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Der frühere Bundespräsident Christian Wulff

Bundespräsident a.D. im Interview

Wulff: "Die Vielfalt hat uns Wohlstand gebracht"

Der frühere Bundespräsident Christian Wulff war am Dienstagabend in Kronberg zu Gast. Unser Mitarbeiter David Schahinian nutzte die Gelegenheit und fragte ihn, was der neue US-Präsident seiner Meinung nach für uns bedeutet. Zum Thema Journalismus sagte Wulff Bemerkenswertes.

Herr Wulff, wie schätzen Sie die derzeitige Situation in Washington ein?

CHRISTIAN WULFF: Mein Amerika-Bild ist davon geprägt, dass die Amerikaner uns von den Nationalsozialisten befreit haben, dass sie uns mit dem Marshall-Plan wieder auf die Beine geholfen haben, sie mit der Luftbrücke die Freiheit West-Berlins erhalten haben, und dass sie uns 1990 auch bei den 2+4-Verhandlungen bei der Einheit geholfen haben. Daher wirkt ein Präsident, der bei seiner Amtseinführung gar nichts zu der internationalen Verantwortung, zur Geschichte sagt, auf mich verstörend. Ich hoffe sehr, dass die neue Administration diese Verantwortung schnell wahrnimmt. Europa und Amerika sind eine starke Wertegemeinschaft, und in einer unruhigen Welt kommt es auf diese Wertegemeinschaft mit den USA besonders an.

Sehen Sie eine Gefahr für die Nato oder Konsequenzen für Europa?

WULFF: An der Bündnistreue gibt es keinen Zweifel. Die Erhöhung des Verteidigungs-Etats war bereits vor zwei Jahren in Oslo beschlossen worden – insofern erwarte ich da keine Konsequenzen. Aber wir Europäer müssen unser Schicksal auch stärker in die eigene Hand nehmen.

Kann US-Präsident Trump auch eine Chance für Europa sein, wieder näher zusammenzurücken?

WULFF: Die Wahl in Amerika und der Brexit sind für uns Weckrufe, dass wir Europäer weniger, aber das geschlossener und besser machen müssen. Wir müssen uns auf die zentralen Dinge konzentrieren. Damit meine ich vor allem die Sicherung der Außengrenzen, die Bekämpfung des Terrors, und wir müssen wieder mehr europäischen Gemeinschaftsgeist zeigen.

Wo sehen sie die Gründe dafür, dass der Populismus derzeit in mehreren Ländern so stark Raum greift?

WULFF: Die Ursachen dafür sind die nicht gelösten Probleme der Globalisierung, die vermehrte Manipulierbarkeit im Internet und eine nicht ausreichend positive Besetzung des Themas Vielfalt. Die Vielfalt hat uns Deutschen unseren Wohlstand gebracht. Eine Partei, die gegen Europa ist, die Deutschland aus Europa herausführen will, schadet unserem Wohlstandsmodell und unserem Zusammenhalt.

Eine persönlichere Frage: Wie gehen Sie damit um, nicht mehr täglich im Rampenlicht zu stehen?

WULFF: Die Vorteile liegen darin, dass ich mich wieder mehr wichtigen Themen wie der Zusammenarbeit mit Afrika, den arabischen Länder und Asien widmen kann. Dass ich mehr und freier mit Bürgern diskutieren kann. Und dass ich nach meinen eigenen Wünschen Termine annehmen kann, zum Beispiel mit jungen Leuten an Universitäten – ich habe auch eine Stiftungsprofessur an der Universität Duisburg-Essen inne. Insgesamt habe ich mehr Freiheiten.

Sie mussten als Bundespräsident zurücktreten, weil gegen Sie wegen des Verdachts der Vorteilsannahme ermittelt wurde. Im Prozess wurden sie freigesprochen. Sie beklagten danach, Medien hätten Sie unfair behandelt. Trotzdem nehmen Sie die Presse in Schutz. Warum?

WULFF: Was mir damals widerfahren ist, war vollkommen überzogen und in Teilen auch grotesk. Aber im weltweiten Maßstab haben wir in Deutschland eine vielfältige, qualitativ wertvolle Presse. Eine kleine Anekdote: Ich habe meiner Tochter mal zu Weihnachten ein Zeitungs-Abo geschenkt. Daraufhin sagte mir ein Botschafter, solch eine gute Idee sei typisch für Deutschland, in seinem Land kenne er gar keine Zeitung, die er seinen Kindern verantwortungsvoll anvertrauen könnte. Es macht einen Unterschied, ob man mit kostenlosen Nachrichten im Netz nur nach eigenen Interessen bombardiert wird, oder Qualitätsmedien, zum Beispiel eine Zeitung, nutzt, bei denen eine Redaktion das Weltgeschehen kuratiert und aufbereitet. Das muss uns etwas wert sein.

Als Bundespräsident sagten Sie den berühmten Satz: „Der Islam gehört zu Deutschland.“ Soeben haben Sie bei einem Vortrag in Kronberg über den Islam gesprochen. Zwei Zuhörer sind gegangen und haben die Tür hörbar laut zugeschlagen. Nehmen Sie das in Kauf?

WULFF: Ich bin davon überzeugt, dass wir Debatten führen müssen – kontrovers, aber mit gegenseitigem Respekt. Dafür, dass manche andere Meinungen nicht ertragen können, kann ich mir keinen Vorwurf machen. Ich hätte es begrüßt, wenn die, die vielleicht nicht einverstanden waren, dies freimütig gesagt hätten. Demokratie braucht Auseinandersetzung, braucht das Ringen um den besten Weg. Das kann keine Harmonieveranstaltung sein. Ich bediene keine Vorurteile und setze mich nicht auf Wellen. Ich stehe zu meinen Überzeugungen und bin damit immer gut gefahren.

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