Klimawandel in der Arktis

Wenn der Boden unter den Füßen wegbricht

  • schließen

In den vergangenen 40 Jahren ist etwa die Hälfte des Eises in der Arktis geschmolzen. Das hat Auswirkungen bis nach Europa.

Mit einer flammenden Rede hatte US-Präsident Obama Anfang des Monats vor den Folgen des Klimawandels gewarnt. „Die Menschen werden leiden, die Wirtschaft wird leiden, ganze Nationen werden sich in großen Schwierigkeiten wiederfinden“, hatte er auf einer Gletscher-Konferenz in Anchorage, Alaska, gesagt. „Er fügte hinzu, dass die Veränderungen des Klimas in der Arktis Vorbote dafür sind, was auch anderswo passieren wird“, sagte Fran Ulmer. Sie berät Obama in Fragen, die mit der Arktis zu tun haben und war in Frankfurt zu Gast.

Ulmer ist Vorsitzende der U.S. Arctic Research Commission. Dabei handelt es sich um eine Behörde, die dem Präsidenten unterstellt ist, Forschung betreibt, internationalen Austausch sucht und Ziele formuliert, wie die nördlichste Erdregion inklusive Nordpol geschützt werden kann. Ulmer sprach darüber im Forschungszentrum Biodiversität und Klima der Senckenberg Gesellschaft und fragte: „Schneller Wandel in der Arktis – Warum ist das für Europa wichtig?“ Eingeladen hatten auch das US-Generalkonsulat in Frankfurt und die Montagsgesellschaft.

Ulmer lebt seit über 40 Jahren in Alaska. Die 58-Jährige war dort Vizegouverneurin und Präsidentin der Universität von Anchorage. Alaska ist der größte US-Bundesstaat, etwa ein Drittel seiner Fläche liegt in der Arktis. Ulmer sagte, das Tempo, mit der sich dort das Klima verändere, sei gewaltig. „Es wird doppelt so schnell wärmer wie im globalen Durchschnitt.“ Seit den 70er Jahren ist laut Studien das arktische Eis um etwa die Hälfte zurückgegangen – mit vielen Folgen für Menschen und Tiere.

Etwa vier Millionen Bewohner leben nach den Worten Ulmers in der gesamten Arktis, zu der auch Teile Russlands, Kanadas, Grönlands, Norwegens, Schwedens und Finnlands gehören. Einigen Bewohnern bricht der Boden unter ihren Füßen weg. „Der Permafrostboden taut auf, der Boden wird instabil. Das führt dazu, dass Häuser und Straßen auseinanderbrechen“, sagte Ulmer.

Das Tauwetter in der Arktis weckt Begehrlichkeiten. Die Expertin zitierte Schätzungen von Wissenschaftlern, dass 13 Prozent der weltweiten Erdölbestände und 30 Prozent der Erdgasbestände in der Arktis lägen. Diese Schätze würden alle Anrainer gerne heben, entsprechend scharf ist der politische Streit über eine mögliche Ausbeutung. „Bei der Gletscher-Konferenz in Alaska gab es harte Diskussionen darüber“, sagte Ulmer.

Auch für Schifffahrtsgesellschaften ist die wärmere Arktis interessant. Denn wäre die Nordwestpassage passierbar, verkürzte sich der Weg etwa von Europa nach Asien beträchtlich. Ulmer fügte hinzu, auch für Touristikunternehmen sei die Arktis anziehend. Sie fügte aber hinzu: „Es ist ein wunderschöner Ort, aber es ist einfach, dort zu Tode zu kommen.“ Denn die Arktis bleibe ein unwirtlicher Ort. „Es gibt ein Risiko für den Fall, dass etwas schief geht.“

Doch warum sollten sich die Menschen in Europa stärker für die arktische Region interessieren? Ulmer führte aus, die Klimaänderung in der Arktis könne das Wetter bei uns stark beeinflussen. „Der Klimawandel hat Auswirkungen auf den Jetstream.“ Dabei handelt es sich um Starkwindbänder in großer Höhe. „Der Jetstream markierte früher eine Grenze von kalten und warmen Temperaturen. Heute ist das nicht mehr so.“ Ulmer brachte dies in Zusammenhang mit den jüngsten Wintereinbrüchen an der amerikanische Ostküste. Sowohl in diesem als auch im vorangegangenen Jahr hatten Winterstürme der Stadt Boston Massen an Schnee gebracht.

Eine andere Gefahr: „Wenn das Eis auf Grönland komplett schmelzen würde, stiege der Meeresspiegel um sieben Meter an“, sagte sie. Einige Küstenregionen stünden dann unter Wasser. Ulmer nannte die Beispiele der Städte Miami Beach und New Orleans.

Professor Volker Mosbrugger, Generaldirektor der Senckenberg Gesellschaft für Naturforschung, fragte, was der Mensch tun könne, um sich an diese Entwicklung anzupassen. „Das ist die schwierigste Frage des Abends“, antwortete Ulmer. „An einigen Orten könnte man einen Deich bauen, aber ob das auch New Orleans helfen würde? Ich weiß es nicht.“

Umso wichtiger sei es, dass die internationale Gemeinschaft Maßnahmen ergreife, um die Erderwärmung zu begrenzen, sagte Ulmer. „Solange es keine Alternative zu Öl und Gas gibt, wird weiter eine Nachfrage danach bestehen. Wir müssen deshalb alternative Energien entwickeln.“

Das könnte Sie auch interessieren

Kommentare