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Im Zimmer eines unbegleiteten minderjährigen Flüchtling: Dieses Bild stammt aus einer Einrichtung für betreutes Wohnen in Frankfurt.

Wenn zwei fremde Welten aufeinanderprallen

Josef Konrad* ist genervt von der aktuellen Diskussion um radikalisierte Flüchtlinge. Schlagwörter wie „Turbo-“ oder „Selbstradikalisierung“ seien doch „total schwachsinnig“. „Von heute auf morgen radikalisiert sich doch niemand.

Josef Konrad* ist genervt von der aktuellen Diskussion um radikalisierte Flüchtlinge. Schlagwörter wie „Turbo-“ oder „Selbstradikalisierung“ seien doch „total schwachsinnig“. „Von heute auf morgen radikalisiert sich doch niemand.“ Seine These geht anders: „Es ist grundsätzlich nicht ungewöhnlich, dass junge Menschen in einem solchen Alter Selbstmord begehen. Weil das bei Muslimen aber durch die Religion ausgeschlossen wird, könnte es doch sein, dass er sich diesen, die Ehre erhaltenden Umweg gesucht hat.“

Konrad hat keine spezielle Ausbildung, die ihn zu einer solchen Einschätzung berechtigen würde. Aber er und seine Frau sind Pflegeeltern eines circa 15-jährigen afghanischen Jungen – seit dem Clearing-Gespräch bei der Einreise ist der Junge offiziell 13. Als seine Pflegeeltern haben sich die beiden mit seinem Hintergrund und seiner Geschichte beschäftigt. Sie ist der des 17-Jährigen Axt-Amokläufers oder IS-Terroristen von vergangener Woche in der Nähe von Würzburg nicht unähnlich. „Der Junge, der seit einem halben Jahr bei uns lebt, ist gekommen, weil er dachte, dass Deutschland ihn braucht. Er hat erwartet, dass man ihm goldene Brücken baut. Als er erfuhr, dass er erst mal in die Schule gehen muss, ist er aus allen Wolken gefallen.“

Jamal*, so heißt der Junge der Konrads, ist einfach mit seinem Bruder mitgelaufen. Dieser ist 20 Jahre alt. Als der Flüchtlingstrack vorbeikam, schlossen sich die beiden an. „Vater ist tot“, sagt er. Und: „In Afghanistan – Krieg.“ Natürlich sei es für den Jungen auch darum gegangen, nicht zu den Taliban zu müssen, fügt sein Pflegevater hinzu. „Das hätte er als Volljähriger vermutlich tun müssen.“ Jamal nickt. Er macht den Eindruck, als verstehe er viel. Beim Sprechen fehlen ihm manchmal noch die passenden Worte.

Die beiden Brüder reisten in einer großen Gruppe, in der man sich gegenseitig half. Über das Handy und Whatsapp-Gruppen kommunizieren sie bis heute miteinander, geben sich Tipps, wie man sich gegenüber Behörden verhält oder erklären sich gegenseitig das Leben in Deutschland. Der Kulturschock ist groß. Alles habe sich für ihn geändert, sagt er. „In Afghanistan viel schlafen. Hier keine Zeit.“ Die Konrads nicken. Vor allem das frühe Aufstehen habe dem Jungen anfangs große Probleme bereitet.

Jamal ist in einer besonderen Situation. Während sein Bruder in Darmstadt in einer Flüchtlingsunterkunft darauf wartet, dass sein Asylantrag bearbeitet wird, ist für ihn gesorgt. Als unbegleiteter minderjähriger Flüchtling wurde er vom System der Jugendhilfe aufgefangen. Damit steht ihm per Gesetz sofort ein Anwalt und eine intensive Betreuung zu. Das Frankfurter Jugend- und Sozialamt hat die Vormundschaft übernommen.

Ein Sonderfall ist Jamal aber auch, weil er einer von nur 16 Jungen in Frankfurt ist, die in einer deutschen Pflegefamilie untergebracht wurden. Dazu suchte das Amt erfahrene Eltern, die bereits Kinder großgezogen haben. Die Konrads haben zwei ältere Kinder, die schon aus dem Haus sind.

Auch der Junge, der in Würzburg zur Axt griff und wahllos auf Zugpassagiere losging, war in einer Pflegefamilie untergebracht. Allerdings nur wenige Tage. Der um drei Jahre jüngere Jamal ist schon seit einem halben Jahr bei den Konrads. Er versteht den anderen nicht. „Warum ist er nicht in Pakistan geblieben, wenn er nur Bummbumm machen wollte?“, fragt er. Die Konrads haben mit ihm über das Geschehen gesprochen. „Für ihn war wichtig, dass es niemand aus Afghanistan war“, sagt der Pflegevater. Endgültig geklärt ist die Herkunft des Täters allerdings noch nicht. In jedem Fall hatte er dieselbe Muttersprache wie Jamal: Paschtu.

Jamal besucht die örtliche Schule und geht mit vielen anderen ausländischen Kindern in eine Integrationsklasse. Es nervt ihn, dass er wegen seines niedriger geschätzten Alters von so vielen Jüngeren umgeben ist. Elke Konrad* wiegt den Kopf: „Er versteht noch nicht, dass es gut für ihn ist, wenn er länger zur Schule gehen kann.“

Tatsächlich hat Jamal auch früher eine Schule besucht, eine Koranschule oder Madrassa. Ein Vorteil gegenüber vielen anderen Jugendlichen, die ohne Eltern nach Deutschland gekommen sind. Ja, die Schule in Deutschland sei schwer, muss er zugeben. Jetzt in den Ferien nimmt Josef Konrad ihn mit zum Fußball-Training, bindet ihn ein in die Betreuung von Kindern im Sommercamp, meldet ihn zum Schwimmkurs an. „Er glaubt zwar, dass er schwimmen kann. Was er macht, hat aber mit Schwimmen nichts zu tun. Er hält sich über Wasser.“

Die neue Gemeinschaft ist für alle herausfordernd: Wenn Jamal mit seiner Mutter telefoniert habe, seien die Erziehungsbemühungen zum Teil wieder zunichte gewesen. Zumindest am Anfang, sagt Elke Konrad. Sie und ihr Mann sind beide berufstätig. Der Junge ist nachmittags oft allein. „Ich lerne oder gehe in die Stadt mit Freunden“, sagt Jamal. Die Freunde, mit denen er zu tun hat, bringt er nicht mit nach Hause. Auch der Bruder hat Jamal in seiner Pflegefamilie bisher nie besucht. Und in die Moschee, in die Jamal regelmäßig geht, haben die Konrads ihn nie begleitet. Sie hätten mit Religion nicht viel am Hut, räumen beide ein.

Er gehe meistens mit Freunden in die türkische Moschee, sagt Jamal. Einmal sei er in einer pakistanischen gewesen. Dass dem Jungen Religion viel bedeutet, ist unverkennbar. Vielleicht habe sie den Faktor Religion etwas unterschätzt, sagt Elke Konrad. Dass sie mit göttlicher Vorsehung konfrontiert wird, wenn es um pünktliches Aufstehen geht, sei sie von ihren eigenen Kindern so nicht gewohnt gewesen. „Wir hatten schon Streitgespräche deswegen.“ Als sie bei einer Vorstellung im Tigerpalast, einem Frankfurter Variété-Theater, laut lachen musste, habe Jamal sie zurechtgewiesen. „Man lacht nicht laut“, wiederholt er auch jetzt. Elke Konrad wirkt etwas befremdet, nimmt Jamal aber auch in Schutz. „Mit einem deutschen Kind wäre es sicher auch schwierig.“

Man merkt beiden Pflegeeltern an, dass sie ein eher liberales, großzügig gefasstes Erziehungsbild haben. Beide betonen den Respekt vor der Individualität des Jungen. „Anfangs haben wir uns Gedanken gemacht, was er in seinem Zimmer macht“, sagt Josef Konrad. „Wir wussten ja nicht, wie wir in seine Privatsphäre eindringen können.“ Jamal zeigt sein Zimmer ganz ohne Scheu. Es liegt direkt neben dem Eingang des Hauses und ist penibel aufgeräumt. Nichts hängt an der weißen Wand. Er zeigt ein paar Fotos von früher aus Afghanistan, auch von seiner Mutter. Er hat sie sich auf DIN-A4-Größe ausgedruckt. Rechts an der Wand ist ein Flachbildschirm montiert, im Regal ist ein Laptop, darunter ein paar Fitness-Hanteln. Auf einem Nachtschränkchen liegt, sauber gefaltet, der Gebetsteppich. Auf dem Sessel ein Fußball-Trikot seines neuen Frankfurter Vereins.

Pflegefamilien wie die Konrads erhalten für die Unterbringung und Betreuung eines unbegleiteten minderjährigen Flüchtlings ein Pflegegeld von 913 Euro im Monat. Davon sind 237 Euro als Erziehungsgeld gedacht. Der Rest soll für Essen, Unterkunft und Kleidung der Jugendlichen verwendet werden. Schriftlichen Kontakt zum Jugend- und Sozialamt der Stadt Frankfurt, welches das Sorgerecht für den Jungen hat, gibt es. Den amtlichen Vormund habe er aber bisher nie gesehen, sagt Josef Konrad. Für diese Woche habe er sich erstmals angekündigt. Was er tun würde, wenn Jamal sich fragwürdige Videos im Internet anschaut oder Flaggen des sogenannten „Islamischen Staates“ im Zimmer aufhängt? „Ich weiß es nicht. Aber dagegen vorgehen würde ich.“

Bei den Behörden werden Jungen wie Jamal „Uma“ genannt – „unbegleitete minderjährige Asylsuchende“. Das Wort „Flüchtling“ wurde ausgetauscht. 547 „Uma“ stehen

derzeit in Frankfurt

unter der Vormundschaft des Jugend- und Sozialamtes. Bei 109 von ihnen steht noch nicht fest, ob sie in Frankfurt bleiben können. Wenn sie nicht wie Jamal in Pflegefamilien sind, leben die Jugendlichen über das Stadtgebiet verteilt in 15 Wohngruppen, wo sie intensiv betreut werden. Ein Projekt, wonach die Vormundschaft an Ehrenamtliche abgegeben werden könnte, steckt noch im Startblock. Die meisten „Uma“ sind zwischen 15 und 17 Jahre alt, selten jünger. Afghanen sind die größte Gruppe, gefolgt von Eritreern und Somaliern. 90 Prozent sind männlich.

Die Stadt sehe sich bei ihrer Betreuung gut aufgestellt, sagt Katrin Wenzel, Sprecherin der Stabsstelle Flüchtlingsmanagement. Weil die Stadt auch früher schon Ankunftsort für „Uma“ war, gebe es die nötigen Strukturen und Netzwerke schon lange. Zu Hochzeiten der Flüchtlingskrise waren in Frankfurt allerdings bis zu 1600 unbegleitete minderjährige Asylbewerber untergebracht – eine Belastung auch für etablierte Strukturen. Seit Herbst 2015 konnte die Stadt nach einer Gesetzesänderung aber viele Uma an andere Landkreise abgeben.

Einblick in die Lebenswirklichkeit der Frankfurter „Uma“ wolle und könne die Behörde nicht gewähren, sagt Wenzel. Die zum Teil traumatisierten Jugendlichen müssten geschützt werden. Daran ändere auch das öffentliche Interesse nach der Gewalttat von Würzburg nichts. Diese lässt allerdings auch Wenzel ratlos zurück. „Er konnte gut Deutsch, er war in einer Pflegefamilie untergebracht. Mehr für seine Integration konnte man doch gar nicht tun.“ Auch das Jugend- und Sozialamt der Stadt tut sich schwer mit Schlussfolgerungen. Die Befürchtung ist groß, dass eine Gruppe für die Tat eines Einzelnen in Mithaftung genommen werden könnte. Es sei noch viel zu früh, daraus für Frankfurt etwas abzuleiten, stellt Michael Krause, stellvertretender Leiter des Bereichs Grundsatz Kinder- und Jugendhilfe klar.

Etwas über 40 Mündel betreut aktuell ein einzelner Mitarbeiter im Frankfurter Jugend- und Sozialamt. Früher sei die Zahl noch beträchtlich höher gewesen, sagt Krause. Ein neues Gesetz legt das Limit bei 50 fest. Idealerweise treffe ein Vormund sein Mündel einmal pro Monat. „Wir begleiten die Umas so, wie wir auch andere junge Menschen begleiten“, sagt Krause. „Unser Ziel ist ihre Verselbständigung. Sie haben ja keinen, bei dem sie mit 18 unterschlüpfen können.“

Radikalisierung sei schon immer ein Thema, das Pädagogen beschäftige. Wichtig sei die Vertrauensbasis. „Im Kontakt zu sein und aufmerksam auf die Signale zu achten, ist die beste Vorkehrung.“ In Frankfurt gibt es ein vom Amt für Multikulturelle Angelegenheiten koordiniertes Ämternetzwerk, in dem auch die Polizei involviert ist. Die Pädagogen aber, die bei den Trägern unmittelbar mit der Betreuung der Jugendlichen zu tun haben, würden nicht systematisch für die Erkennung von Radikalismus geschult, sagt Krause. Die Träger liefern der Behörde auch keine Informationen darüber, wie viele Mitarbeiter solche Schulungen absolviert haben. „Ich kann nicht sagen, was die Träger im einzelnen machen. Es gibt keine rechtliche Verpflichtung zu Schulungen.“

Karsten Althaus leitet das Internationale Familienzentrum (IFZ), einen Verein, der als freier Träger 5 der 15 Frankfurter Einrichtungen betreut. In keiner davon sind mehr als 20 Jugendliche untergebracht. Althaus kennt die Situation in den Wohngruppen, hat die Berichte der Sozialarbeiter über jeden Jugendlichen vorliegen, und er trifft eine bemerkenswert klare Aussage: „Ich bin mir sehr, sehr sicher, dass von den uns Anvertrauten keine Gefahr ausgeht. Keiner von denen ist gekommen, um hier Anschläge zu begehen.“

Ausschlaggebend für diese Überzeugung sei die enge und vertrauensvolle Beziehung zwischen Betreuern und Betreuten. Beim IFZ kommt ein Betreuer auf 1,8 „Uma“. Das klingt gut, relativiert sich allerdings etwas durch den 24-Stunden-Schichtdienst. Es könne gut sein, dass nachmittags auch mal nur ein Betreuer in der Einrichtung sei, wenn zum Beispiel zwei Jugendliche zum Arzt begleitet werden müssten, räumt Althaus ein.

Viele der Betreuer haben selbst einen Migrationshintergrund oder seien muslimischen Glaubens, was den Zugang erleichtere. Speziell geschult im Erkennen von Radikalisierung sind sie Althaus zufolge aber nicht. „Die Polizei war mal bei uns. Ich würde das aber eher als Informationsveranstaltung bezeichnen.“ Seine Mitarbeiter seien aber alle in der Erkennung von Traumata geschult. „Viele der Jungen sind im Alter von 12 oder 14 Jahren losgeschickt worden. Sie waren bis zu zwei Jahren unterwegs, haben Folter und Schlimmeres erlebt. Manche können nachts nicht schlafen.“

Das Leben in der Einrichtung sei stark an den Abläufen einer Familie ausgerichtet. „Sie stehen früh morgens auf, zum Teil müssen sie geweckt werden. Dann geht der größte Teil zur Schule, andere besuchen ihren Deutschkurs. „Viele sind sehr motiviert, Deutsch zu lernen.“ Nachmittags stehen dann Arztbesuche sowie sportliche und andere Aktivitäten auf dem Programm. Regelmäßig gibt es Einzelgespräche, im Wochenrhythmus auch Reflexionen in der Gruppe.“

Bei der Einhaltung der Regeln sei man streng, auf Pünktlichkeit werde geachtet. Es gibt Tischdeck-, Küchen- und Reinigungsdienste. „Die Jugendlichen sollen so selbstständig wie möglich werden.“ Um sich zurückziehen zu können, hätten die meisten Uma ein Einzelzimmer. Darin stehe allerdings kein Computer. Um diesen zu benutzen, müssten sie in den Gruppenraum. Bei der Art der Religionsausübung schaue man aber schon genauer hin. „Auch in Frankfurt gibt es Moscheen, die problematischer sind als andere. Wir versuchen dann, sie wegzuhalten von diesen Räumen.“

Die Aussichten, als Flüchtlinge anerkannt zu werden und dauerhaft in Deutschland bleiben zu können, seien gut. Die jungen Menschen hätten damit eine Perspektive und seien weniger gefährdet, auf Abwege geführt zu werden. Enttäuschte Erwartungen – ja, die gebe es auch.

„Man muss auch mal erklären, dass es kein Recht gibt auf eine Hollister-Hose, neue Sneaker-Turnschuhe oder einen Laptop.“ Kultursensibel müsse man auch aufarbeiten, wenn ein Jugendlicher der Sozialpädagogin die Begrüßung verweigere.

Über die Vorkommnisse von Würzburg sei in den Einrichtungen auch mal gesprochen worden. Einige Jugendliche hätten sich gefreut, als sie erfuhren, dass der Amokläufer oder Attentäter nicht aus ihrem Land stamme. Proaktiv würden die Betreuer so etwas aber nicht ansprechen. „Das ist keine pädagogische Maßnahme“, sagt Karsten Althaus.

* Die Namen der Beteiligten wurden aufgrund ihres besonderen Schutzbedürfnisses geändert.

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