Prager Frühling

Was die Warschauer-Pakt-Staaten 1968 zum Eingreifen bewegte

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Vor 50 Jahren wurde der sogenannte Prager Frühling, eine Lockerung des restriktiven kommunistischen Regimes, von Warschauer-Pakt-Staaten unter Führung der Sowjetunion, militärisch niedergeschlagen. In einer dreiteiligen Serie erinnert Zeitzeuge Michael Löffler, Mitarbeiter dieser Zeitung, an diese Zeit.

Es ist schon 50 Jahre her. Aber diesen Tag werde ich nie vergessen. Am frühen Morgen wurde ich brutal aus dem Schlaf gerissen: Meine Oma hat mich mit dem Satz „Wir sind besetzt!“ geweckt. Ein Blick aus dem Fenster offenbarte die bittere Wahrheit: Auf der Straße rollte eine unendliche Panzer-Kolonne. Es war der 21. August 1968, der Tag, an dem in der Tschechoslowakei der Traum vom „Sozialismus mit menschlichem Antlitz“ und von der Freiheit ausgeträumt war. Der Tag, an dem die Gewaltmacht des Kommunismus den Human-Kommunismus zermalmte.

Die Invasion der Tschechoslowakei sprengte militärisch alles da gewesene: Binnen wenigen Stunden installierten die Streitmächte des „Warschauer Paktes“ zum Zwecke der „brüderlichen Hilfe“ in dem kleinen Land an deutscher Grenze eine halbe Million Soldaten, rund 6300 Panzer und 800 Flugzeuge. Zum Vergleich: Hitlers Armee setzte 1940 in Frankreich 2500 und 1941 in Russland 3580 Panzer ein.

Obwohl die Tschechen und Slowaken keinen bewaffneten Widerstand leisteten, gab es etliche Tote. Die meisten Opfer starben bei der brutalen Besetzung des Rundfunkgebäudes im Zentrum von Prag, bei der die Bürger

Barrikaden errichtet

en, die Panzer umstellten und bestiegen, um für die Freiheit ihres Landes mit Worten zu demonstrieren. Andere wurden von in Panik geratenen jungen Soldaten erschossen, die psychisch überfordert waren und teilweise nicht einmal wussten, wo sie sich befanden. Einige Menschen wurden von Panzern oder anderen Militärfahrzeugen überfahren oder kamen in brennenden Häusern tragisch ums Leben. Das letzte Kapitel des „Prager Frühlings“ wurde mit Blut geschrieben.

Dieses Ende des „Prager Frühlings“ leitete einen kalten Winter ein, der in der Tschechoslowakei bis zum Zerfall des gesamten Ostblocks anhalten sollte. Im Nachhinein betrachtet, hätte diese Reformbewegung im Zentrum Europas gar nicht anders enden können. Wäre die vor allem von den demagogischen Führungskräften der Kommunistischen Parteien der DDR und Polens bedrängte Sowjetunion nicht derart eingeschritten, wäre mit hoher Wahrscheinlichkeit bereits 1969 das passiert, was 20 Jahre später geschah: Das kommunistische Regime wäre zu Ende gegangen, weil es sich nicht der Sehnsucht seiner Bürger nach Pluralismus (Einführung eines Mehrparteiensystems), Freiheit und Verbesserung der Lebensqualität hätte erwehren können.

Es waren nicht allein die reformkommunistischen Bestrebungen der Politiker in Prag, die die Machthaber in Kreml zum Handeln zwangen. Die hätten sich wahrscheinlich von selbst erledigt. Das hätten wahrscheinlich die konservativen Partei-Dogmatiker im Lande selbst besorgt. Denn nüchtern betrachtet muss aus der Sicht von heute festgestellt werden: Der Sozialismus wäre nie mit Freiheit und Demokratie in einen Einklang zu bringen. Die Menschen sahen damals in der Entwicklung des Reformprozesses die Chance auf einen dritten Weg zwischen Kommunismus und Kapitalismus, dem die Verbindung sozialistischer Wirtschaftsordnung mit Elementen demokratischer Mitbestimmung und Rechtsstaatlichkeit möglich wäre.

Es wäre sehr fraglich, ob es auf die Dauer überhaupt hätte funktionieren können. Die Zeit, um den Nachweis zu erbringen, bekamen die Tschechen und Slowaken nicht. Diesen erbrachte erst die Geschichte nachdem der „Eiserne Vorhand“ zerrissen wurde.

Ausschlaggebend für den Einmarsch war in erster Linie etwas anderes. In den Augen der Sowjetunion stellte der „Prager Frühling“ vielmehr eine Bedrohung ihres gesamten Regimes dar. Dieser „Infekt“ hätte die Einigkeit des Ostblocks sprengen können, er verursachte eine nicht unbegründete Furcht vom Ende des gesamten Imperiums. Wie sich später im Jahr 1989 auch zeigte.

Die Bedrohung des Systems waren nicht nur die politischen Veränderungen in der Stadt an der Moldau, sondern noch mehr die radikalen Bestrebungen der tschechoslowakischen Gesellschaft im Kampf um ihre Rechte. Durch die Abschaffung der Zensur, die die in diesem Regime nicht vorgesehene Pressefreiheit zur Folge hatte, erfuhren die Menschen die Wahrheit über die politischen Übergriffe, über die ökonomische Krise und über die Unfreiheit im eigenen Land. Während es bis dahin nur ausgesuchten und überprüften „Kadern“ möglich war, die Welt außerhalb des Ostblocks kennenzulernen, konnte man nun die Lügenpropaganda über das „schlimme Leben“ westlich des „Eisernen Vorhangs“ leicht entlarven.

Die Wahrheit, wie es in der Welt aussieht und wie es auch daheim hätte funktionieren können, weckte in den Menschen die Lust nach Freiheit und einem besseren Leben. Vor allem die Schriftsteller und die Studenten drängten auf eine radikale Änderung. Und dieser Bazillus drohte, sich auch in den anderen Ländern des Ostblocks zu verbreiten. Etwas, das die Parteichefs Breschnew (UdSSR), Ulbricht (DDR) und Gomulka (Polen) aus Angst nie zulassen konnten.

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