+
Bislang setzt die Entnahme eines Organs die ausdrückliche Einwilligung des Spenders voraus. Diese Regelung will Jens Spahn nun ändern.

Definition des Todes

Wenn Organspenden zur Pflicht werden, wächst das Dilemma der Ärzte

  • schließen

10 000 Menschen, deren Leben von einem Spenderorgan abhängt. Drei Tote täglich, die vergeblich gehofft haben. Gesundheitsminister Jens Spahn will das ändern. Aber die wirklichen Probleme geht er nicht an.

Der Organspendeausweis beginnt mit einer Mogelei. Manche sagen auch, es sei sogar eine Lüge. Denn es steht da „Für den Fall, dass nach meinem Tod eine Spende von Organen/Geweben zur Transplantation in Frage kommt“ – und das „nach meinem Tod“ ist fett gedruckt. Im Folgenden kann man per Kreuz festlegen, ob man spenden möchte oder nicht, falls ja, was – oder auch verfügen, wer im Fall des Falles entscheiden soll. Aber in Wirklichkeit geht es gar nicht um den Tod, den fettgedruckten, als den Moment der Entscheidung.

Der Moment, der einen Menschen zum möglichen Organspender macht, ist nicht sein Tod – sondern sein Hirntod. Die Medizin und die Politik haben sich darauf geeinigt, beides gleichzusetzen. Menschen aber, die weder der einen noch der anderen Gruppe angehören, tun sich oft schwer, diese Überzeugung zu teilen. Und selbst unter den Medizinern gibt es Skeptiker.

Man kann den Hirntod eine Erfindung nennen. Oder eine Vereinbarung. Ganz sicher ist er eine Definition. Die Bundesärztekammer hat ihn 1997 „als Zustand der irreversibel erloschenen Gesamtfunktion des Großhirns, des Kleinhirns und des Hirnstamms“ beschrieben. Und hinzugefügt, es werde „durch kontrollierte Beatmung die Herz- und Kreislauffunktion noch künstlich aufrechterhalten“. Was bedeutet: Der hirntote Mensch hat einen Puls, sein Herz schlägt, und er atmet, sein Körper ist warm – und sein Stoffwechsel funktioniert. Kein Laie kann den Hirntoten vom bloß Bewusstlosen unterscheiden.

Und manchmal scheitern daran auch Ärzte – wobei nicht alle Fälle so publik werden wie der des damals 17-jährigen Engländers Steven Thorpe. Er wurde vor zehn Jahren nach einem schweren Autounfall an der Uniklinik Coventry für hirntot erklärt – und konnte später studieren.

Thorpes Geschichte gibt einen Hinweis auf die eigentlichen Probleme bei der Organspende: dass es dabei um Menschenleben geht – und zwar um zwei. Um Menschen mit exakt gegensätzlichen Interessen. Nur wenn der eine stirbt, hat der andere die Chance zum Überleben. Und dass diese Leben-und-Tod-Frage nicht durch ein natürliches Geschehen entschieden wird – sondern durch Ärzte. Und ihren Rückgriff auf eine Übereinkunft.

 

Den Bundestag beschäftigt die Organspende immer wieder; zuletzt hat er sie 2012 neu geregelt – und dabei die bis dahin geltende sogenannte erweiterte Zustimmungsregelung abgelöst durch die Einwilligungslösung. Beide sehen gleichermaßen vor, dass Spender nur ist, wer entweder zu Lebzeiten selbst zugestimmt hat – oder für wen nachträglich Verwandte zustimmen. Die Entscheidungslösung aber forciert die Beschäftigung mit dem Thema, indem alle gesetzlich Krankenversicherten ab dem 16. Lebensjahr regelmäßig Informationsmaterial erhalten.

Die Not an Spendern und an Organen hat das nicht gemindert. Zum einen wohl wegen der diversen Skandale um manipulierte Organ-Zuteilungen. Zum anderen werden, laut einer aktuellen Studie von Forschern der Universität Kiel, in deutschen Kliniken mögliche Spender zu selten erkannt. Und zum dritten hat der Bundestag sich im Transplantationsgesetz um entscheidende Antworten gedrückt: Ist ein als hirntot geltender Mensch patientenzentriert zu behandeln – also mit dem Ziel des Überlebens? Und wie lange? Oder spendezentriert – also mit dem Ziel, selbst zu sterben und einem Anderen das Leben zu ermöglichen?

Man muss mit dem Parlament nicht so hart ins Gericht gehen wie der Kölner Staatsrechtler Wolfram Höfling, der das Transplantationsgesetz ein „Glanzstück juristischer Trickserei“ nannte. Aber dass der Konflikt zwischen medizinischer Möglichkeit und ethischer Verantwortung die Abgeordneten so überfordert wie die Angehörigen – das steht fest.

Und so gibt es wichtigere Fragen als jene, die Bundesgesundheitsminister Jens Spahn nun aufwirft. Er will den Bundestag zum Verabschieden der sogenannten Widerspruchsregelung animieren. Sie macht automatisch jeden zum Organspender, der nicht ausdrücklich widerspricht. Das ist nicht nur ein Kurieren am Symptom – sondern auch in etwa das Gegenteil dessen, was der Deutsche Ethikrat 2015 empfahl. Selbst er war sich nicht einig, ob der Hirntod mit dem Tod gleichzusetzen sei. Und so rieten die Wissenschaftler zu exakteren gesetzliche Regelungen. Und forderten klar „Verbesserungen bei der Information und Kommunikation rund um die Organspende“.

Das könnte Sie auch interessieren

Kommentare