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Worte, die Zeit brauchen

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So gut wie jeder Tag in der Welt ist ein Gedenk- oder auch Aktionstag, ob es um die Unabhängigkeit, den Sieg der Revolution und Befreiung oder um den Tag des deutschen Schlagers, der Blockflöte,

So gut wie jeder Tag in der Welt ist ein Gedenk- oder auch Aktionstag, ob es um die Unabhängigkeit, den Sieg der Revolution und Befreiung oder um den Tag des deutschen Schlagers, der Blockflöte, der Katzen und Zugvögel sowie des Schlafens geht. Solche Tage, von denen manche recht kurios klingen, sollen an geschichtliche Ereignisse erinnern, Identität stärken, aber auch Bewusstsein für Minderheiten und bestimmte Krankheiten schaffen sowie friedensstiftende Ziele verfolgen. Morgen ist der Welttag des Stotterns, mit dem auf die Schwierigkeiten aufmerksam gemacht werden soll, die Menschen mit Störungen im Sprechablauf – in Deutschland sind das rund 800 000 – im Alltag haben. Die Bundesvereinigung Stottern und Selbsthilfe hat den Aktionstag unter das Schwerpunktthema „Stottern im Job“ gestellt.

Dass ich mich diesem Thema widme, hängt mit einer kürzlichen Begegnung mit einem Kommunalpolitiker zusammen, dessen Sprössling in der Schule ein Wunderkind ist, aber durch eine Fehlfunktion im Zusammenwirken von rechter und linker Gehirnhälfte Sprechbehinderungen aufweist. Die ursprüngliche Hoffnung, er verliere dieses Symptom bis zur Pubertät wieder, erwies sich als trügerisch. Nun kommentierte der Vater das angebliche Handicap des hochbegabten Filius mit den Worten: In die Politik kann er dann halt mal nicht. Weit gefehlt, verehrter Erzeuger. Demosthenes,Vorbild aller sprachgewaltigen Redner, stotterte eigentlich, bereitete sich aber auf seine Glanzreden mit Kieselsteinen im Mund und mit gemeinsamen Gestik-Übungen mit Schauspielern vor. Im britischen Parlament waren in den 1930 Jahren die beiden besten Redner Stotterer: Winston Churchill, einer der großen Staatsmänner des vergangenen Jahrhunderts und Labour-Politiker Aneurin Bevan. Beide betrieben vor Reden Wortschatz-Training. US-Vizepräsident Joe Biden kommt im Alltag gut mit seiner Schwäche zurecht.

Auch im Showgeschäft braucht Stottern nicht karriereschädigend zu sein. Das Stakkato von Dieter Thomas Heck ließ keine Unterbrechungen zu, der Komiker Mister Bean kann das Publikum wortlos amüsieren, und beim Anblick der Sexbombe Marilyn Monroe gerieten eher Männer ins Stottern.

Freilich gibt es auch düstere Schicksale. Charles I, König von England im 17. Jahrhundert, war als Stotterer unfähig, vor dem Parlament aufzutreten; Lewis Carroll, dem wir „Alice im Wunderland“ verdanken, konnte wegen seiner Behinderung nicht Priester werden. Der morgige Tag soll also Verständnis wecken für Menschen, für die Vokale und Konsonanten Stolpersteine sind, über mögliche Therapien aufklären und klar machen, dass es um kein psychisches Problem, sondern um eine Krankheit geht. Die Folge ist oft Sprechangst und soziale Isolation. Das muss nicht sein, wenn uns bewusst ist, dass Worte halt Zeit brauchen.

politik@fnp.de

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