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„Beim Essen im Alter gilt: Erlaubt ist, was schmeckt“

Im Alter ist manches anders – der Körper verändert sich, das Ernährungsverhalten mitunter auch. Wie sich Senioren trotz manch gesundheitlicher Beeinträchtigungen gesund ernähren können, darüber hat sich Kerstin Kaminsky mit der Ernährungswissenschaftlerin Dr. Melanie Ferschke aus Niederselters unterhalten.

Welche körperlichen Veränderungen des Alters wirken sich auf die Ernährung aus?

DR. MELANIE FERSCHKE: Wenn zum Beispiel das Kauen Probleme macht – ob es nun an mangelnder Kraft oder an einer schlecht sitzenden Prothese liegt – dann kann es sein, dass der alternde Mensch auf Fleisch oder Vollkornprodukte vollkommen verzichtet. Und damit auf wichtige Nährstoffe. Denken Sie auch an die Sehkraft! Jemand, der seine Speisen nur verschwommen erkennt, isst mit weniger Lust als einer, dessen Augen im wahrsten Sinne des Wortes mitessen. Auch Schmerzzustände drücken auf den Appetit und klassische Alterskrankheiten wie Typ 2 Diabetes, Störungen im Fettstoffwechsel oder eine mangelhafte Fettverwertung wirken sich dahingehend aus, wie die Nahrung vom Körper verarbeitet wird.

Finden Sie bei alten Menschen eher das Über- oder das Untergewicht besorgniserregend?

FERSCHKE: Es geht gar nicht um ein paar Kilo zu viel oder zu wenig. Nur Extremgewicht ist tatsächlich ein Problem, also ein sehr niedriger Body-Mass-Index (BMI) von 14 bis 18 oder krankhaftes Übergewicht mit einem BMI von über 35. Untergewicht kann zu einem lebensbedrohlichen Zustand führen, denn die Abwehrkräfte gehen verloren. Da muss auf jeden Fall eingegriffen werden. Für den schnellen Erfolg gibt es spezielle, sehr energiereiche Trinknahrung. Übergewicht ist deutlich schwerer zu behandeln, denn viele alte Menschen sehen im Essen ihr einziges Vergnügen. Außerdem macht die zum Abnehmen notwendige Bewegung dem alten Menschen besonders zu schaffen.

Wie wird der Energiebedarf im Seniorenalter berechnet?

FERSCHKE: Gar nicht! Viel wichtiger ist, dass die Nährstoffbilanz stimmt und jede Mahlzeit Eiweiß, Fett und Kohlenhydrate enthält. So passt zu Nudeln mit Tomatensoße eine Nachspeise aus Quark und ein Salat wird gehaltvoller, indem man ihn mit Käsewürfeln oder einer Sahnesoße ergänzt.

Ist fleischlose Kost im Alter eine Option?

FERSCHKE: Die Zahl von Senioren mit einer Vorliebe für fleischlose Ernährung wird immer größer. Das liegt zum Teil daran, dass es nun mühevoller ist, Fleisch zu essen. Aber auch, weil die Vegetarier per se immer älter werden. Viele der im Fleisch enthaltenen Nährstoffe finden sich auch in Vollkornprodukten. Leider ist ausgemahlenes – also leicht zu kauendes – Vollkorn schwer zu bekommen, aber das Angebot wird größer.

Nachlassender Appetit und verringertes Durstempfinden – was hilft dagegen?

FERSCHKE: Die Lust auf Essen und Trinken steigern. Statt geschmacklosem Wasser rate ich zu Saftschorle, insbesondere mit Eisen angereicherter Traubensaft tut den Senioren gut. Am besten lassen sie sich stündlich vom Wecker erinnern, dass es Zeit für den nächsten Drink ist.

Appetit steigernd wirken auch kontrastreich angerichtete Speisen, gerade bei Menschen mit schwachen Augen. Stellen Sie sich Tortellini in Sahnesoße vor: Auf einem roten Teller wirken sie sicher appetitlicher als auf weißem Porzellan. Beim Essen gilt: Erlaubt ist was schmeckt. Wer sein Leben lang gern Fleisch gegessen hat, wird jetzt Frikadellen lieben und wer plötzlich Heißhunger auf Schwarzwälder Kirschtorte verspürt, hat vielleicht genau in diesem Moment ein Defizit an Fett.

Selberkochen, Kantine oder Essen auf Rädern?

FERSCHKE: Sobald die motorische Fähigkeit und die Kraft zum Kochen nicht mehr ausreicht, ist es auf jeden Fall besser, sich beliefern zu lassen, als gar nicht warm zu essen. Statt Essen auf Rädern gibt es aber auch spezielle Seniorenkost bei den Anbietern tiefgekühlter Lebensmittel. Und: Essen in Gesellschaft schmeckt immer besser, als allein. Viele Restaurants bieten Senioren-Mittagstisch an und auch in manchen Kantinen kann man hervorragend und preiswert die gemeinsame Mahlzeit als gesellschaftliches Ereignis genießen.

Was halten Sie von Nahrungsergänzungsmitteln?

FERSCHKE: Die zusätzliche Gabe von Vitaminen und Mineralstoffen macht nur bei einem nachgewiesenen Mangel Sinn. Ich rate für die ausreichende Vitaminversorgung eher zu Multivitaminsaft sowie zu reichlich Obst und Gemüse. Viele Senioren lieben auch das zuckerfreie Obstkompott im Babygläschen.

Raten Sie im Alter zu laktosefreien Lebensmitteln?

FERSCHKE: Schätzungen zufolge entwickelt jeder zweite oder dritte Senior eine Laktose-Intoleranz, also eine Milchzucker-Unverträglichkeit. Insofern hat das laktosefreie Sortiment durchaus eine Berechtigung. Denn gerade für Osteoporose-Patienten sind Milchprodukte ein idealer Lieferant von Kalzium.

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