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Prozess

"Beispielloser Sadismus": Lange Haftstrafe für Gesichtsverstümmelung

Ein Zusammentreffen zweier eigentlich befreundeter Flüchtlinge endet bizarr: Mit einer brutalen Attacke soll der eine dem anderen das Gesicht verstümmelt haben. Nun ist das Urteil gefallen - allerdings nicht wegen versuchten Totschlags.

Mit einer längeren Haftstrafe ist der Revisionsprozess um eine grausame Gesichtsverstümmelung unter Flüchtlingen zu Ende gegangen. Das Landgericht Hanau verurteilte den Angeklagten aus Eritrea am Donnerstag zu zwölf Jahren Gefängnis wegen gefährlicher und beabsichtigter schwerer Körperverletzung. Der Vorsitzende Richter Peter Graßmück sagte, es sei purer Zufall gewesen, dass das Opfer den Gewaltexzess überlebt habe.

Mit dem Richterspruch verlängerte sich die verhängte Freiheitsstrafe im Vergleich zum ersten Prozess deutlich: Der Mann war im Juni 2017 zu neuneinhalb Jahren Haft verurteilt worden, unter anderem wegen versuchten Totschlags. Das Landgericht musste sich erneut mit dem Fall befassen, weil der Bundesgerichtshof das erste Urteil wegen Rechtsfehlern aufgehoben hatte.

Die Staatsanwaltschaft hatte am Donnerstag bei den Plädoyers 15 Jahre Haft und damit die Höchststrafe in dem Fall gefordert. Der Anklagevertreter sprach von "beispiellosem Sadismus" des Angeklagten. Die Verteidigung befand in ihrem Schlussvortrag, die Strafe solle neuneinhalb Jahre nicht übersteigen.

Zur Tat kam es im Oktober 2016 in einer Wohnung in Schlüchtern (Main-Kinzig-Kreis). Dort soll der Mann aus Eritrea dem damals 18-jährigen Somalier in den Hals gestochen haben. Danach soll er ihm mit Stichen und Schnitten von Messern und sogar Bissen das Gesicht entstellt haben. Augen und Ohren wurden schwer verletzt. Das Opfer ist seither nahezu blind.

Staatsanwalt Mathias Pleuser sagte in seinem Plädoyer, das Opfer sei "physisch und psychisch vernichtet" worden. Angesichts der "Akribie", mit der der Täter vorgegangen sei, habe das Opfer noch "Glück im Unglück gehabt", die "Folter" überhaupt überlebt zu haben. "Das ist eine der schrecklichsten Taten, die je in diesem Gerichtssaal verhandelt wurden", sagte er über den voll schuldfähigen Täter.

Verurteilt wurde der Mann aus Eritrea nicht wegen versuchten Totschlags. Er sei während des Tatgeschehens von seinem Vorsatz abgerückt. Er habe nicht so agiert, als ob er seinen Entschluss vollenden wollte. Vielmehr sei es ein Quälen und Misshandeln gewesen, nachdem das Opfer kampfunfähig war, begründete das Gericht.

Der Angeklagte gab im Prozessverlauf an, sich an die vom Opfer geschilderten Vorgänge nicht erinnern zu können. Seine Version des Treffens in der Wohnung: Sie hätte auf einer Spielkonsole gezockt. Der Somalier, das spätere Opfer, habe gewonnen, ihn ausgelacht und verhöhnt und den Kreuz-Anhänger von seiner Kette abgerissen. Der mutmaßliche Täter ist Christ, das Opfer Muslim. Die beiden jungen Männer, die vor ein paar Jahren als unbegleitete minderjährige Flüchtlinge nach Deutschland gekommen waren und sich in einer Jugendhilfeeinrichtung kennenlernten, waren befreundet.

Im Prozessverlauf war zwar mal die Rede von Streit um Geld zwischen den beiden Flüchtlingen. Aber Staatsanwalt Pleuser befand letztlich: Eine nachvollziehbare Erklärung für die Tat habe der Prozess nicht erbracht. Alle Versuche, das Motiv zu finden, seien gescheitert.

Bei einer Vernehmung im Gerichtssaal berichtete das schwer gezeichnete Opfer im Oktober vom Martyrium, wie der mutmaßliche Täter auf ihn eingestochen und in seine Ohren gebissen habe. Er habe Kaugeräusche des auf ihm sitzenden Angreifers wahrgenommen und könne sich an Drohungen erinnern: "Ich werde dich umbringen". Und: "Ich werde dich fressen". Von Kannibalismus wurde im Prozess mal gesprochen. Der Verteidiger sagte am Donnerstag, im Angeklagten stecke offenbar eine schwer gestörte Persönlichkeit, die Hilfe benötige.

Die Verteidigung zeigte sich mit dem erhöhten Strafmaß unzufrieden. Der Rechtsanwalt kündigte an, in Revision gehen zu wollen. Der Staatsanwalt sagte, er wolle diese Option prüfen. Er sei aber geneigt - auch im Sinne des Rechtsfriedens - das Urteil zu akzeptieren.

(dpa)

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