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Verhaltensgestörte Kinder: Ein Fünftel sind psychisch auffällig, laut RKI

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Von: Natalie Hull-Deichsel

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„Das ist doch nicht normal!“ Ein Ausspruch, der Eltern zum Verhalten ihrer Kinder gerne mal über die Lippen geht. Doch welches Verhalten ist normal?

München – „Als ich früher Eltern mit ihren lauten, frechen und überdrehten Kindern sah, dachte ich mir immer ‚So werden meine Kinder mal nie werden.‘ Dann wurde ich schnell eines Besseren belehrt, als ich selbst Mutter wurde und mein Sohn ab etwa drei Jahren begann, ein auffälliges Verhalten zu zeigen, schnell wütend wurde, brüllte und rumschrie. Bis heute, mit fast sechs Jahren, tut er das. Meinen Mann und mich verunsichert es sehr, weil wir uns fragen, ob es normal ist, dass unser Kind sich so verhält oder ob es gar psychisch krank ist. Gerade weil wir häufig andere Kinder sehen, die das nicht tun.“ Eine ehrliche Äußerung einer Mutter, mit der wir von 24vita.de gesprochen haben.

Auffälliges, störendes, „unnormales“ Verhalten von Kindern ist eines der sensibelsten Themen für Eltern, über das viele nicht gerne sprechen. Insbesondere, wenn sie das Gefühl haben, dass es nur ihr eigenes Kind ist, das wie „verhaltensgestört“ wirkt.

Verhaltensgestörte Kinder: Welche Anzeichen sind typisch?

Ist ein verhaltensgestörtes Kind normal oder steckt gar eine psychische Erkrankung wie ADHS dahinter?
Jungen zeigen laut des Robert-Koch-Instituts häufiger Verhaltensauffälligkeiten. (Symbolbild) © Westend61/Imago

Wenn das eigene Kind sich verhaltensauffällig zeigt, ist die Angst der Eltern häufig groß, dass sie ihr Kind nicht im Griff haben, es möglicherweise auch zu sehr überbehüten oder als Helikopter-Eltern falsch erziehen. Woran können Eltern erkennen, dass ihr Kind „psychisch auffällig“ ist? Gibt es Frühwarnzeichen, die womöglich sogar auf eine Erkrankung hindeuten könnten?

Bei den Anzeichen verhaltensauffälliger Kinder unterscheiden Experten nach innen und nach außen gerichtete Symptome, so „Die Oberberg Fachkliniken“:

Verhaltensstörung bei Kindern: nach außen gerichtete Symptome

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Verhaltensstörung bei Kindern: nach innen gerichtete Symptome

Verhaltensgestörte Kinder: Wie viele sind betroffen?

Laut einer Studie des Robert-Koch-Instituts (RKI) zählen über ein Fünftel aller Kinder und Jugendlichen im Alter von sieben bis 13 Jahren zur Risikogruppe für psychische Auffälligkeiten. Jungen sind dabei öfter betroffen als Mädchen. Zudem entwickelten Jungen in der Altersspanne sieben bis 13 Jahre eher psychische Auffälligkeiten als in den Jahren drei bis sechs sowie 14 bis 17 Jahren.

Was sich zeigte: Für Mädchen wie auch Jungen konnte ein Zusammenhang des sozialen Status‘ ihrer Herkunftsfamilie und dem Auftreten der Anzeichen ihrer Verhaltensstörung hergestellt werden. Je niedriger der soziale Status, desto häufiger könnten sich Verhaltensauffälligkeiten entwickeln.

Verhaltensgestörte Kinder: Welches Krankheitsbild könnte dahinter stehen?

Ein verhaltensauffälliges Benehmen zeigen sehr viele Kinder – auch wenn es vielen Eltern subjektiv in akuten Situationen anders erscheinen mag – und grundsätzlich ist das auch nicht falsch oder unnormal. Solange Kinder und Jugendliche heranwachsen und sich (auch geistig) entwickeln, prasseln Veränderungen im Umfeld und familiären Alltag auf sie ein, sodass diese Einflüsse sich verständlicherweise mehr oder weniger über das Verhalten, ihre Stimmung, ihr Gefühlsleben ausdrücken.

Wenn das auffällig gestörte Verhalten für das Kind, das Umfeld und die Eltern zur großen Belastung wird, sollte dies mit dem Kinderarzt besprochen werden, um mögliche Strategien zur Konfliktlösung zu entwickeln und – sofern sinnvoll – anhand von Untersuchungen bestimmte Erkrankungen bei Kindern wie ADHS oder Depression auszuschließen.

Kinder von Eltern bzw. Erwachsenen mit ADHS oder mit einer Depression haben ein höheres Risiko auch selbst eine psychische Erkrankung zu entwickeln. Genetische Faktoren sollten für eine erforderliche Diagnostik von Verhaltensstörungen bei Kindern und Jugendlichen nicht vernachlässigt werden.

Verhaltensgestörte Kinder: Was sagen Experten und Pädagogen?

Viele Experten, Kinderärzte und Pädagogen sind sich jedoch einig: Eine Verhaltensauffälligkeit des Kindes sollte nicht sofort pathologisiert werden. In der heutigen Gesellschaft, in der es auch häufig viel um Anpassung, Nicht-Auffallen sowie Perfektion gehe, würde gerne das Bild vermittelt, „Wer auffällt, ist nicht normal“. Dabei wäre es so wichtig für Kinder, sich frei zu entwickeln, ohne ständig in ein gesellschaftliches Raster gesteckt zu werden, raten Experten.

Pädagogin, Autorin sowie ehemalige TV-„Supernanny“ Katia Saalfrank plädiert dafür, Kinder, die auffallen, nicht automatisch als verhaltensauffällig oder -gestört einzustufen. In den sozialen Medien bezieht sie zum Thema „Verhaltensauffällige Kinder“ klar Stellung:

„Immer mehr verhaltensauffällige Kinder? [...] Wir wissen heute viel mehr über Kinder, ihre Entwicklung und das, was Kinder brauchen, um maximal psychisch und physisch aufwachsen zu können. Oft begegnet es mir in der Arbeit mit ErzieherInnen und LehrerInnen, dass altersadäquates und entwicklungsgerechtes Verhalten als pathologisch auffälliges Verhalten von Fachleuten interpretiert wird. In der Erziehung spielten noch vor gut siebzig Jahren Gefühle kaum eine Rolle. Sie wurden in der Regel unterdrückt. Heute wissen wir, dass Menschen hierdurch in ihrer emotionalen Entwicklung gehemmt werden und in der Folge Störungen entwickeln können. [...] So werden oft sofort die Eltern informiert, das Kind wird separiert und als ‚aggressives‘ und ‚verhaltensauffälliges Kind‘ stigmatisiert. [...] aus der absurden Befürchtung heraus, dass aus einem aggressiven vierjährigen oder auch siebenjährigen Jungen mal ein gewalttätiger Jugendlicher wird.“

Wie haben es Eltern früher mit verhaltensauffälligen Kindern gehandhabt? In Familien früherer Generationen wurde in der Regel eher der autoritäre Erziehungsstil gelebt, da war es „völlig normal“, Kinder mit Ohrfeige zu bestrafen. Viele Eltern von heute distanzieren sich von diesen Methoden und setzen eher auf Beziehung anstatt auf reine Erziehung durch Bestrafung.

Dieser Beitrag beinhaltet lediglich allgemeine Informationen zum jeweiligen Gesundheitsthema und dient damit nicht der Selbstdiagnose, -behandlung oder -medikation. Er ersetzt keinesfalls den Arztbesuch. Individuelle Fragen zu Krankheitsbildern dürfen von unseren Redakteurinnen und Redakteuren leider nicht beantwortet werden.

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