Ursula Seufert ist 105 Jahre alt. Sie wohnt in Oberursel in einem Appartment einer Seniorenresidenz.
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Ursula Seufert ist 105 Jahre alt. Sie wohnt in Oberursel in einem Appartment einer Seniorenresidenz.

Leben in einem biblischen Alter

Vier Menschen über 100 erzählen aus ihrem Alltag

Als junge Dame wollte sie hoch hinaus. Mit dem Seil erklomm sie den höchsten Gipfel des Wahrzeichens in den Dolomiten, den Drei Zinnen.

In Deutschland lebt die zweitältese Gesellschaft der Welt. Und die Menschen werden immer älter. Zuletzt portraitierte im Kino der Dokumentarfilm "Ü100" das Leben von Menschen in Deutschland, die über 100 Jahre alt sind. Wir nehmen das zum Anlass und fragen bei Senioren aus dem Rhein-Main-Gebiet nach. Was macht das Leben für sie lebenswert? Auf was freuen sie sich? Welche Einschränkungen gibt es für sie? Lesen Sie vier spannende Portraits.

Ursula Seufert, 105 Jahre

Als junge Dame wollte sie hoch hinaus. Mit dem Seil erklomm sie den höchsten Gipfel des Wahrzeichens in den Dolomiten, den Drei Zinnen. Doch nie hätte sich Ursula Seufert träumen lassen, dass sie einmal auch altersmäßig in den höchsten denkbaren Gefilden unterwegs sein würde. Die Oberurselerin ist mit 105 Jahren eine der betagtesten Bürger im Rhein-Main-Gebiet – im Pflegeheim Aumühlenresidenz in Oberursel ist sie die älteste Bewohnerin.

Wer immer die zierliche Person mit den wachen Augen trifft, kann überzeugt sein: Diese Dame, die zwei Weltkriege miterlebt hat, ist noch ganz im Hier und Jetzt. Fernsehen? „Och, manchmal hab ich keine Lust“, sagt sie und kräuselt die Nase. Lieber liest sie die Tageszeitung – beim Kreuzworträtsel ist sie akribisch mit der Lupe zugange. Oder die studierte Geografin besucht eine der Veranstaltungen in der Bibliothek der Residenz.

Neulich hat sie einen Termin vergessen. „Hier oben lässt’s langsam nach“, sagt sie und tippt sich an die Schläfe. Bis sie vor drei Jahren stürzte und einen Oberschenkelhalsbruch erlitt, ging Ursula Seufert noch auf Konzerte – die klassische Musik ist eine ihrer Leidenschaften. Seither ist sie mit Rollator unterwegs. Den Hundertsten hatte sie noch ohne Hilfsmittel mit Familie und größerer Gesellschaft im Gemeindehaus der benachbarten Christuskirche gefeiert.

Die Seniorin spürt, dass ihr Körper allmählich schwächer wird. Seit kurzem streikt das linke Ohr, und die Finger greifen nicht mehr so gut. Das Abendbrot bereitet sie sich nach wie vor selbst zu, doch kann es passieren, dass ihr der Brotlaib aus den Händen rutscht. Bücken mit 105 Jahren? Kommt nicht in Frage; sie hat ja die große spitze Schere . . .

Manchmal schaut sie von einem der beiden Balkone ihres schönen Appartments mit Blick auf die Taunushöhen – im Visier die Fahrradfahrer unten auf der Straße. Radfahren, das hat sie immer gern gemacht, sogar bei minus 20 Grad. Ginge es ums Wollen, sie würde sofort auf eins aufsteigen, „aber das geht ja leider nicht mehr“. Auch reisen tut sie nur noch in Gedanken. Ihr 2005 verstorbener Mann habe immer nach Neuseeland gewollt. „Aber ich habe gesagt: Das ist zu teuer. Hätten wir es nur mal gemacht!“

Nun weilt die Enkelin in Neuseeland. Sie kommt bald zurück, und die Seniorin freut sich auf deren Besuch und die Fotos. Ihre Kinder und Enkel zu sehen, die weit verstreut in Deutschland leben, ist es, was ihr viel Auftrieb gibt. Und die Erinnerungen – auch an ihre Reisen nach Afrika, für das sie als Fachredakteurin beim Brockhausverlag zuständig war. „Aber an Südtirol habe ich die schönsten Erinnerungen“, sagt sie. (ahi) Barys Kit, 107 Jahre

„Ich bin ein berühmter Mann“, sagt Barys Kit und lächelt verschmitzt. Der 107-Jährige, der mit Sakko samt Einstecktuch in seinem Rollstuhl sitzt, übertreibt nicht. Aus St. Petersburg stammend, floh er mit seiner Familie vor der Revolution erst nach Weißrussland, später vor den Nazis und landete schließlich in den Vereinigten Staaten. Der Mathematiker, Physiker und Chemiker arbeitete dort für das Raumfahrt-Programm, an der Verflüssigung von Wasserstoff für die Apollo-Mission. „Ich kannte den Raketeningenieur Wernher von Braun, der war sehr nett“, erinnert er sich. Die schönste Zeit seines Lebens sei die in den USA gewesen.

Seit er im Alter von 100 Jahren ins Altenzentrum der Jüdischen Gemeinde in Frankfurt zog, ist seine Welt viel kleiner geworden. Drei Ehefrauen und einen Sohn hat er überlebt, der zweite wohnt in den USA. Er sei aber „nicht einsam“, betont er, sondern mit seinem Leben sehr zufrieden. „Ich habe schließlich den Menschen geholfen und war kein Soldat.“ Die Ehefrauen, so scherzt er mit einem charmanten Lächeln, habe er übrigens „nicht gleichzeitig gehabt, sondern nacheinander.“

Wie er so alt geworden ist? Ein Patentrezept hat er nicht. Er habe nie geraucht, wenig Alkohol getrunken und früher viel Fußball gespielt. Aber vor allem die geistige Beschäftigung scheint ihn fit zu halten. „Ich interessiere mich immer noch für die Raumfahrt, auch wenn ich die Nachrichten akustisch leider nicht mehr verstehe“, erklärt er.

Er holt die Bücher, die über ihn geschrieben wurden, aus den Schubladen und zeigt ein großes Schwarz-Weiß-Foto von seiner Familie. Dann kommt Bewegung in sein Gesicht, er unterhält sich gern. „Früher sprach ich Russisch, Englisch, Französisch und Deutsch“, sagt er. „Aber vieles verschwindet jetzt natürlich.“

Der 107-Jährige ist inzwischen fast blind, hört nur noch auf einem Ohr, und selbst das ziemlich schlecht. „Ich bin schon halb kaputt“, meint er, lacht aber dabei. Auf seinen 110. Geburtstag freut er sich trotz mancher Beschwerden. „Dann wird hier im Heim wieder groß gefeiert“, sagt er – und fügt mit einem Augenzwinkern hinzu: „Vielleicht kann ich kommen.“

Jetzt aber ist erst einmal Sommer. Eine Jahreszeit, die Barys Kit sehr mag – nicht nur weil er Eis-Liebhaber ist. „Eigentlich esse ich alles gern“, räumt er ein. „Aber von allem nicht mehr so viel.“

Zu den Kleinigkeiten, die er in seinem Alter noch genießt, gehört auch der Blick aus dem Fenster. Obwohl er nur wenig erkennt, weiß er doch, dass von dort aus nachts der Mond zu sehen ist. Dorthin ist die Rakete geflogen, an deren Antrieb er mitwirkte – und der Gedanke daran lässt ihn immer noch strahlen. (pro) Herta Hansen, 106 Jahre

Herta Hansen sitzt in ihrem Zimmer im Altenhilfezentrum in Mörfelden-Walldorf. Eine Tagesdecke schützt ihr Bett, der große Sessel, in dem sie sich niedergelassen hat und sich mit Hilfe einer Lupe über das Leben der Schauspieler und Hoheiten der Welt auf dem Laufenden hält, hat sie aus ihrem Zuhause in Hagen mitgebracht. „Allzu viel Platz ist hier ja nicht, aber ich freue mich, dass ich doch ein paar, für mich wichtige Erinnerungsstücke mitbringen konnte“, sagt die Seniorin.

Herta Hansen ist 106 Jahre alt, hat zwei Weltkriege überlebt, hat geheiratet und einen Sohn bekommen. Im Oktober 1910 wurde sie in Pommern geboren und hat dann ihr ganzes Leben in Hagen verbracht. Bis ihr Sohn 2011 gestorben ist und ihre Schwiegertochter, deren Familie in Mörfelden lebt, sie nicht alleine zurücklassen wollte.

„Bis ich 100 Jahre alt war, habe ich noch alleine in meinem Häuschen gelebt und mich auch fast alleine versorgt. Jetzt hier ist es aber auch ganz schön“, sagt Herta Hansen. Sie dusche noch selbstständig, zu Beginn des Jahres habe man ihr einen Rollator besorgt, weil das Pflegepersonal die Spaziergänge an der frischen Luft ohne die Unterstützung als zu gefährlich erachtetet. „Ich habe bis vor kurzem auch die Sitzgymnastik noch mitgemacht, aber jetzt geht mein Blutdruck immer so hoch dabei. Das bereitet mir etwas Sorge“, sagt die alte Dame.

Sie erfreut sich an den Bingo-Runden im Tagesprogramm oder am gemeinsamen Singen. „Das macht der Schwager meiner Schwiegertochter. Er holt mich sogar immer persönlich in meinem Zimmer ab. Und dann singen wir Volkslieder, oder er erzählt hessische Geschichten.“ Mittags verpasse sie nie ihre Lieblingsfernsehserie „Sturm der Liebe“.

Hertha Hansen bedauert es, dass sie nicht mehr handarbeiten kann. Sie steht aus ihrem Sessel auf, geht zum Schrank und zieht zwei selbst gemachte Strickjacken aus ihrem Schrank. „Schön oder?“, deutet sie auf die gehäkelte, mit rosa Blütenmuster aufwendig verzierte Jacke. „Das ist echt ein bisschen schade, aber meine Augen machen leider nicht mehr mit.“

Was sie sich noch wünscht? Was sie noch erleben möchte? „Ach, wissen Sie, eigentlich hatte ich echt ein schönes Leben – nachdem der Krieg endlich vorbei war“, sagt sie. Große Abenteuer brauche und erwarte sie jetzt nicht mehr. Die Schwierigkeiten des Alters bedeuten für sie gar nicht unbedingt körperliche Einschränkungen oder die schneeweißen Haare. „Ich habe ja wirklich Glück. Klar springe ich nicht mehr herum wie mit 20. Aber von meiner Familie ist niemand mehr übrig. Mein Sohn hatte leider keine Kinder, meine Geschwister, keiner meiner Freunde lebt noch. Das ist einfach traurig.“ (njo) Käthe Selting, 100 Jahre

Ein Scheibe Brot ohne Butter, aber mit Belag zum Frühstück, das Mittagessen um Punkt 12.30 Uhr. Nach der Mittagsruhe eine Tasse Filterkaffee mit exakt vier Plätzchen und am Abend ein Roggenbrötchen von immer dem selben Bäcker – Gewohnheiten sind Käthe Selting sehr wichtig. „Denn mit 100 Jahren geht alles ein bisschen langsamer“, erzählt sie in ihrer Limburger Wohnung.

Dank vieler helfender Hände lebt sie noch immer in den eigenen vier Wänden und kam daher nie in Verlegenheit, in eines der beiden benachbarten Altenheime ziehen zu müssen. So kümmert sich Tochter Ina Mücke um die Wäsche, aber auch ums Mittagessen. „Seit der Vater vor 36 Jahren starb, koche ich immer für meine Mutter mit. Damals waren die Kinder noch klein. Nun sind sie schon lange aus dem Haus und nur wir beide sind übriggeblieben. Aber das gemeinsame Mittagessen, das ist geblieben.“

Am Wochenende kocht Käthe Selting immer noch selbst. „Am liebsten Süß-Saures mit Reis“, erzählt die Tochter. Eine Wahl, welche die Enkelin mit einem Augenrollen quittiert. Denn die holt sich immer sonntagabends eine Portion für den nächsten Arbeitstag ab. „Süß-Saures ist einfach zuzubereiten und schmeckt“, verteidigt Selting ihre Wahl.

Als leidenschaftliche Zuschauerin von Kochsendungen hat sie kürzlich noch ein anders Rezept für sich entdeckt: „Gedünsteter Spargel in kleine Stücke geschnitten, das ist momentan das Größte. Außerdem geht ohne Milchreis mit Zimt gar nichts“, weiß die Tochter.

Überhaupt sind Fernsehgucken und Zeitungslesen inzwischen die Hauptbeschäftigungen. „Früher habe ich viel gestrickt, das kann ich wegen des Ellbogens nicht mehr und auch Kreuzworträtsel gehen nicht mehr. Da ist die Schrift zu klein“, erzählt die Seniorin. Dank der morgendlichen Zeitungslektüre und der Fernsehnachrichten verfolgt sie noch sehr genau, was alles so in Limburg und auf der Welt passiert.

Eines hat sich aber auch mit 100 Jahren nicht geändert: Vor 23 Uhr geht’s nicht ins Bett. „Sie ist ein Morgenmuffel. Das war schon so, als ich kleines Mädchen war. Da hat sie mir frühmorgens noch im Bett die Zöpfe geflochten“, erinnert sich die Tochter.

Ein besonderer Höhepunkt sind immer die Besuche der Urenkel, die in einem anderen Stadtteil in Limburg leben. „Nur ihre Handys, die könnten sie mal weglegen“, findet Käthe Selting. (koe)

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