskräftigen Urteil dauerten. „Auch der Täter hat ein Recht auf ein schnelles Verfahren“, sagt die Anwältin, die es als positiv erachtet, dass der sexuelle Missbrauch von Kindern heute nicht mehr unter den Teppich gekehrt werde. Wie geschehen in der Odenwaldschule und der katholischen Kirche.

Alfred Huber ist Chef des Weissen Rings im Kreis Offenbach, der bekannten Organisation, die sich um die Opfer von Verbrechen kümmert. Für ihn steht fest, dass es im Falle des sexuellen Kindesmissbrauchs eine „große Dunkelziffer“ gibt. Um solche Straftaten an das Licht der Öffentlichkeit zu bringen, fordert er die „Umgebung der Kinder“ auf, die notwendige Aufmerksamkeit walten zu lassen, damit es nicht erst zu solchen Verbrechen komme.

Um diesen Straftaten Einhalt zu gebieten, setzen die Verantwortlichen im Hessischen Innenministerium auch auf Prävention. „Die Landesregierung hat bereits 2012 einen Aktionsplan verabschiedet. Das Ministerium für Soziales und Integration fördert vor allem Kurse und Workshops für Einrichtungen der Jugendhilfe sowie Einrichtungen für Menschen mit Behinderung sowie zum Beispiel Fortbildungen zur Kinderschutzfachkraft mit rund 150.000 Euro jährlich“, erläutert Ministeriumssprecher Michael Schaich. Mit speziellen Fortbildungen würden darüber hinaus Leitungskräfte und Mitarbeiter sensibilisiert und geschult.

Prävention ist gefragt

Auch die hessische Polizei sei auf regionaler Ebene in den unterschiedlichsten Gremien, unter anderem „Runden Tischen“, regionalen Präventionsräten und Ausschüssen vertreten. Die Polizei stehe ebenfalls mit den regionalen Beratungsstellen und Hilfsorganisationen (zum Beispiel Jugendämtern, ProFamilia, Frauenhilfeeinrichtungen, Kinderschutzbund, Wildwasser) in einem regelmäßigen interdisziplinären Austausch. Auch bringen sich die polizeilichen Experten in gemeinsamen Arbeitsbesprechungen und Arbeitskreisen, insbesondere mit Kindergärten, Schulen oder Kindertagesstätten, ein.

Zudem führten die Mitarbeiter der zentralen polizeilichen Jugendkoordination Informationsveranstaltungen an Schulen zum Thema „Sexueller Missbrauch“ durch. Insbesondere sollten bei diesen Fachvorträgen eine Sensibilisierung der Eltern und Lehrer für das Thema erfolgen, sowie Hilfsmöglichkeiten aufgezeigt werden.

„Die Polizeiliche Kriminalstatistik (PKS) verzeichnet für das Jahr 2015 in Deutschland rund 12.000 Fälle von sexuellem Kindesmissbrauch, von denen rund 75 Prozent Mädchen und 25 Prozent Jungen betroffen sind, nicht einberechnet die Fälle von sexuellem Missbrauch von Jugendlichen und Schutzbefohlenen, Kinder- und Jugendpornografie und Cybergrooming. Das Dunkelfeld liegt weitaus höher“, bringt Sabine Andresen das brisante Thema noch einmal auf den Punkt. Sie ist sich sicher, dass die Aufarbeitung dieser Straftaten eine größere Öffentlichkeit braucht. „Die genannten Zahlen sprechen für sich. Jedes missbrauchte Kind ist eins zu viel. Damit sich das ändert, muss eine gesamtgesellschaftliche Sensibilisierung in Gang gebracht werden. Was bisher getan wurde, ist nicht genug“, so die Feststellung der Kommissions-Vorsitzenden.  

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