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Spezielle Angebote für Schüler mit ausländischen Wurzeln wie Islam-Unterricht sind an vielen Frankfurter Schulen bereits Teil des Lehrplans.

Flüchtlinge und Migranten im Mittelpunkt

Ungleichheit bleibt bestehen

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Die Nachfrage nach Bildung ist in Deutschland ungebrochen. Trotzdem werden Kinder und Jugendliche aus „bildungsfernen Schichten“ vielfach „abgehängt“. Die soziale Herkunft, Migrationshintergrund und regionale Rahmenbedingungen üben dabei einen starken Einfluss auf den Bildungserfolg aus.

Am Flüchtlingsthema kommt heute niemand vorbei. Da macht der aktuelle Bildungsbericht auch keine Ausnahme. Und was dort zu diesen Thema gesagt wird, sprüht vor Optimismus. So werde sich nach Expertenmeinung die Eingliederung von Asylsuchenden ins deutsche Bildungssystem in 10 oder 20 Jahren wirtschaftlich auszahlen. Natürlich nur dann, wenn die Weichen dafür sinnvoll gestellt werden. Die „Rückzahlung“ hoher Bildungsinvestitionen für junge Flüchtlinge zeichne sich mittelfristig ab „in direkten Beiträgen zur Wertschöpfung ebenso wie in der Vermeidung von Sozialkosten“, heißt es in dem Bericht „Bildung in Deutschland 2016“, der gestern vorgestellt wurde.

Mit Blick auf den derzeitigen Stand des Bildungswesens hält Professor Kai Maaz vom Deutschen Institut für Internationale Pädagogische Forschung (DIPF), der Sprecher der Autorengruppe, im Gespräch mit dieser Zeitung fest: „Der Trend zu mehr Bildung ist ungebrochen. Wir erleben weiterhin eine wachsende Bildungsbeteiligung und Bildungsnachfrage. Und das gilt sowohl für die allgemeinen als auch die beruflichen Bildungsbereiche“. Gleichzeitig gibt Maaz, der an der Frankfurter Goethe-Universität lehrt, zu bedenken: „Der Zugang zu Bildung erfolgt nach wie vor unter sehr ungleichen Voraussetzungen. Soziale Herkunft, Migrationshintergrund und zunehmend auch regionale Rahmenbedingungen üben einen starken Einfluss auf den Bildungserfolg aus.“

Um die „gewaltige Aufgabe der Integration“ (Maaz) in der Realität umzusetzen, müssten bereits in diesem Jahr zwischen 33 000 bis 44 000 Lehrer und Erzieher neu eingestellt werden. Die Bildungsinvestitionen für die Flüchtlinge schätzen die Experten des Reports auf zusätzlich 2,2 bis 3 Milliarden Euro jährlich.

Doch in der deutschen Bildungslandschaft ist nicht alles eitel Sonnenschein. Zwar sei das Bildungsangebot in der Republik gestiegen, trotzdem würden immer mehr Gruppen abgehängt. Diese Polarisierung lässt sich am besten so beschreiben: Zwar nehmen immer mehr Kleinkinder Betreuungsangebote wahr und 60 Prozent der Schulen halten Ganztagsangebote bereit, die von einem Drittel der Schüler genutzt werden. Positiv halten die Autoren der Studie ebenfalls fest, dass der Anteil von Jugendlichen mit Migrationshintergrund ohne einen allgemeinbildenden und beruflichen Bildungsabschluss gesunken ist.

Die Kehrseite der Medaille zeigt aber, dass Jugendliche ohne deutschen Pass die allgemeine Hochschulreife nur halb so oft erreichen und doppelt so viele von ihnen die Schule ohne Hauptschulabschluss verlassen. Und: Während zehn Prozent der 30- bis 35-Jährigen ohne Migrationshintergrund keinen Abschluss haben, trifft das auf ein Drittel dieser Altersgruppe mit Migrationshintergrund zu.

Maaz führt das auf die „Konstanz der sozialen Ungleichheit“ im deutschen Bildungssystem zurück, die anscheinend immer noch ihre Wirkung zeige, obwohl es durchaus auf diesem Feld in den letzten Jahren „eine positive Entwicklung“ gebe, solche Ungleichheiten im Bildungssystem abzubauen. Wer also aus den sogenannten „bildungsfernen Schichten“ Deutschlands kommt, dem werden auf dessen späterem Schul- und Bildungsweg viele Steine in den Weg gelegt.

Für Maaz und seine Kollegen leiten sich aus dem aktuellen Bildungsbericht und vor allem vor dem Hintergrund der steigenden Zuwanderung in Deutschland folgende Herausforderungen für die Zukunft ab:

Selbst bei insgesamt steigender Bildungsbeteiligung erwerben zu viele Jugendliche und junge Erwachsene maximal einen Hauptschulabschluss oder starten ohne berufliche Qualifikation ins Berufsleben – aufgrund der aktuellen Migrationsentwicklung wieder mit steigender Tendenz. Dieser Zunahme gelte es entgegenzuwirken und die Anzahl gering qualifizierter Menschen zu reduzieren.

Trotz erheblicher Bemühungen sei es noch nicht gelungen, den Zusammenhang zwischen sozialer Herkunft und Bildungserfolg nachhaltig aufzubrechen. Diese Probleme dürften sich im Zuge der neuen Zuwanderung steigern.

Die zunehmenden regionalen Unterschiede innerhalb Deutschlands beträfen auch das Bildungssystem. Um Unterschiede ausgleichen zu können, sollten neben Bildungsfaktoren verstärkt ökonomische und sozial-strukturelle Rahmenbedingungen Berücksichtigung finden.

Der Trend, dass junge Erwachsene nach dem Schulabschluss vermehrt ein Hochschulstudium anstreben, hält an. Die Neuzugänge zur Berufsausbildung sind dagegen weiter rückläufig. Es muss geklärt werden, welche Folgen sich dadurch für die beiden Bildungsbereiche und ihr Verhältnis zueinander ergeben.

Vor allem von privater Seite sind vermehrt Initiativen zur Gründung von Schulen und zur Entwicklung von Studiengängen zu beobachten. Das deutet darauf hin, dass es der öffentlichen Bildungsinfrastruktur nicht ausreichend gelingt, den vielfältigen Qualifikationsbedürfnissen gerecht zu werden.

Der Bericht „Bildung in Deutschland 2016“ wird alle zwei Jahre vorgelegt. Die empirische Bestandsaufnahme informiert Politik, Verwaltung und Praxis sowie die interessierte Öffentlichkeit über aktuelle Entwicklungen und Herausforderungen im Bildungssystem. Er beleuchtet zudem in jeder Ausgabe ein Schwerpunktthema. 2016 ist dies „Bildung und Migration“.

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