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Kolumne

Weirich am Montag: Runter vom hohen Ross

Dass sich ein Fernseh-Dino wie die ARD angesichts der Massenflucht von Teenagern beim linearen Fernsehen und dem gleichzeitigen Siegeszug von Netflix Gedanken macht, wie man auch in Zukunft die Rundfunkgebührenzahler bei der Stange halten kann, ist nicht verwerflich.

Statt aber mit der unentwegt betonten und vielfach auch nicht bestreitbaren Überlegenheit der Produkte gegenüber dem Privatfunk zu werben, lässt sich „Das Erste“ von einer Linguistin für 120 000 Euro Anleitungen zur Publikumsbeschimpfung entwerfen. Ein Werbeprogramm zum Abschalten, ein klassisches öffentlich-rechtliches Eigentor.

„Die ARD ist die Gesellschaft. Wir sind Ihr“ wird da gerufen. Wer mit diesem Gemeinschaftserlebnis nicht zurechtkommt, wird schlicht als wortbrüchig, illoyal und anderen auf der Tasche liegend ausgegrenzt. Wer sich aber als Medium selbstherrlich mit der Demokratie gleichsetzt, der hat die öffentliche Aufgabe von Medien schlicht nicht verstanden. Beunruhigend ist vor allem die mangelnde Selbstkritik der Führungsetagen, die einerseits von nur einer „Diskussionsgrundlage“ sprechen, andererseits aber von der Kampfstrategie des „Framing “ zur Durchsetzung ihrer Interessen nicht abrücken wollen.

Sprache kann in der Tat zur Waffe werden, denn Wörter und Begriffe bedeuten Macht. Und wer seine Sprache durchsetzt, der bestimmt den politischen Diskurs. Der mit staatsbürgerlichem Pathos daherkommende plumpe Anschlag auf die Gebührenzahler zum Zwecke der Preiserhöhung ist aber alles andere als intelligentes „Framing“. Die ARD sollte von ihrem in Monopolzeiten bestiegenen hohen Ross endlich herunterkommen und sich wie ein Wirtschaftsunternehmen verhalten, das um seine Kunden wirbt. Denen liegt sie schließlich auch auf der Tasche.

Ein Blick in das Vereinigte Königreich dürfte helfen. Die BBC, meiner Auffassung nach der Rundfunksender mit der weltweit größten Qualität und unbeirrt dem angelsächsischen, unabhängigen Verständnis von Journalismus verpflichtet, musste angesichts des veränderten Zuschauerverhaltens durch die Konkurrenz von Netflix und Amazon Prime nicht nur Kürzungen hinnehmen, sie verliert auch wegen der Streaming-Dienste im Internet mehr als 860 000 Gebührenzahler. In Großbritannien muss man nämlich Rundfunkgebühren nur zahlen, wenn man einen Fernseher hat. In Deutschland muss dagegen jeder seinen Beitrag zahlen, was einer Steuer gleichkommt. Ein sehr deutsches Regulierungs-Modell.

„Was wir brauchen, ist mehr weltanschauliche Bescheidenheit“ hatte der zu früh verstorbene Intendant des Mitteldeutschen Rundfunks, Udo Reiter, einst gefordert. Diese Mahnung erscheint aktueller denn je. Ein Sparkonzept statt der Inflation von Begehrlichkeiten würde dem „Medien-Koloss“ überdies gut zu Gesicht stehen.

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