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Professor Michael Waidner

Manipulationen im Bundestagswahlkampf

„Viele Möglichkeiten für Hacker“

Angesichts der Sorgen über eine mögliche russische Einmischung in den Bundestagswahlkampf suchen die Parteien nach Rezepten gegen Meinungsmanipulation im Internet. Während die Sozialdemokraten auf ein Fairness-Abkommen für den Wahlkampf setzen, dringen einige in der Union auf schärfere Strafgesetze gegen Desinformation im Netz. Dieter Hintermeier sprach über das Thema mit Professor Michael Waidner. Dieser lehrt an der Technischen Universität Darmstadt das Fach Sicherheit in der Informationstechnik und ist Leiter des Fraunhofer-Instituts für Sichere Informationstechnologie (Fraunhofer SIT).

Deutsche Politiker fürchten sich vor russischen Cyber-Angriffen während der Bundestagswahl. Halten Sie das für möglich?

MICHAEL WAIDNER: Cyber-Angriffe mit dem Ziel, politische Wahlen zu beeinflussen, sind natürlich auch in Deutschland denkbar. Ich glaube nicht, dass die Server der deutschen Parteien und Medien prinzipiell besser geschützt sind als die in den USA. Dort wurden etwa die Systeme der beiden großen Parteien gehackt. Früher schon wurden Angriffe zum Beispiel auf die „New York Times“ bekannt. In Deutschland wurde der Deutsche Bundestag erfolgreich angegriffen.

Wie könnte so ein Angriff aussehen?

WAIDNER: Für solche Angriffe gibt es viele Möglichkeiten. Vorstellbar wäre, dass zum Beispiel ein Politiker gezielt mit einer E-Mail angesprochen wird, die einen „vergifteten“ Anhang enthält. Wird der Anhang geöffnet, dann kann der Angreifer in das E-Mail-System der entsprechenden Partei eindringen und dort, wie in den USA geschehen, alle E-Mails auslesen und gezielt verbreiten. Eine andere Variante besteht darin, dass die Angreifer das Internet so manipulieren, dass Nachrichten leicht abgefangen oder manipuliert werden. Ähnliches hat Snowden für die NSA beschrieben, und unsere eigenen Erfahrungen aus Forschungsprojekten bestätigen, dass solche Angriffe relativ einfach durchzuführen sind.

Kann man sich dagegen wehren?

WAIDNER: Ganz ausschließen kann man solche Angriffe nicht. Aber man kann es dem Angreifer möglichst schwer machen. Man geht davon aus, dass 80 Prozent der heute erfolgreichen Angriffe auf Organisationen relativ einfach durch bekannte Sicherheitsmechanismen verhindert werden könnten. Wichtig ist auch, dass man Vorsorge trifft, erfolgreiche Angriffe möglichst schnell zu erkennen, denn nur dann kann man auch entsprechend reagieren. Heute vergehen im Schnitt einige Hundert Tage, bis ein Angriff erkannt wird.

Könnte man Wahlen durch soziale Netzwerke, also via Facebook oder Twitter manipulieren?

WAIDNER: Da viele Menschen ihre Informationen vorwiegend aus sozialen Medien beziehen, kann man darüber natürlich auch deren politische Meinung manipulieren. Leicht können Falschmeldungen verbreitet und durch gefälschte „Gefällt mir“ scheinbar bestätigt und auf jeden Fall verstärkt werden. Noch manipulativer sind automatisiert erstellte, aber hoch-individualisierte E-Mails, die genau auf die Interessen und Meinungen des Empfängers abgestimmt sind. Damit kann man sehr effizient auch radikale Vorurteile bedienen und verstärken.

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