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An der griechisch-mazedonischen Grenze warten immer noch viele Flüchtlinge auf ihre Weiterreise.

Migrationsforscher

„Von Zuwanderung profitieren“

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Im Gespräch mit dem Migrationsexperten und Wirtschaftswissenschaftler, Klaus F. Zimmermann, stehen Fragen zur aktuellen Flüchtlingswelle und der Integration der Migranten in die deutsche Gesellschaft im Fokus.

Die Flüchtlingszahlen werden derzeit ständig nach oben korrigiert. Wie viele Flüchtlinge braucht das Land?

KLAUS F. ZIMMERMANN: Das ist aus meiner Sicht eine Frage, die sich so gar nicht stellt. Denn angesichts der derzeitigen humanitären Katastrophe gilt es auch vor dem Hintergrund unseres Grundgesetzes zunächst, ganz konkret den Menschen zu helfen. In einem zweiten Schritt müssen wir uns jedoch perspektivisch Gedanken machen, wie unser Asylsystem künftig entlastet werden kann. Denn sicherlich kommen derzeit zu viel und auch nicht mit den Profilen, dass alle leicht in den Arbeitsmarkt integrierbar wären. Ich gehe davon aus, dass möglicherweise nur ein Drittel der Flüchtlinge in unseren Arbeitsmarkt integriert werden könnten.

Was ist mit den anderen zwei Drittel der Flüchtlinge?

ZIMMERMANN: Viele davon sind Kinder und andere Menschen, die dem Arbeitsmarkt nicht zur Verfügung stehen. Bei den restlichen gibt es Integrationsprobleme, zumindest ist nicht bekannt, wie die Chancen sind.

Es sieht so aus, als ob die Politik durch die Flüchtlingswelle überfordert ist. Was haben die Politiker falsch gemacht, was hätten sie besser machen können?

ZIMMERMANN: Vor dem Hintergrund der Kriege im Nahen Osten und der Flüchtlingstoten im Mittelmeer hätte man durchaus mit einem anhaltend starken Zufluss rechnen können. Es ist jedoch in diesem Fall wie in vielen anderen Politikfeldern: Es fehlt schlichtweg die Zeit und auch der Anreiz für Politiker, langfristige Konzepte zu entwickeln und politisch durchzusetzen. Die Politik hangelt sich stattdessen von einem akuten Problem zum nächsten. Das bindet wichtige Ressourcen, die an anderer Stelle fehlen.

Über die Integration der Migranten gibt es viele Meinungen. Wie sollte diese idealerweise aussehen?

ZIMMERMANN: Eine erfolgreiche Integration sollte nicht einfach mit einer Assimilation der Zuwanderer gleichgesetzt werden. Im Gegenteil: Wenn Zuwanderer ihre anderen Qualifikationen, Talente und Kompetenzen, die sie mit sich bringen, in unsere Gesellschaft und Wirtschaft einbringen können, dann ist das ebenfalls als erfolgreiche Integration zu bezeichnen. Denn gerade ihre Unterschiedlichkeit ist doch die wahre Stärke von Zuwanderern. Wenn sich die verschiedenen Lebensperspektiven der Einheimischen und Zuwanderer gegenseitig befruchten und ihre Fähigkeiten ergänzen, kommt es nicht nur zu einer größeren Vielfalt in unserem Alltag, sondern auch die Leistungsfähigkeit unserer Wirtschaft steigt. Die Integrationsfähigkeit hängt natürlich sehr stark von der Motivlage der Zuwanderer und ihren Profilen ab. Arbeitsmigranten sind typischerweise leichter integrierbar als Flüchtlinge.

Können Sie nachvollziehen, warum nicht wenige Menschen den Flüchtlingen misstrauisch gegenüberstehen?

ZIMMERMANN: Ich kann diese Ängste bis zu einem gewissen Grad nachvollziehen. Natürlich sorgen Veränderungen für Unsicherheiten und alles Fremde und Unbekannte führt häufig zu Abwehrreaktionen und zu einer Rückbesinnung auf das Vertraute. Auch vermute ich, dass in dem Misstrauen gegenüber Migranten vielfach nur andere Enttäuschungen zum Ausdruck kommen.

Gewalttaten gegenüber Flüchtlingen kommen häufig in den neuen Bundesländern vor und werden mit „rechten Argumenten“ begründet? Hat die Affinität zu rechten Ideologien bei Teilen der ostdeutschen Bevölkerung eine ökonomische Basis, nach dem Motto: „Die Flüchtlinge nehmen uns die letzten 450-Euro-Jobs weg“?

ZIMMERMANN: Nein, dafür gibt es keine ökonomische Basis. Denn die Zahl der Arbeitsplätze in einer Volkswirtschaft ist keine unveränderliche Größe. Im Gegenteil: Zuwanderer tragen aus vielen Gründen dazu bei, die Gesamtzahl der Arbeitsplätze in einem Land zu erhöhen. Aus meiner Sicht sind mindestens fünf Gründe zu nennen: 1) Migranten gründen häufiger eigene Geschäfte und schaffen so direkt Arbeitsplätze; 2) Zuwanderer befördern Innovationen, die wiederum zu Beschäftigung führen; 3) Zuwanderer lindern den Arbeitskräftemangel und stärken so die Anpassungsfähigkeit der Arbeitsmärkte; 4) Hochqualifizierte transferieren technologische Innovationen und geringer Qualifizierte tragen zu einer Steigerung der Mobilität bei, was beides die Beschäftigung stärkt; 5) die Kaufkraft von Zuwanderern stärkt die Nachfrage nach Gütern und Dienstleistungen, wodurch wiederum Firmen expandieren und Arbeitskräfte beschäftigt werden können. Bezogen auf den Osten Deutschlands kann ich feststellen, dass Flüchtlinge dort keine Bedrohung des lokalen Arbeitsmarktes sind.

Wie könnten viele Teile der Bevölkerung überzeugt werden, dass Migration notwendig ist?

ZIMMERMANN: Ein erster, aber sehr wichtiger Schritt ist, dass wir uns als Gesellschaft unaufgeregt und sachgerecht mit diesem Thema auseinandersetzen. Nach wie vor bestimmen zu oft Vorurteile und Vorbehalte die Debatten. Deutschland schrumpft und altert und wir brauchen Fachkräfte und eine stärkere Anpassungsfähigkeit unserer Gesellschaft und Wirtschaft an internationale Herausforderungen. Zweitens würde ein Einwanderungsgesetz der einheimischen Bevölkerung verdeutlichen, dass nicht etwa alle Schleusen geöffnet werden, sondern es legt die Kriterien offen, nach denen Zuwanderung gesteuert wird.

Wie können diese neuen und unterschiedlichen Flüchtlingskulturen das Einwanderungsland bereichern?

ZIMMERMANN: Diese neuen und unterschiedlichen Flüchtlingskulturen können unser Land in noch stärkerem Maße bereichern, als dies schon bei vergangenen Einwanderungswellen der Fall gewesen ist. Dies setzt jedoch voraus, dass wir größere Anstrengungen unternehmen, eine erfolgreiche Integration dieser Menschen in unserer Gesellschaft und unseren Arbeitsmarkt zu erreichen. Doch in unserer zunehmend globalisierten und hochgradig arbeitsteiligen Gesellschaft stellt das ethnische Humankapital von Zuwanderern einen ökonomisch wertvollen Faktor dar, der wirtschaftliche Dynamik und Kreativität zu fördern vermag.

Wie verhindert man eine Ghettoisierung der Kulturen?

ZIMMERMANN: Aus meiner Sicht sollte sich in der Mehrheitsgesellschaft die Erkenntnis durchsetzen, dass sich Zuwanderer nicht gänzlich assimilieren müssen. Natürlich sollen sie Deutsch lernen. Aber das spezifische Humankapital von Einwanderern sollte als Zugewinn und Vorteil anerkannt werden. Dies setzt jedoch grundsätzlich voraus, dass Einheimische und Zuwanderer aufeinander zugehen. Es geht also darum, in beide Kulturen – die des Heimat- und des Gastlandes – einzutauchen und ein wechselseitiges Verständnis zu entwickeln.

Welche ökonomischen Vorteile implizieren Flüchtlinge?

ZIMMERMANN: Flüchtlinge bringen – wie auch Zuwanderer allgemein – sehr spezifisches Humankapital mit sich. Dies kommt zum Beispiel ganz konkret bei ihren Problemlösungsansätzen, ihrer Kreativität oder ihrer Adaptationsfähigkeit zum Vorschein. Die Aktivierung dieser vielfach komplementären Fähigkeiten ist jedoch die zentrale Voraussetzung dafür, dass Wirtschaft und Gesellschaft zugunsten eines größeren Wohlstandes insgesamt von Zuwanderung profitieren.

Manche Experten sprechen im Zuge der Flüchtlingsbewegung von einem „Verdrängungswettbewerb“, der sowohl auf dem Arbeits- als auch Wohnungsmarkt etc. stattfindet. Was halten Sie von dieser Überlegung?

ZIMMERMANN: Von dieser Überlegung halte ich nichts. Denn diese Argumentation geht schlichtweg von der falschen Annahme aus, dass es einen Kuchen in einer festen Größe gäbe, der unter immer mehr Menschen verteilt werden müsse. Das genaue Gegenteil entspricht der Wahrheit: Ohne Zuwanderung werden die Schrumpfungs- und Alterungsprozesse in Deutschland dazu führen, dass der zu verteilende Kuchen immer kleiner wird. Während der Anteil der Kuchenbäcker in unserer Gesellschaft also immer geringer werden würde, würde der Anteil der zu versorgenden Menschen rapide steigen. Insbesondere qualifizierte Zuwanderung trägt dazu bei, dass ein solches Ungleichgewicht vermieden wird.

Wie können die Ursachen der Migration bekämpft werden?

ZIMMERMANN: Aus meiner Sicht kann es nicht das Ziel sein, Migration insgesamt zu bekämpfen. Denn im weltweiten Maßstab führt Arbeitskräftemobilität zu einer besseren Allokation von Ressourcen und zu einem Abbau von wirtschaftlichen Ungleichgewichten. Vor diesem Hintergrund haben wir aus meiner Sicht etwa innerhalb Europas auch weiterhin nicht zu viel, sondern zu wenig Migration. Es sollte deshalb Verträge über zirkuläre Arbeitsmigration geben, unter denen Menschen zeitweise für Arbeitsplätze ins Land kommen und wieder gehen, wenn sie nicht mehr gebraucht werden.

Wer flieht, braucht Geld. Sehr arme Menschen können sich eine Flucht nicht leisten. Ließe sich also monetär eine Flüchtlingswelle regulieren?

ZIMMERMANN: Es ist eine altbekannte These, dass wirtschaftliche Entwicklung erst die Ressourcen schafft, die Wanderungsbewegungen ermöglichen. Entwicklung behindert nicht Migration, sondern ermöglicht sie. Und gleichzeitig zählen sowohl Unterschiede in der wirtschaftlichen Leistungsfähigkeit einzelner Länder als auch unterschiedliche Lebensstandards zu den Hauptmotiven von Migranten. Insofern nimmt Entwicklungspolitik eine zentrale Rolle ein, wenn man Migration regulieren möchte. Allerdings sollten in diesem Zusammenhang auch die großen Potenziale nicht verkannt werden, die in den Herkunftsländern durch Rücküberweisungen und Innovationsanstöße aus der Diaspora erst entstehen.

Das Thema des demografischen Faktors verfolgt Deutschland schon lange. Können Migranten das „Problem“ lösen oder sollten sich die Politiker vielmehr darüber Gedanken machen, warum in Deutschland zu wenige Kinder geboren werden, und dies ändern?

ZIMMERMANN: Migration kann zumindest dazu beitragen, das demografische Problem zu lindern. Denn es steht bereits heute fest, dass sich die demografische Konstellation innerhalb der nächsten Jahre kontinuierlich weiter zuspitzen wird. Selbst alle denkbaren Erfolge auf anderen Gebieten – etwa bei der Geburtenentwicklung, bei der Frauenerwerbstätigkeit, bei weiteren Zumutungen im Bereich der Lebensarbeitszeit – können dies bestenfalls teilweise auffangen. Die Wirkung solcher Politikmaßnahmen setzt außerdem zu stark zeitlich versetzt ein, als dass von ihnen eine rasche Entlastung zu erwarten wäre.

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