Schon 27 Ansteckungsfälle

Viele Kinder nicht geimpft: Masern-Alarm in Hessen

Die Masern sind wieder da. In Hessen gab es schon 27 Ansteckungsfälle. Grund für die Ausbreitung ist, dass Eltern aus Nachlässigkeit oder ideologischen Gründen ihre Kinder nicht impfen lassen. Das hat nun Folgen.

Masern-Alarm in Hessen. In ganz Deutschland sind 43 Fälle gemeldet, Hessen hat mit 27 den Löwenanteil abbekommen. Im ganzen vergangen Jahr waren in unserem Bundesland nur zehn Fälle gemeldet worden. Hessens Gesundheitsminister Stefan Grüttner empfiehlt, sich gegen die Krankheit impfen zu lassen. „Sind mindestens 95 Prozent der Bevölkerung durch Impfungen oder eine durchgemachte Masernerkrankung vor einer Infektion geschützt, werden Übertragungsketten unterbrochen und Masern können in der Bevölkerung nicht mehr anhaltend zirkulieren“, so Grüttner.

Wie groß die Impflücken teilweise sind, zeigt der Fall der Hofheimer Brühlwiesenschule, wo das Gesundheitsamt wegen des fehlenden Impfschutzes Schulverbote für mehrere hundert Schüler und mehr als 50 Lehrer verhängte.

Eine Zahl ungeimpfter Menschen, die für René Gottschalk, Leiter des Frankfurter Gesundheitsamtes, nicht nachvollziehbar ist. „Ich bin es langsam leid. Um das Zika-Virus machen die Leute ein Riesentheater, und gegen eine handfeste Bedrohung wie Masern lassen dieselben Leute ihre Kinder nicht impfen“, kritisiert der Experte für Infektionskrankheiten.

Der Landkreis Limburg-Weilburg teilt mit, dass in diesem Jahr bereits vier „labortechnisch bestätigte“ Meldungen über Masernerkrankungen eingegangen seien. An einer Grundschule in Weilburg fällt deshalb seit gestern der Unterricht aus. 240 Kinder, ihre Lehrer und Betreuer müssen mindestens bis einschließlich Mittwoch zu Hause bleiben. Ein Kind war in der vergangene Woche erkrankt, die Diagnose kam am Freitag. Drei Geschwister besuchen dieselbe Schule, was eine hohe Streuung des Virus’ bedeuten könnte.

Das Gesundheitsamt des Kreises Limburg-Weilburg schickt am Donnerstag seine Mitarbeiter in die Schule. Nur Kinder mit Impfschutz oder ärztlichem Attest dürfen dann wieder am Unterricht teilnehmen. Schulleiterin Susanne Siegmund sagt: „Die Gesundheitsvorsorge hat absoluten Vorrang vor der Schulpflicht.“

Aus dem Kreis Groß-Gerau meldet Sprecherin Angelika Taubel: „Es gibt aktuell drei Masernfälle im Kreis. Es handelt sich dabei um drei Geschwisterkinder.“ Taubel rät dringend zur Impfung und warnt: „Masern beginnen wie ein normaler grippaler Infekt, in dieser Zeit sind die Patienten aber schon ansteckend.“

Im Hochtaunuskreis gibt es zwei Masernfälle. Da es keine Impfpflicht gibt, sieht das zuständige Gesundheitsamt auch keine Handhabe, die Impfausweise in den Schulen zu kontrollieren. „Das ändert sich allerdings, sollte ein Fall von Masern an einer Schule auftreten“, sagt Kreissprecherin Andrea Herzig. Dann würde das Gesundheitsamt den Impfstatus überprüfen und unter Umständen auch Schulverbote aussprechen.

Im Gegensatz zum Hochtaunus ist Usingen noch masernfreie Zone. Hans-Konrad Sohn, stellvertretender Direktor der Christian-Wirth-Schule, hat keinen Plan B, was eventuelle Masernfälle betrifft. „Die Schulen würden dann vom Kreisschul- oder Gesundheitsamt zum Handeln aufgefordert. Aber bisher kamen auch keine Eltern mit dieser Frage auf uns zu.“

Lorraine Schmidt, von der Konrad-Lorenz-Schule in Usingen (Haupt- und Realschule) betont, dass die Lehrer natürlich sensibilisiert seien. „Aber bisher hatten wir noch nie Masern an der Schule.“

Kontrolle ist schwierig

Flächendeckend die Impfpässe von Schülern und Lehrern zu kontrollieren, hält Professor Gottschalk, der Leiter des Frankfurter Gesundheitsamtes, für unnötig. „Wir konzentrieren uns auf die Brennpunkte und haben damit gute Erfahrungen gemacht.“ Es sei auch überhaupt nicht möglich, alle Schulen zu überprüfen, sagt er. Mit einer Schule von der Größe des Höchster Friedrich-Dessauer-Gymnasiums seien fünf Mitarbeiter des Gesundheitsamtes einen ganzen Tag beschäftigt. „Wir können nicht verhindern, dass Kinder, die nicht geimpft sind, sich mit Masern anstecken“, macht der Amtsleiter deutlich, dass die Verantwortung hier bei den Eltern liegt.

Viele Lehrer mauern

Zwischen 91 und 92 Prozent der Frankfurter Schüler seien geimpft – und damit geschützt. Dass die Schulen selbst aktiv werden und etwa über die Klassenlehrer die Impfausweise ihrer Schüler überprüfen, hält Gottschalk für unrealistisch. „Beim Impfausweis handelt es sich um ein ärztliches Dokument, das ein Patient niemand anderem zeigen muss“, betont er. Erschwerend komme hinzu, dass gerade viele Lehrer „dem Impfen nicht besonders positiv gegenüber stehen“. Deshalb müsse man davon ausgehen, dass sich der ein oder andere Pädagoge weigern würde, Impfpässe zu kontrollieren. „Das behalte ich lieber in den Händen des öffentlichen Gesundheitssystems“, unterstreicht Gottschalk. Er finde es aber bedenklich, dass viele Lehrer sich weder impfen ließen, noch ihre Dokumente vorlegten und stattdessen lieber zwei Wochen zu Hause blieben.

Beim letzten großen Masernausbruch hatten sich in Berlin Ende 2014, Anfang 2015 mehr als 1400 Menschen mit der gefährlichen Infektionskrankheit infiziert. Ein 18 Monate alter Junge starb.

Die zuletzt in Hessen aufgetretenen Fälle sind aus Sicht des Experten Gottschalk mit großer Wahrscheinlichkeit auf die drei Schüler zurückzuführen, die sich auf einer Skifreizeit in der Schweiz mit Masern infiziert hatten.

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