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Schülerinnen und Schüler in Hessen schreiben von heute an ihre schriftlichen Abiturprüfungen.

Schule

Was das Abitur wert ist: Zum ersten Mal sind in Hessen einheitliche Standards im Lehrplan Grundlage für die Prüfung

Heute beginnen die schriftlichen Abiturprüfungen an Hessens Gymnasien. Über den Wert der allgemeinen Hochschulreife haben Vertreter von Schülern, Eltern und Lehrern unterschiedliche Meinungen.

Die Nervosität an den Gymnasien hat in Hessen einen Höhepunkt erreicht. Die vergangenen Wochen waren für viele hessische Schüler vom Lernen geprägt. Heute beginnen die schriftlichen Prüfungen mit dem Fach Englisch. Die Frage ist, welchen Stellenwert die allgemeine Hochschulreife hat, wenn die Schüler sie endlich erworben haben.

Während Schüler der Meinung sind, das Abitur sei schwieriger geworden, sprechen Lehrervertreter von sinkenden Bewertungsstandards. Wer jetzt Abitur schreibe, bekomme eine bessere Note für eine bestimmte Leistung als noch vor zehn Jahren. „Das Problem ist, dass man die wirklich guten Abiturienten nicht mehr erkennt“, sagt Heinz-Peter Meidinger, Bundesvorsitzender des Deutschen Lehrerverbandes.

Die Statistik zeigt: Bundesweit schließen immer mehr Schüler das Abitur mit der Traumnote 1,0 ab. Hessens Landesschulsprecher Jonas Strehler schreibt in diesem Jahr selbst Abitur. Er warnt davor, vorschnelle Schlüsse zu ziehen: „Ich finde es irrsinnig, dass immer über den Anstieg der Abiturienten mit einem Durchschnitt von 1,0 gesprochen wird.“ Es gebe zwar mehr davon, „aber auch viel mehr, die durchfallen“. Laut der Kultusminister-Konferenz stieg die Durchfallquote in Hessen zwischen 2007 und 2017 von 3 auf 5,2 Prozent. Strehler sagt, der Grund für diese Entwicklung könne sein, dass immer mehr Schüler, die eigentlich den Ausbildungsweg einschlagen wollen, vorher Abitur machen. „Uns wird immer gesagt, das Abitur sei die einzige Wahl“, so Strehler.

Mehr Vergleichbarkeit

Die Politik arbeitet daran, vergleichbare Standards zu schaffen. Dieses Jahr liegen dem Abitur in Hessen erstmalig die sogenannten Kerncurricula zugrunde, die verbindliche Kompetenzen und Inhalte für den Unterricht vorschreiben. Seit vergangenem Jahr werden außerdem Aufgaben aus einem gemeinsamen Pool mit anderen Bundesländern ausgewählt. Beide Maßnahmen sollen die Vergleichbarkeit des Abiturs steigern.

Die Vorsitzende des Deutschen Philologenverbands, Susanne Lin-Klitzing, lobt die Maßnahme, äußert aber auch Kritik. „Maßnahmen wie das Kerncurriculum haben eine regulierende Wirkung für Lehrer und sorgen für mehr Sicherheit für Schüler.“ Doch das Bildungsniveau leide oft unter den angleichenden Maßnahmen. Beispielsweise sei der einheitliche Standard für Hilfsmittel in Fremdsprachen ein zweisprachiges Lexikon. Doch in den meisten Klassen werden bereits in der Mittelstufe einsprachige Lexika genutzt. „So geht man einen Schritt zurück“, sagt Lin-Klitzing. „Die Spannweite des Wissens ist heute größer, dafür aber die Durchdringungstiefe in dem einen oder anderen Bereich geringer.“

Lehrerverbandschef Meidinger spricht noch ein anderes Problem an: „Die Botschaft nach den Pisa-Tests war lange Zeit, dass eine Schule mit hohen Durchfallquoten oder schlechten Notendurchschnitten eine schlechte Schule ist.“ Dadurch hätten Schulen das Ziel, den Notenschnitt zu verbessern und die Durchfallquoten zu verringern. Oft geschehe das durch eine verbesserte Notengebung.

Auch Lin-Klitzing sieht das Problem bei der Bewertung: „Ich glaube nicht, dass das Abitur leichter geworden ist, aber die Bewertungskriterien sind weicher geworden.“ Ihrer Meinung nach liegt das jedoch vor allem an der Politik und nicht an den Schulen. So wurde in Hessen etwa festgelegt, dass bereits 45 Prozent der geforderten Leistung zum Bestehen ausreichen und nicht, wie früher, 50 Prozent. Diese Absenkung führe zu besseren Noten bei gleicher Leistung, sagt Lin-Klitzing.

Schüler und Eltern klagen vor allem über die neuen Standards im Mathematik-Abitur durch die Einführung des Kerncurriculums. Sie legen fest, dass die Schüler einen Teil des Abiturs ohne Taschenrechner und Formelsammlung bewältigen müssen. Landeselternbeirat Herbert Bengs bestätigt: „Mathe ist für viele ein großer Stressfaktor.“

Kein Mathe im Abi

Was in Hessen die Prüfung erschwert, ist in anderen Bundesländern nicht zwingend Teil des Abiturs. Denn nicht in allen Bundesländern ist das Fach Mathematik Pflicht. Das wird von Lehrerverbandschef Meidinger kritisiert. „Wenn man das Abitur als zentrale Hochschulzugangsberechtigung retten will, dann müsste man tatsächlich zu einer bundesweiten Abiturprüfung in den Kernfächern kommen“, sagt er und fügt hinzu: „Es ist fünf vor zwölf für die Rettung des deutschen Abiturs.“ Elternbeirat Bengs ist derselben Meinung: „Am besten wäre es, einen Strich zu ziehen und alles in ganz Deutschland gleichzusetzen.“ Abiturient Johannes Strehler sieht ein deutschlandweites Abitur kritisch. Er geht trotz aller Diskussion gelassen in die Prüfung. „Ich lasse mich nicht über diese eine Note bewerten“, sagt er.

von JUDITH BRÄUNIGER

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