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Polizisten kontrollieren ein Café in Düsseldorf, das vor allem von Nordafrikanern besucht wird.

Razzia gegen nordafrikanische Diebe

„Unverschämt und respektlos“

Die Düsseldorfer Polizei hat 2244 Nordafrikaner wegen 4392 Strafdelikten im Visier. Erkenntnisse der Fahndung sollen auch bei Aufklärung der Kölner Silvester-Übergriffe helfen.

Von JOHANNES NITSCHMANN

Großrazzia in der Düsseldorfer Bahnhofsgegend. Fast 300 Polizeibeamte rücken am frühen Samstagabend in das sogenannte Maghreb-Viertel aus. Sisha-Bars, Cafes und Spielcasinos werden großräumig umstellt.

Nach sechs Stunden haben die Fahnder 18 Lokale gefilzt, 294 Personen überprüft und 40 Männer vorläufig festgenommen. In diesem Viertel zwischen Mintrop-, Scheuren-, Luisen- und Ellerstraße, das der Düsseldorfer Volksmund wegen der vielen nordafrikanischen Migranten „Klein-Marokko“ nennt, vermutet die Polizei einen „Rückzugsraum“ für Straftäter, die im Verdacht stehen, serienweise Taschen- und Gepäckdiebstähle, aber auch Einbrüche, Straßenraub- und Drogendelikte zu begehen. Nach der Kriminalstatistik schlägt alle dreieinhalb Stunden ein Täter aus dem Maghreb-Viertel in der Landeshauptstadt zu.

Zwei Wochen nach den gewalttätigen Übergriffen in der Kölner Silvesternacht scheint der nordrhein-westfälischen Polizei ein gezielter Schlag gegen das nordafrikanische Diebesnetzwerk gelungen zu sein. Die sexistischen Attacken gegen Hunderte von Frauen auf der Platte zwischen Dom und Hauptbahnhof sollen von einer marodierenden Männerhorde aus den Maghreb-Staaten ausgegangen sein. Von den Festnahmen im Düsseldorfer Bahnhofsviertel versprechen sich die Fahnder auch Erkenntnisse, um die Strafermittlungen wegen der Gewaltexzesse in der Domstadt vorantreiben zu können, erklärt Kriminaldirektor Frank Kubicki.

Die Polizei hat das „Maghreb-Viertel“ bereits seit Mitte 2014 im Visier. Insgesamt 2244 tatverdächtige „nordafrikanische Personen“ wurden in den letzten anderthalb Jahren registriert, ihnen werden 4392 Strafdelikte zugeschrieben: vom Taschendiebstahl über Rauschgiftdelikte bis zur Körperverletzung. Dies geht aus dem 18-seitigen Dossier des Auswerte- und Analyseprojekt „Casablanca“ hervor, das unserer Zeitung vorliegt.

In der Unterzeile des vertraulichen Berichts heißt es: „Nordafrikanische Tatverdächtige in Düsseldorf“. Die von der Staatsanwaltschaft Düsseldorf verfolgten Straftäter kommen sämtlich aus den Maghreb-Staaten: Ägypten, Algerien, Libyen, Marokko, Mauretanien und Tunesien. Häufig werden sie gleich aus der U-Haft einem Richter zugeführt und im „beschleunigten Verfahren“ verurteilt. Bereits am 27. Januar 2015 hatten 200 Polizisten bei einer Razzia 15 Nordafrikaner festgenommen.

Haupttatort der nordafrikanischen Szene ist meist die Düsseldorfer Altstadt. In der drangvollen Enge des Vergnügungsviertels an Wochenenden seien häufig beschwipste Personen das „ideale Opfer“, berichtet Kubicki. Tanzend („Antänzer“) oder dribbelnd („Ronaldo-Trick“) näherten sich die Täter im Slapstick und zögen Altstadt-Besuchern Smartphones oder Geldbörsen aus ihrer Tasche. Nach der immer gleichen Masche.

Ein Drittel der überführten Nordafrikaner gab an, in Düsseldorf wohnhaft zu sein. Die restlichen Täter reisten zu den Beutezügen aus dem Umland an, häufig wohnten sie in Flüchtlingsunterkünften. Treffpunkt ist nach den Erkenntnissen der Polizei die bunte Lokalszene im Maghreb-Viertel. „Dort strukturieren sie sich und treten in wechselnder Beteiligung auf“, sagte Kubicki. „Wir haben da schon die richtigen Leute im Fokus.“ Nach den Feststellungen des Ermittlungsprojekts „Casablanca“ sind die beiden Marokkaner Khalid N., 28, und Taoufik M., 33, als Drahtzieher verdächtig. Die Beamten gehen davon aus, dass N. und M. unter jungen Flüchtlingen Nachwuchs für ihre kriminellen Machenschaften rekrutieren. Dies geschieht womöglich auch über soziale Medien. Als Meldeadresse haben die beiden Hauptverdächtigen ein Düsseldorfer Asylbewerberheim angegeben. Ob die beiden dort wirklich auch leben, gilt aber nicht als gesichert.

Juristisch umstritten ist derzeit, ob die Nordafrikaner im Sinne des Gesetzes eine „kriminelle Bande“ bilden. Nach Einschätzung von Kriminaldirektor Kubicki spricht vieles dafür. „Wir haben es in dieser Szene ganz klar mit Rädelsführern und Clanchefs zu tun.“

Doch der letzte strafrechtliche Nachweis sei seinen Fahndern bisher nicht gelungen. Solange es keine hieb- und stichfesten Beweise für organisierte Kriminalität gibt, bleibt den Ermittlern aber die Telefonüberwachung der nordafrikanischen Antänzer-Szene verwehrt. Womöglich müsste im Falle nachgewiesener Bandenkriminalität auch das Landeskriminalamt (LKA) die Ermittlungen übernehmen. Die jüngste Großrazzia im Düsseldorfer Bahnhofsviertel zielte vor allem darauf ab, Strukturen im Milieu abzuklären. „Dabei wollten wir schauen, wer da mit wem zusammensitzt und gemeinsam agiert“, sagt Kubicki. „Wir müssen auch dahin, wo die Täter sich aufhalten, vermeintlich sicher fühlen, ihre Taten verabreden und die gemachte Beute absetzen.“

Für besorgniserregend hält der Düsseldorfer Kriminaldirektor vor allem die zunehmende Gewalttätigkeit in der Taschendieb-Szene. Bei ihren Übergriffen stünden die Täter häufig unter Alkohol- und Drogeneinfluss. Opfer würden genauso aggressiv angegriffen wie Polizeibeamte. „Die Gruppe erscheint insgesamt unverschämt und respektlos“, schreibt eine Kriminalbeamtin.

Auch die Kölner Polizei hat in der Taschendieb-Szene etwa 1800 Personen aus Nordafrika im Visier. Bei ihren Raubzügen seien die Täter oftmals mit Messern und Totschlägern bewaffnete, berichtet der Kölner Chefermittler Günther Korn. „Fast keiner ist nüchtern, wenn er auf Raubzug geht.“ Damit sie länger auf der Straße durchhielten, nähmen die Täter Drogen und spezielle Betäubungstabletten. Dies mache sie besonders aggressiv. Polizisten müssten immer wieder Gewalt anwenden, um diese Täter bei der Festnahme „zu bändigen, damit sie nicht entwischen“.

Die Täter sind offenkundig polizeiresistent. „Eine zwischenzeitliche Festnahme nach Diebstahldelikt bewirkt offenbar kein Umdenken“, heißt es in dem „Casablanca“-Bericht. Nur wenig später seien die Festgenommenen schon wieder in den Vergnügungsvierteln der Düsseldorfer Altstadt oder an den Kölner Ringen als Straftäter in Erscheinung getreten.

Bei dieser Klientel handele es sich um „moderne Nomaden“, sagt Rechtsanwalt Ingo Lindemann, der einen Tatverdächtigen der Kölner Silvesternacht wegen Diebstahls verteidigt. „Sie sind keine Kriegsflüchtlinge, sondern große Straßenkinder, die mit dem Flüchtlingsstrom durch Europa ziehen.“ NRW-Innenminister Ralf Jäger (SPD) erklärte in der jüngsten Sitzung des Innenausschusses, nordafrikanische Familien schickten immer häufiger ihren ältesten und leistungsstärksten Sohn nach Europa, um dort Geld zu verdienen. Die von den Familien vorfinanzierten Reisen würden in der Regel über Schleuserbanden organisiert.

Nach einem aktuellen Bericht der „Welt“ sollen sich die führenden Innenpolitiker von CDU, FDP und Grünen am 23. Oktober 2014 in einer Sitzung des Innenausschusses im Düsseldorfer Landtag mit dem Innen-Staatssekretär Bernd Nebe (SPD) fraktionsübergreifend darauf verständigt haben, Gewalttaten nordafrikanischer Männer in Flüchtlingsheimen nicht öffentlich zu problematisieren. Die Bevölkerung solle nicht zu sehr beunruhigt werden. FDP-Fraktionsvize Wolfgang Stamp soll laut Protokoll seine Abgeordnetenkollegen gewarnt haben, solche Vorfälle könnten „schnell dazu führen, dass von interessierter Seite Stimmung gemacht“ werde.

Zuvor hatte es aus der landeseigenen Erstunterkunft in Neuss einen Brandbrief an die Politiker und die für die Flüchtlingsunterbringung zuständige Bezirksregierung Arnsberg gegeben. „Unsere Gäste aus Nordafrika laufen aus dem Ruder“, schrieb Stephanie Held als Aufseherin der Neusser Asylanten-Einrichtung im Herbst 2014 an ihre Dienstvorgesetzten. „Wir brauchen ganz dringend Unterstützung.“ Unter dem Einfluss von Drogen und Alkohol machten 15 Marokkaner fast jede Nacht Randale. Ärzte des örtlichen Krankenhauses seien mehrfach gewalttätig bedrängt worden, ihnen Psychopharmaka zu geben.

Nach Bekanntwerden dieses Hilferufes der Flüchtlingshelfer räumte Minister Jäger in der Innenausschusssitzung vom 20. November 2014 ein, dass Flüchtlinge aus nordafrikanischen Staaten, „ein Verhalten an den Tag legen, das sicher problematisch“ sei. Zum Stillschweigen riet Jäger den Abgeordneten aber ausdrücklich nicht. „Wer die Probleme lösen will, muss sie ehrlich benennen.“

Ob der wegen des fehlerhaften Polizeieinsatzes in der Kölner Silvesternacht politisch in arge Bedrängnis geratene NRW-Innenminister über die Erkenntnisse seiner Düsseldorfer „Casablanca“-Fahnder im Bilde war, ist derzeit nicht klar. Die schriftliche Beantwortung einer Recherche-Anfrage unserer Zeitung lehnte das Ministerium wiederholt ab. Ein Sprecher verwies lediglich darauf, dass das Dossier über die nordafrikanische Kriminellen-Szene im Düsseldorfer Maghreb-Viertel nicht ausdrücklich an das Innenministerium adressiert sei. Allerdings habe der Bericht das Haus wohl irgendwann „informell“ erreicht. „Aber wir wissen nicht, wo der Bericht genau ist.“

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