Lelti und Andat im Garten ihrer Asylunterkunft. Sie sind angekommen - vorerst.
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Lelti und Andat im Garten ihrer Asylunterkunft. Sie sind angekommen - vorerst.

Flüchtlingsschicksal im Taunus

Der weite Weg ins Glück

Die meisten Flüchtlinge, die in diesen Monaten Asyl in Deutschland suchen, haben vor und während ihrer oft monatelangen Flucht Schreckliches erlebt. In Deutschland beginnt für sie der Kampf um ein neues Leben. Gelingen kann er nur mit viel Unterstützung. Wie in dieser Geschichte aus dem Taunus, die Mut macht.

Lelti weint. Sie weint nicht, wenn sie erzählt, wie sie in Libyen aufgegriffen wurde und ins Gefängnis kam. Dieses Schicksal blüht vielen Flüchtlingen aus dem ostafrikanischen Eritrea, die über die Westgrenze des Landes in die schier endlosen Wüstenweiten des Sudan fliehen. Von dort schlagen sie sich dann durch nach Libyen und an die Küste. Lelti weint nicht, weil sie vier lange Monate eingesperrt war, ohne Verhör, ohne Begründung, mit vielen anderen Flüchtlingen auf engstem Raum. Sie weint nicht, als sie erzählt, wie sie nach ihrer Freilassung ans Meer gelangte. Wie sie schließlich auf ein Boot geriet, daran kann sie sich nicht mehr erinnern. Sie weiß auch nicht mehr, wie lange die Überfahrt dauerte. Endlich kam sie in Italien an. Lelti wusste nicht einmal, dass das Land Italien war.

Wegen all dem weint Lelti nicht. Doch wenn sie an die vielen Leichen denkt, die sie auf ihrem Weg durch die Wüste sah, dann laufen die Tränen. Es könnte Andat sein, dachte sie jedes Mal. Ist dieser leblose Körper dort am Wegesrand Andat? Andat ist Leltis Freund.

Ihrer beider Geschichte beginnt 2011 in Om Hajer, einem kleinen Flecken im äußersten Südwesten Eritreas. Hier stößt das Land an die Grenzen von Äthiopien und Sudan. Hier wurden beide geboren – Andat vor 24, Lelti vor 19 Jahren. Kennen lernen sich die beiden während eines Heimaturlaubs von Andat 2012. Andat ist Soldat, wie fast alle Männer und sehr viele Frauen in Eritrea. Isaias Afewerki heißt der Staatspräsident des Landes. 1993 hat er seine provisorische Übergangsregierung zu einer menschenverachtenden Dauerdiktatur umgebaut. Afewerki nimmt sich das Recht, alle Schulabgänger zum Militärdienst zu verpflichten – viele davon für immer. Die Eritreer sind Gefangene ihres eigenen Unterdrückungssystems. Wer aus diesem Land flüchtet, tut dies, um Afewerkis totalitärer Herrschaft zu entkommen.

Andat sitzt neben Lelti. Sie blicken in den grünen Taunus, die vorläufige Endstation ihrer viele tausend Kilometer langen Reise. Als Lelti weinen muss, dreht sie ihr Gesicht hinter seine Schulter. Mit der Rechten wischt sie die Tränen weg, die Linke umfasst ihren Bauch. Andat lächelt – ein wenig unbeholfen.

Als die beiden sich kennenlernen, hat er zwölf Jahre Schule hinter sich. Seitdem ist er Soldat – lebenslang vermutlich. Sie ist Verkäuferin. Ihre Beziehung war „nicht so offiziell“, erzählen sie mir. Übersetzt heißt das wohl, dass ihre Familien nichts davon wussten. Beide haben acht Geschwister. Dann beschließt Andat zu fliehen. Seine Idee: nach Europa, wie so viele seiner Generation. Dort Lelti nachholen, irgendwie. Ihr den gefährlichen Weg durch die Wüste und übers Meer ersparen. Heiraten. Andats Vorstellungen sind sehr vage. Aber sie sind ein Hoffnungsschimmer. In seiner Heimat hingegen liegt jede Hoffnung im Staub.

Mehr als eine Million Eritreer leben mittlerweile im Ausland, das ist ein Sechstel der Bevölkerung. Das Geld, das diese Eritreer an ihre Angehörigen in der Heimat schicken, macht ein Drittel des Bruttosozialprodukts aus. Andat kommt durch, auf Lastwagen durch die Wüste, zu Fuß und per Schiff. Es ist eine Reise, die viele Monate dauert. Während dieser ganzen Zeit hat er keinen Kontakt mit seiner Familie. Keiner weiß, ob er noch lebt. Auch Lelti nicht.

Andat hat Glück. Die Italiener nehmen ihm keine Fingerabdrücke ab. Das ist entscheidend. Denn das europäische Dublin-Abkommen regelt unmissverständlich: Das Land, in dem ein Flüchtling registriert wird, ist für ihn verantwortlich. In Sizilien angelangt, schlägt er sich durch bis nach Rom. Von dort geht es nach Mailand, und über Frankreich schließlich nach Deutschland.

Inzwischen ist auch Lelti geflohen. Das war nicht ihr Plan gewesen. Aber auch sie wurde zum Soldatendienst einberufen. Keinem aus ihrer Familie sagt sie ein Wort. Heimlich überquert sie die Grenze. Lesen Sie weiter: Viele Monate auf Reisen

Wie ging es Andat, als er erfuhr, dass sie ihm hinterhergereist ist? Wieder lächelt er. Sein Blick geht ins Ungefähre. So schaut jemand, der von schrecklichen Dingen weiß, die man nicht erzählen kann. „Nervös“ sei er gewesen, sagt er. Mehr geht ihm nicht über die Lippen. Die Flucht vor Präsident Isaias Afewerki und seinen Schergen als letzte Option – das ist ein so selbstverständlicher Gedanke in Eritrea, dass man ihn niemandem verwehren will, wie groß das Risiko auch ist.

Als Lelti in Italien ankommt, nach vielen Monaten, verwirrt und erschöpft, ruft sie bei ihrer Familie an. Über diesen Weg erfährt auch Andat, dass sie in Europa ist. Leltis Fingerabdrücke werden in Italien genommen. Gemäß Dublin-Abkommen ist nun Italien für sie zuständig. Aber Italien kümmert sich nicht. Man entlässt sie auf die Straße. Sie kämpft sich nach Deutschland durch, sucht Andat und findet ihn. Er begleitet sie ins Auffanglager nach Gießen, in dem auch er zuvor war. Doch sie wird nicht nach Eppstein geschickt, wie die beiden hoffen, sondern ins niedersächsische Nordhorn, nahe der holländischen Grenze.

Andat ist inzwischen offiziell in Deutschland geduldet. Wann immer er darf, besucht er Lelti. Mehr als sechs Stunden ist er dafür jedes Mal in Regionalzügen unterwegs. Dann wird Lelti schwanger. Beide stellen Umverteilungsanträge, doch beide werden abgelehnt, aus formaljuristischen Gründen. Es fehlt die rechtliche Grundlage der Familienzusammengehörigkeit. Nach allen Strapazen ihrer vielmonatigen Flucht sind es nun deutsche Behördenzwänge, die die werdende Familie getrennt halten.

Andat ist verzweifelt. Lelti, die ihm viele tausend Kilometer hinterhergereist ist, spricht kein Deutsch und kaum Englisch. Er möchte für sie da sein, doch darf er es nicht. Nur noch wenige Wochen sind es bis zur Geburt. Anfang August soll es so weit sein. Soll sie da allein sein? Zunehmend finster wird sein Gesicht. Nach allem, was ihm widerfahren ist, kann er nicht verstehen, was hier geschieht. Beziehungsweise nicht geschieht.

Doch Andat hat Glück. Sein Glück ist, dass er in Deutschland lebt. Und dass sich in Eppstein ein Asylkreis gebildet hat wie in vielen anderen hessischen Gemeinden auch: Menschen, die sich der Flüchtlinge annehmen, ihnen im Umgang mit den Behörden und bei der Eingliederung zur Seite stehen. Aus kleinsten Anfängen hat sich in der 13 000-Einwohner-Gemeinde innerhalb nicht einmal eines Jahres ein Netzwerk von mittlerweile 100 Menschen gebildet. Da gibt es Hausbeauftragte, die sich um bestimmte Wohnstätten kümmern, Fahrer, die Arztbesuche begleiten, Menschen, die unentgeltlichen Deutschunterricht anbieten, und Spezialisten aller Art.

Dieser Asylkreis greift nun ein. Es sind viele Telefonate mit den Ausländer- und Sozialbehörden in Niedersachsen sowie ein paar Amtsbesuche in Hofheim nötig. Hier ist die Hölle los in diesen Wochen und Monaten, in denen der Zustrom von Flüchtlingen immer weiter anschwillt, der Personalstand aber stagniert. Im Landratsamt von Hofheim wird im Akkord gearbeitet, und dennoch stehen die Asylbewerber Schlange, Syrer, Pakistaner, Eritreer. Schuleingliederungen und Familienzusammenführungen sind ebenso zu bearbeiten wie Wohnangelegenheiten, schwere Krankheitsfälle und finanzielle Notlagen. Gesprochen wird mit Händen und Füßen – unmöglich, für jeden Belang und jede Sprache einen Dolmetscher parat zu haben. „Du sitzen, ich Stempel“, sagt eine Mitarbeiterin heftig gestikulierend und rast lieber selber die Treppe hoch, statt ihre Zeit darauf zu verwenden, einem ratlosen Georgier lange zu erklären, wo er sich welche Bescheinigung abholen muss.

Wer den einen oder anderen Vormittag in diesen Gängen verbracht hat, weiß, dass kleinliche Behördenschimpfe in der Regel zu kurz greift. Wer hier arbeitet, wirbelt am Anschlag, und vor Neueinstellungen scheuen Kommunen und das Land zurück. Ein leitender Mitarbeiter des Bundesamts für Migration und Flüchtlinge (BAMF) in Gießen, der nicht genannt werden will, schildert, warum das so ist. Während der Balkankriege Anfang der 90er Jahre habe man die Zahl der Mitarbeiter drastisch aufgestockt, erzählt er. Als die Flüchtlingszahlen dann rapide sanken, habe man immense Kosten gehabt, weil man die neuen Angestellten nicht wieder los wurde. Das wolle man heute vermeiden. Dass das Dublin-Verfahren gescheitert sei, darüber herrsche im BAMF Konsens, sagt der Mitarbeiter weiter. Doch solange die Europäische Union keine andere Lösung finde, seien der Behörde verfahrensmäßig die Hände gebunden. Immer wieder müssen Asylsuchende mit erheblichem formalen Aufwand in ihr europäisches Ankunftsland zurückverwiesen werden – und suchen dann im Zweifelsfall ihr Heil im Kirchenasyl, was den behördlichen Aufwand abermals steigert. Lesen Sie weiter: Helfen statt verwalten

Da hier, in Gießen, wie auch in allen regionalen Ausländerbehörden, die blanke Not verwaltet wird, ist es nahezu unmöglich, jeden Asylbewerber als individuellen Fall zu betrachten. Gleichzeitig ist dies aber unumgänglich, um nicht nur der verwalterischen, sondern auch der menschlichen Herkulesaufgabe, vor der Europa steht, gerecht zu werden. Es sind die ehrenamtlichen Helfer, denen an dieser Stelle eine maßgebliche Funktion zukommt.

Im Fall von Andat und Lelti gelingt es schließlich allen gemeinsam, eine Lösung zu finden: Nordhorn ist weiterhin für Lelti zuständig, doch darf sie ihr Kind in Hessen gebären und die letzten schweren Wochen ihrer Schwangerschaft an der Seite ihres Mannes verbringen. Das zuständige Hofheimer Sozialamt und die Ausländerbehörde schließen sich kurz und stellen den beiden einen Schlafplatz zur Verfügung. Ist das Kind erst auf der Welt, kann der Umverteilungsantrag erneut gestellt werden. Und dann, so wird versichert, spreche nichts mehr dagegen, die vorläufig vereinte Familie endgültig zusammenzuführen. Der Plan ist umständlich, doch erfolgversprechend.

Wovon sie träumen, frage ich Andat und Lelti. Ich denke daran, dass in wenigen Tagen ein Kind in ihrem Bett liegen wird. Ich denke daran, dass Andat in Eritrea eine Zeit lang Industriemotoren repariert hat, und überlege, was Lelti wohl verkauft haben mag im fernen, staubigen Om Hajer. Aber schnell merke ich, dass meine Frage falsch gestellt ist. Träumen, das existiert nicht in ihrer Welt. Eine Zukunft gibt es noch nicht für sie. Ankommen möchten sie, erst einmal ankommen. Ein Stück ist geschafft, aber der Weg ist noch weit.

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