Hilfe für beruflichen Einstieg

Was tun die Unternehmen?

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Die Serie „Wirtschaftsfaktor Flüchtling“ beschäftigt sich mit verschiedenen ökonomischen und politischen Chancen und Problemen, die durch den Zuzug von Migranten und Flüchtlingen entstehen. Dabei geht es zum Beispiel um die beruflichen Qualifikationen der Migranten, deren Auswirkungen auf die Konsumausgaben und darum, ob Flüchtlinge den sogenannten Fachkräftemangel beheben können. Heute beschäftigen wir uns mit dem Thema, wie Unternehmen Flüchtlingen helfen können, sich im Arbeitsmarkt zu integrieren.

„Einen flächendeckenden Fachkräftemangel gibt es bei uns nicht“. Dr. Martina Niemann muss es wissen. Die Personalchefin des Luftfahrtunternehmens Air Berlin und Beirat im Bundesverband der Personalmanager kann auf eine langjährige Erfahrung, unter anderem bei der Lufthansa und der Deutschen Bahn, beim Thema Human Ressources zurückblicken.

Einen Fachkräftemangel sieht die Personalexpertin zum Beispiel im Bereich der Pflege. Der könnte, so Niemann, aber hausgemacht sein, da die Löhne in dieser Branche anscheinend nicht attraktiv genug seien, um genügend Arbeitnehmer zu gewinnen. Inwieweit Migranten und Flüchtlinge diese „Pflegelücke“ schließen könnten, bleibt abzuwarten. Letztlich würden die Zuwanderer den positiven Effekt mit sich bringen, dass den Unternehmen, sei es in der Pflegebranche oder auch in anderen Branchen, „ein größeres Auswahlpotenzial“ zur Verfügung stünde.

Generell gebe es aber in Deutschland einen Bedarf an gut ausgebildeten Arbeitskräften. Und die finden die Personaler gegebenenfalls sowohl unter Flüchtlingen als auch unter deutschen Arbeitnehmern.

Das Handicap für Flüchtlinge im Wettbewerb um solche oder andere Arbeitsplätze liegt aber zum großen Teil in ihrem unsicheren Aufenthaltsstatus, den diese in Deutschland genießen. Personalerin Niemann stellt hierzu fest: „Die Asylverfahren dauern bei uns viel zu lange. Sie müssten viel schneller abgeschlossen werden. Das würde den Flüchtlingen als auch den Unternehmen helfen“.

Ein weiteres Handicap der Zuwanderer sind in aller Regel ihre nicht ausreichenden Deutschkenntnisse. „Hier sollten die Unternehmen großzügiger sein“, fordert die Personalexpertin. Mit „großzügig“ meint Niemann, dass die Firmenchefs nicht perfekte Deutschkenntnisse bei der Einstellung von Migranten voraussetzen sollten. „Es gibt durchaus Unternehmensbereiche in denen die Verständigung durchaus über Englisch möglich ist“, sagt Niemann und nennt dabei die Unternehmensabteilungen „IT“ und „Buchhaltung“.

Aber darüber ist sich die Air-Berlin-Personalerin auch im Klaren. Es gibt immer noch genügend „Branchen“ in denen die Vermittlung von Fachkenntnissen über die deutsche Sprache erfolgt. Zum Beispiel bei der Arbeit in den Krankenhäusern. Einen weiteren Nachteil bei der Stellensuche hätten Flüchtlinge beim Nachweis ihrer Qualifikationen, so Niemann. So könnten wichtige Dokumente auf der Flucht verloren gegangen sein oder es gibt Unklarheiten beim Vergleich der Qualifikationen des Herkunftslandes mit den Kenntnissen, die in Deutschland für einen Beruf von einer Fachkraft gefordert werden. Hier sollte es einen Modus geben, die Qualifikationen von Flüchtlingen schneller festzustellen.

Da der Flüchtlingsstrom derzeit „ungefiltert“ auf uns zukomme, kann sich Niemann auch mit dem Gedanken an ein Einwanderungsgesetz anfreunden. „Was wir jetzt erleben, ist alles andere als eine gewollte Migration. Die Menschen wollen überleben“, sagt die Expertin. Für Niemann würde es deshalb Sinn machen, die Einwanderung nach Deutschland aktiver zu gestalten. Hier fehlen ihrer Ansicht nach, noch die entscheidenden (Marketing)Impulse, die Deutschland für potenzielle Einwanderer attraktiv mache. Das gelte auch für die seit 2012 in Deutschland eingeführte „Blue Card“, die es hochqualifizierten ausländischen Arbeitnehmern aus Nicht-EU-Ländern erlaubt, innerhalb der EU und somit auch in Deutschland unter bestimmten Voraussetzungen einer Erwerbstätigkeit nachzugehen.

Übrigens: Mit einem Einwanderungsgesetz kann sich nicht nur Niemann anfreunden. „Niemand prüft die Qualifikation und Leistungsfähigkeit der Flüchtlinge, um festzustellen, ob sie unser Land nicht trotzdem bereichern könnten. Ich finde das falsch“, schreibt Klaus Engel, Chef des Chemiekonzerns Evonik, in einem Beitrag für die „Bild am Sonntag“.

Derzeit, so der Evonik-Vorsitzende, sei das Asylsystem das einzige Nadelöhr für Menschen, die eigentlich aus wirtschaftlichen Gründen nach Deutschland wollen: „Weil wir kein ordentliches Einwanderungsgesetz haben, sind diese Leute gezwungen, Asylanträge zu stellen“, sagt er.

Mit solchen Forderungen steht Engel nicht allein. Laut einer Emnid-Umfrage sind 76 Prozent der Deutschen für ein Einwanderungsgesetz, 17 Prozent sind dagegen. Auch die politischen Parteien angefangen bei Linken, Grünen und der SPD sprechen sich für ein solches Gesetz aus. Und Alt-Kanzler Gerhard Schröder macht sich für ein modernes Zuwanderungsrecht stark. Lediglich die CDU zeigt sich auf diesem Gebiet derzeit noch zaghaft. Aber die Widerstände bröckeln auch hier.

Auch wenn Niemann einem Einwanderungsgesetz positiv gegenübersteht, möchte sie nicht, dass das im Grundgesetz verankerte Asylrecht angetastet wird. „Das sind wir unserer Geschichte schuldig“, stellt die Personalerin fest.

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