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Der verdiente Respekt

Der Zeitpunkt, um Alarm zu schlagen, kommt vielleicht etwas zu spät. Die Respektlosigkeit gegenüber Menschen in öffentlichen Diensten, auf die Bundesinnenminister Thomas de Maizière jetzt mit viel

Der Zeitpunkt, um Alarm zu schlagen, kommt vielleicht etwas zu spät. Die Respektlosigkeit gegenüber Menschen in öffentlichen Diensten, auf die Bundesinnenminister Thomas de Maizière jetzt mit viel Pathos hinwies, gibt es nicht erst seit gestern. Frankfurter Polizisten wissen schon länger, dass es bei manchen Nachteinsätzen in bestimmten Stadtteilen ratsam ist, nicht nur mit einer Streifenwagenbesatzung an besagten Orten nach dem Rechten zu sehen. Doch nicht nur in den sogenannten Problemvierteln der Metropolen lauert die Gewalt und die Respektlosigkeit auf die Polizei. Auch bei politischen Demonstrationen oder Hooligan-Aufmärschen bei Risiko-Fußballspielen ist die Gefahr für die Beamten nicht weit.

Thomas de Maizière will aber nicht nur die vielen Polizisten vor Gewalt geschützt wissen. Zu den Zielen respektloser Attacken zählen mittlerweile zum Beispiel ebenfalls Mitarbeiter der Feuerwehr sowie der Sozial-, Arbeits- und Finanzämter. Erinnert sei an dieser Stelle auch an den Landrat des Kreises Hameln-Pyrmont, Rüdiger Butte, der von einem 73-jährigen Rentner in seinem Dienstzimmer erschossen wurde.

Viele Polizisten fühlten sich als Vertreter des Staates wie der Fußabtreter einer der Politik überdrüssig gewordenen Gesellschaft. So drastisch formuliert Andreas Grün, Chef der Gewerkschaft der Polizei Hessen, das vorherrschende Gefühl bei seinen Kollegen. Auch wenn es wie eine hohle Phrase klingt: Der Staat hat sich die vielfache Missachtung gegenüber seinen Institutionen, selbst zuzuschreiben, in dem er seine „Vertreter an der Basis“ zu oft im Regen stehen lässt. Die Kölner Silvesternacht, und was wir später darüber erfahren haben, ist dafür ein Beispiel. Und wer seine Staatsdiener in solchen Unsicherheiten agieren lässt, schafft das Vakuum, das in Respektlosigkeit und Gewalt endet. Für die vom politischen System enttäuschten Täter sind dann die Repräsentanten des Staates, sei es nun der Polizist, der Feuerwehrmann oder der Hartz-IV-Beamte, die Zielscheibe ihrer Aggression.

Bereits 2014 wagte sich die Bochumer Polizeibeamtin Tania Kambouri mit einem Brandbrief an die Öffentlichkeit und machte auf die zunehmende Respektlosigkeit und Gewalt gegenüber Polizeibeamten aufmerksam, die ihrer Erfahrung nach vielfach von jungen Migranten ausgehe. Den Kambouri-Brief kennen natürlich auch viele hessische Polizisten und stimmen ihrer Kollegin aus Nordrhein-Westfalen zu, wenn sie den Finger in die Wunde der Respektlosigkeit legt.

Wenn der liberale Rechtsstaat Bundesrepublik, seine Institutionen und seine Vertreter die Wertschätzung und Aufmerksamkeit durchsetzen wollen, die ihnen zusteht, dann bedarf es nicht nur schärferer Strafgesetze, um die Respektlosen schnell in die Schranken zu weisen, sondern auch einer, wie von de Maizière gefordert, gesellschaftlichen Diskussion um dieses brisante Thema. Dabei sollten die Protagonisten eines solchen Diskurses den Respekt nicht mit einer soldatischen oder mit einer Ehrfurcht einfordernden Tugend verwechseln, sondern sich an angelsächsischen Traditionen orientieren. In Großbritannien versteht man unter „Respekt“ die Achtung, die jeder Mensch jedem anderen Menschen entgegenbringen sollte. Vor diesem Hintergrund ist der „Respekt“ in den USA auch ein durchaus angesehenes und universell anerkanntes Erziehungsziel. Das verdient Respekt.

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