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„Wir brauchen einen Kraftakt in der Bildung“

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Von: Christiane Warnecke

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Bundesbildungsministerin Bettina Stark-Watzinger fordert eine neue Form der Kooperation mit den Ländern

Frankfurt -Bettina Stark-Watzinger ist seit knapp einem Jahr Ministerin für Bildung und Forschung im Kabinett von Olaf Scholz. Wie die FDP-Politikerin aus Hessen dem sinkenden Qualifikationsniveau junger Menschen und den schlechten Wahlergebnissen ihrer Partei begegnen will, erläutert sie im Interview mit unserer Zeitung.

Gerade in dieser Woche hat der Ethikrat auf die Belastungen für die Jugend in der Pandemie hingewiesen. Ist es überhaupt noch zu schaffen, entstandene Defizite zu kompensieren?

Die Corona-Pandemie hat den Trend verstärkt, dass die Grundkompetenzen im Lesen, Schreiben und Rechnen abgenommen haben. Hinzu kommen psychische und soziale Folgen. Kinder und Jugendliche müssen jetzt wieder so viel Normalität wie möglich in den Schulen haben. Und wir müssen diejenigen besonders unterstützen, die zu Hause wenig oder keine Unterstützung bekommen. Das wollen wir mit dem Startchancen-Programm erreichen, und daran arbeiten wir mit den Ländern.

Nun leiden Familien auch noch unter der Inflation. Wie wollen Sie verhindern, dass die Bildungsschere noch weiter auseinandergeht?

Ganz wichtig ist, dass Bildungseinrichtungen trotz der Energiekrise offen bleiben. Deshalb zählen sie bei der Gasversorgung zu den geschützten Kunden. Zudem soll jede zehnte Schule in Deutschland zur Startchancen-Schule werden, und zwar genau dort, wo die Herausforderungen am größten sind. Also nicht Gießkanne, sondern Bildungschancen und -gerechtigkeit gezielt fördern als Grundlage für den weiteren Lebensweg.

Viele halten die Bafög-Reform nicht für ausreichend ...

Für uns als Freie Demokraten geht es immer darum, Aufstieg durch Bildung möglich zu machen. Wir wollen lieber zu Beginn des Lebens möglichst individuell unterstützen als später mit Sozialleistungen. Deshalb war uns eine schnelle Bafög-Reform wichtig. Der Bafög-Höchstsatz ist dadurch um mehr als acht Prozent gestiegen, beim Wohnen sind es sogar elf Prozent.

Aber um das Energiegeld für Studenten beantragen zu können, ist nicht mal die Plattform programmiert ...

Daran arbeiten wir mit Hochdruck, aber es geht nicht ohne die Länder. Mein Ziel ist, dass die Einmalzahlung Anfang nächsten Jahres ausgezahlt wird. Schließlich sollen sich Studierende auf ihre Prüfungen konzentrieren und nicht auf ihre Gasrechnung.

Mit der Qualität der Bildung ist es nicht zum Besten bestellt. Unternehmen beklagen ein sinkendes Qualifikationsniveau beim Nachwuchs. Was ist in der Bildungspolitik schiefgelaufen?

Die Gesellschaft hat sich verändert, ist vielfältiger geworden. Gleichzeitig ist nicht genug in Bildung investiert worden. Und die Digitalisierung wurde zu spät angegangen. Wir brauchen jetzt einen gemeinsamen Kraftakt in der Bildung.

Wie kann die Politik gegensteuern?

Schulen sind nur so gut wie ihre Lehrer. Und davon gibt es zu wenige. Es reicht nicht, nur neue Lehrerstellen im Haushalt einzuplanen. Wir sehen, dass zu viele das Lehramtsstudium abbrechen und dass sich zu wenige für den Beruf interessieren. Wir sollten ein Jahr der Lehrkräfte ausrufen, auch um die Anerkennung und den Respekt zu stärken. Und wir müssen die Digitalisierung der Bildung vorantreiben.

Während die Digitalisierung in der Wirtschaft längst rasant voranschreitet, geht es an Schulen aber bislang nur im Schneckentempo voran ...

Ja, die Lebenswelt ist digital, das Klassenzimmer vielfach noch analog. Das darf nicht so bleiben. Da ist der Digitalpakt ein erster Schritt, um die nötige Infrastruktur aufzubauen. Schon das geht zu langsam, dabei müssen wir zum Beispiel auch die Lehrer befähigen.

Sie fordern bei der Digitalisierung mehr Kompetenzen für den Bund, warum?

Weil der Bund ein Mehr an Bildung schaffen kann. Bisher ist das auf Bundesebene schwierig, weil wir nur Gelder für digitale Infrastruktur geben dürfen. Hier ist eine neue Form der Kooperation zwischen Bund und Ländern nötig.

Warum brauchen wir in jedem Bundesland andere pädagogische Konzepte?

Das ist Bildungsföderalismus. Die Länder verständigen sich in der Kultusministerkonferenz ja schon auf Standards. Es wäre gut, wenn diese auch verbindlich umgesetzt würden.

Zu Ihrem Ressort gehört ja auch die Forschung. Wie wollen Sie Ihre Zukunftsstrategie umsetzen?

Sie ist das Fundament, um die entscheidenden Fragen unserer Zeit zu beantworten: Wie machen wir das Wirtschafts- oder Gesundheitssystem zukunftsfest? Wie wird die Energieversorgung nachhaltig, verlässlich und bezahlbar? Da kommt es zum Beispiel drauf an, grünen Wasserstoff schneller in den Markt zu bekommen.

Wo liegen die Hürden bei der Wasserstofftechnologie?

Es gibt noch Lücken zu schließen. Die Produktion muss effizienter werden. Netze müssen ausgebaut werden. Hierfür muss noch viel geforscht werden, und das fördern wir mit viel Geld.

Sie sind zugleich die hessische Landesvorsitzende der FDP. Wie blicken Sie auf die Hessen-Wahl im kommenden Jahr? Die Ergebnisse der Liberalen waren ja auf Landesebene zuletzt sehr ernüchternd ...

Unser Ziel ist es, den Stillstand der schwarz-grünen Koalition zu beenden. Dafür stellen wir bei unserem Parteitag an diesem Wochenende ein engagiertes Team zusammen, das wir bei der Landtagswahl ins Rennen schicken.

Wie wollen Sie im anstehenden Dreikampf um die hessische Staatskanzlei die FDP neben CDU, SPD und Grünen sichtbar machen?

Wir werden ein ambitioniertes Programm vorlegen, das die Themen Wirtschaft und Bildung klar in den Mittelpunkt stellt. Da ist nach fast neun Jahren Schwarz-Grün in Hessen viel Luft nach oben. Unser designierter Spitzenkandidat Stefan Naas steht für diese Zukunftsthemen. Und die FDP steht nicht nur für die Freiheit des Einzelnen, sondern auch Engagement und Verantwortung. Das ist gerade in diesen Zeiten ein attraktives Angebot.

interview: CHRISTIANE WARNECKE

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