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Kinder bringen Eltern mit ihrem Verhalten oft an ihre Grenzen. Gelassen zu bleiben, ist da nicht immer leicht.

Tipps für gelassenes Erziehen

Braucht man am Morgen eine lange Hose und Gummistiefel? Warum darf man nicht in der Badewanne essen? Und was passiert, wenn Eltern ständig Sätze sagen wie: „Wenn du das jetzt nicht sofort machst, ist das Taschengeld gestrichen”?

Braucht man am Morgen eine lange Hose und Gummistiefel? Warum darf man nicht in der Badewanne essen? Und was passiert, wenn Eltern ständig Sätze sagen wie: „Wenn du das jetzt nicht sofort machst, ist das Taschengeld gestrichen”?

Danielle Graf und Katja Seide haben über diese und andere Erziehungsfragen ein Buch geschrieben. Graf ist Rechtsökonomin, Seide ist Sonderpädagogin. Außerdem schreiben sie zusammen einen Blog über alle Fragen, die Eltern beschäftigen.

Im Interview erzählt Graf, was bei Diskussionen um die richtige Kleidung hilft, und warum Eltern nicht alles perfekt machen müssen, um gute Eltern zu sein:

In Ihrem ersten Buch geben Sie Eltern Hilfestellung, deren Kinder gerade in der Trotzphase sind, also etwa zwei bis vier Jahre. Jetzt konzentrieren Sie sich auf Kinder im Alter von fünf bis zehn Jahren. Was ist in dieser Altersspanne anders?

Graf: Ganz vieles, was Kinder in den ersten Jahren machen - Tobsuchtsanfälle bekommen, wegen zerbrochener Bananen weinen - passiert, weil sie von der Gehirnentwicklung gar nicht anders können. Eltern sind in der Trotzphase oft am Verzweifeln und denken: Mein Kind macht das mit Absicht, das will mich provozieren. Uns war es wichtig, deutlich zu machen: Das tun sie nicht, es ist entwicklungspsychologisch gesehen normal, dass Kinder in dieser Phase die komplette Bandbreite an Gefühlen ausleben.

In der Altersspanne fünf bis zehn Jahre wendet sich das Blatt: Da sind sie bewusst in der Lage, Regeln zu missachten und ihre Eltern damit zu provozieren. Oft geht es aber nicht darum, Mutter und Vater zu ärgern, sondern das Kind verhält sich so, weil es ein Bedürfnis hat, das gerade zu kurz kommt - Aufmerksamkeit zum Beispiel, oder körperliche Nähe.

Können Sie dafür ein Beispiel geben?

Graf: Mein Sohn will manchmal morgens noch angezogen werden - obwohl er sechs ist. Am Anfang habe ich mich dagegen gesträubt und ihm gesagt: „Du bist doch kein Baby mehr.” Bis ich irgendwann gemerkt habe, es geht gar nicht darum, dass er das nicht kann - in der Kita klappt es nämlich wunderbar. Sondern er möchte das, weil er sehr verkuschelt ist und körperliche Nähe genießt. Deshalb bin ich dazu übergegangen, ihn anzuziehen, wenn er danach verlangt.

Manche Eltern würden denken, wenn sie so etwas einmal anfangen, wird das Kind nie selbstständig.

Graf: Das ist ein ganz typischer Denkfehler. Wir alle haben solche Glaubenssätze im Kopf, oft stammen die von unseren eigenen Eltern. „Der tanzt mir ja sonst auf der Nase rum”, „Der muss das jetzt mal lernen”, solche Gedanken sind das. Meine Erfahrung ist eine andere: Wenn ich Druck rausnehme und dem Kind entgegenkomme, kooperiert es auch zurück.

Und Kinder sind unheimlich gut darin, zu differenzieren. Wenn es ein Tag ist, an dem die Zeit unheimlich knapp ist, und sich das Kind dann selbst anziehen soll, macht es das auch - wenn ich entsprechend erkläre, warum das heute nicht geht. Ich rate Eltern: einfach mal ausprobieren, was passiert, wenn man eine andere Strategie fährt. Es so machen wie sonst immer, kann man dann immer noch.

Sie beschreiben in Ihrem Buch einige typische Situationen, die fast alle Eltern kennen. Zum Beispiel: Immer gibt es Diskussionen um die Klamotten. Was ist Ihr Tipp?

Graf: Es kommt darauf an: Es gibt manche Kinder, die ertragen es wirklich nur ganz schwer, Kleidung auf der Haut zu haben und wehren sich dementsprechend gegen alles, was sie auch nur ein bisschen einengt. Das sind aber wenige. Meist geht es eher um Autonomie: Sohn oder Tochter wollen selbst entscheiden. Manchmal hilft es, schon am Vorabend gemeinsam zwei Outfits rauszulegen. Dann gibt es morgens wenigstens nur zwei Optionen.

Funktioniert das nicht, kann man die Klamotten auch einfach in eine Tasche packen und das Kind im Schlafanzug in die Kita bringen. Die Kinder haben damit meist am allerwenigsten ein Problem - aber den Eltern ist es peinlich.

Wenn die Kinder etwas älter sind, erledigt sich so was meist von selbst. Dann orientieren sie sich sehr stark an den anderen. Kinder wollen kein Außenseiter sein. Wenn sie dann merken, alle tragen Jeans, aber ich bin das einzige Kind mit Jogginghose, werden sie vermutlich auch schnell Jeans tragen wollen.

In Ihrem Buch klingt es so, als würde man viele Tipps nur umsetzen können, wenn man sehr reflektiert ist. Manchen Eltern fehlt im Alltag dafür aber die Zeit - und manchmal auch die Nerven.

Graf: Uns geht es gar nicht darum, zu sagen: „So und so müsst ihr es machen”. Letztlich war das auch bei mir ein ganz langer Prozess, dahin zu kommen, dass ich meinem Kind so bedürfnisorientiert und auf Augenhöhe wie möglich begegne. Aber Eltern spüren in der Regel doch sehr gut, wenn sich etwas nicht stimmig anfühlt, wenn bestimmte Situationen sie sehr beschäftigen. Da lohnt es sich, genauer hinzuschauen: Wie verhalte ich mich da, wie mein Kind? Was könnte ich beim nächsten Mal anders machen?

Ich sage immer: Die Grundstimmung sollte stimmen. Dass man mal gereizt, wütend und auch ungerecht ist, gehört dazu. Kinder sind da auch widerstandsfähiger, als man denkt. Sie erwarten nicht, dass wir Eltern alles perfekt machen - im Gegensatz zu den Eltern selbst.

Service:

Danielle Graf/Katja Seide: Das gewünschteste Wunschkind aller Zeiten treibt mich in den Wahnsinn: Gelassen durch die Jahre 5 bis 10, Beltz, 360 S., Euro 16,95, ISBN-13: 9783407865045.

(Interview: Julia Kirchner, dpa)

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