+
von Prof.

Weirich am Montag

„Ein feiges Volk hat keine Heimat“ sagt ein ungarisches Sprichwort. Betrachtet man sich unsere politische Semantik, so waren Begriffe wie Heimat, Brauchtum, Tradition, Patriotismus und Vaterland

„Ein feiges Volk hat keine Heimat“ sagt ein ungarisches Sprichwort. Betrachtet man sich unsere politische Semantik, so waren Begriffe wie Heimat, Brauchtum, Tradition, Patriotismus und Vaterland bei der Linken als Verführungs-Vokabeln der Leitkultur aus dem Wortschatz ganz gestrichen, bei den Konservativen zur Vermeidung von Missverständnissen nur leisetreterisch angewandt.

Seit dem Bangen um den Zusammenhalt in der Gesellschaft hat Heimat als Gemeinschaft der Gefühle Hochkonjunktur. Die Schaffung eines Heimatministeriums oder zumindest die Integration dieses Begriffs in ein bestehendes Ressort könnte ein Ergebnis der Verhandlungen für die Bildung einer Jamaika-Koalition sein. Keiner der Partner will freilich zugeben, dass die neu erwachte Heimatliebe mit dem AfD-Erfolg bei den Bundestagswahlen zusammenhängt. Bundespräsident Steinmeier hatte am Tag der Deutschen Einheit die Richtung vorgegeben. „Die Sehnsucht nach Heimat, nach Sicherheit, nach Zusammenhalt, vor allen Dingen nach Anerkennung, diese Sehnsucht nach Heimat dürfen wir nicht den Nationalisten überlassen“, sagte das Staatsoberhaupt.

Die Grünen, bisher bar heimatlicher Gefühle und immer in Angst vor nationalromantischen Anwandlungen, sprachen plötzlich davon, man dürfe „unsere Heimat nicht spalten“. Ihr interessantester Kopf, der Kieler Umweltminister und erfolgreiche Schriftsteller Robert Habeck, sieht in dem Begriff Heimat „Solidarität und Sehnsucht“. Es sei der Ort, den „wir mit unseren Geschichten füllen“. Man dürfe diese Themen auch nicht der AfD überlassen. Altes Image bewahrend bleibt da nur die Grüne Jugend, die Heimat für einen „ausgrenzenden Begriff“ hält. Deshalb tauge er auch nicht zur Bekämpfung rechter Ideologie.

Einig sind sich alle über die Notwendigkeit der Stärkung des ländlichen Raumes. So hat die neue schwarz-gelbe Landesregierung in Nordrhein-Westfalen ein Ministerium für Heimat, Kommunales, Bau und Gleichstellung geschaffen, in Bayern darf sich Finanzminister Markus Söder mit dem zusätzlichen Heimat-Titel schmücken. Die in die Opposition verwiesene SPD will in Nordrhein-Westfalen eine „moderne Heimatpartei“ werden, nachdem sie zuvor durch eine rücksichtslose Gebietsreform lokale Identitäten zerschlagen hatte. Die Fraktionsvorsitzendenkonferenz von CDU und CSU aus den Bundesländern hat Bundeskanzlerin Merkel gebeten, das Landwirtschaftsressort zum Heimatministerium zu machen, als „eine gute Antwort auf die Sorgen der Bürger in Ost und West, die sich abgehängt fühlen“.

Ob dies freilich, wie ein Nachrichtenmagazin fragt, ein „Wundermittel gegen Wutbürger“ sein wird, bezweifeln Wahlforscher. So glaubt Forsa-Chef Güllner nicht, dass man mit dem Begriff Heimat Wähler von der AfD zurückgewinnen kann.

Das könnte Sie auch interessieren

Kommentare