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Kardinal Reinhard Marx (links), Vorsitzende der Bischofskonferenz, und der Bischof Stephan Ackermann, Missbrauchsbeauftragter der katholischen Kirche, mit dem umstrittenen Bericht.

Missbrauchsskandal

Die vertagte Konsequenz: Katholische Kirche hat noch keine Veränderungen beschlossen

Der Vorsitzende der Bischofskonferenz bereitet die katholische Kirche auf Veränderungen vor und sendet positive Signale an die Opfer. Mit ihnen will die Kirche in einen Dialog treten. Doch die bleiben skeptisch.

20 Minuten vor Beginn der offiziellen Präsentation der Studie zu sexuellem Missbrauch tragen Mitarbeiterinnen der katholischen Deutschen Bischofskonferenz Kiste um Kiste mit der 300 Seiten starken Untersuchung herein. Mehr als 100 Medienvertreter stürzen sich auf den Band samt Zusammenfassung. Um 13.15 Uhr stehen dann der Vorsitzende der Bischofskonferenz, Kardinal Reinhard Marx und der Missbrauchsbeauftragte der Bischofskonferenz, Stephan Ackermann, mit ernster Mine im Mittelpunkt von Fotografen und Kameraleuten.

Die Studie, die ihnen der Koordinator des Forschungsverbunds, der Mannheimer Wissenschaftler Harald Dreßing, überreicht, ist in Teilen bekannt. Sie erfasst für den Zeitraum von 1946 bis 2014 insgesamt 3677 Kinder und Jugendliche, die Opfer sexueller Gewalt von 1670 Klerikern wurden. Das sind die Zahlen, die bei der Auswertung von über 38 000 Personal- und Handakten nachweisbar waren, die „Spitze des Eisbergs“, wie Dreßing sagte. Denn die Dunkelziffer von Opfern und Tätern dürfte weitaus höher liegen.

Die Wissenschaftler geben der katholischen Bischofskonferenz harten Tobak mit auf den Weg: Sie verwiesen auf „klerikale Machtstrukturen“, die über Jahrzehnte Missbrauch begünstigt hätten. Zudem ziehen sie das „komplexe Zusammenspiel“ von sexueller Unreife und verleugneten homosexuellen Neigungen in teils offener homophober Umgebung als Erklärung dafür in Betracht, dass überwiegend Jungen Opfer sexuellen Missbrauchs wurden. Und die Forscher stellen auch fest: „Das Risiko sexuellen Missbrauchs von Kindern und Jugendlichen innerhalb der Strukturen der katholischen Kirche besteht fort.“

Im Verlaufe der Präsentation wird Kardinal Marx immer wieder davon sprechen, welchen Lernprozess er selbst seit 2010 durchgemacht habe. Dass er zunächst dachte, es handele sich bei Missbrauch um Einzelfälle, die man durch Versetzungen lösen könnte. „Schritt für Schritt“ habe er lernen müssen, dass seine Kirche die Opfer übersehen, nicht auf sie gehört habe. Die öffentliche Wahrnehmung der Missbrauchskriminalität „hat uns wie ein Schock erwischt“, räumte er ein, „aber auch aufgerüttelt“.

Marx kann das Votum der 66 Mitglieder der Bischofskonferenz nicht vorweg nehmen, die sich seit Montag und noch bis Donnerstag in Fulda zu ihrer Herbst-Vollversammlung treffen. Aber auch bei ihnen kam an, so schildert es Marx, dass bei der Aufarbeitung der Missbrauchsfälle künftig das Gespräch mit den Betroffenen im Mittelpunkt stehen müsse. „Die Studie hilft uns, tiefer zu sehen, klarer zu erkennen, die richtigen Entscheidungen zu fällen“, sagte er und signalisierte bereits Gespräche über die Priesterauswahl, über die Sexualmoral der katholischen Kirche, über den Zölibat, über das Verhältnis zur Homosexualität. „Der Weg ist nicht zu Ende“, betonte der Kardinal.

Ihm und Bischof Ackermann sei klar, dass die katholische Kirche zur weiteren Aufarbeitung der Missbrauchsfälle Hilfe von außen benötige – ganz gleich ob durch weitere externe Untersuchungen oder in Kooperation mit staatlichen oder teilstaatlichen Institutionen. Das dürfte noch einmal Jahre in Anspruch nehmen.

Auch deshalb bleiben die Betroffenenverbände skeptisch. „Wir haben eine veränderte Tonlage gehört“, sagte der Sprecher des „Eckigen Tisches“, Matthias Katsch. Aber: „Wir sind gespannt, ob dieser Ankündigung auch Taten folgen werden.“

dfg f dgh tg

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