Reisen in Zeiten von Corona

Corona-Infektion in der Bahn: Trotz Risiko lehnt die DB eine Reservierungspflicht ab

  • vonFriedrich Reinhardt
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Wegen des Coronavirus sind Abstände in der Bahn wichtig. Das zeigt eine Studie. Eine mögliche Schutzmaßnahme lehnt die Deutsche Bahn (DB) aber ab.

  • Die Züge der Deutschen Bahn (DB) sind trotz Corona-Krise wieder voller besetzt.
  • Eine Studie zeigt: Die Infektionsgefahr ist abhängig davon, ob der Mindestabstand eingehalten wird.
  • Eine Reservierungspflicht, um Abstände einzuhalten, lehnt die Deutsche Bahn aber ab.

Frankfurt – Wer mit der App der Deutschen Bahn (DB) sein Ticket bucht, weiß oft schon vor der Fahrt: Den Mindestabstand in der Bahn einzuhalten, das wird schwierig. „Besetzung von mehr als der Hälfte der Sitzplätze erwartet“, steht häufig neben der Zugnummer. Im Zug sitzen die Mitreisenden dann entsprechend eng beieinander. Schulter an Schulter mit fremden Menschen.

Wie hoch ist das Risiko, sich mit dem Coronavirus anzustecken, wenn unter den Reisenden einer ist, der mit Sars-CoV-2 infiziert ist? Meldungen von größeren Ausbrüchen bei Zugfahrten gab es in Deutschland bisher noch nicht. Die Politik fordert trotzdem ein hartes Durchgreifen gegen Maskenmuffel in der Bahn, also Mitreisende, die sich weigern, die Mund-Nasen-Bedeckung zu tragen, wie es die Maskenpflicht in öffentlichen Verkehrsmitteln vorschreibt. Doch auch wenn die Datenlage dünn ist, nähert sich eine Studie von chinesischen und britischen Forschern zumindest einer Antwort an und gibt Ratschläge, worauf bei Zugfahrten zu achten ist.

Mit der Maske in der Bahn

Untersucht wurden in der Studie „The risk of COVID-19 transmission in train passengers“ („Das Risiko einer Covid-19-Übertragung bei Bahn-Passagieren“) die Infektionswege in Zügen. Die Wissenschaftler verwerteten dabei Daten von 2334 mit Corona infizierten Personen und insgesamt 72.093 Kontaktpersonen, die mit den Infizierten in China zusammen in Hochgeschwindigkeitszügen gefahren waren. Die Daten stammten aus dem Zeitraum vom 19. Dezember 2019 bis zum 6. März 2020 und zeigen wohl, dass es Ansteckungen gegeben haben muss.

Risiko einer Infektion mit Corona abhängig von Dauer der Bahnfahrt und Distanz zum Infizierten

Wie hoch das Risiko ist, dass sich jemand in der Bahn mit dem Coronavirus ansteckt, variiert je nach Dauer der Fahrt und Distanz zum infizierten Fahrgast. Zur Distanz:

  • Die Ansteckungsrate bei einem Abstand von drei Reihen und fünf Plätzen vom Corona-Infizierten lag laut Studie bei einem Mittelwert von 0,32 Prozent. Der Wert variierte von 0 bis 10,3 Prozent.
  • Passagiere in derselben Sitzreihe mit dem Covid-19-Erkrankten hatten ein durchschnittliche Ansteckungsrate von 1,5 Prozent.
  • Das größte Risiko hat die oder der Mitreisende, der direkt neben dem Infizierten sitzt. Die Ansteckungsrate bei der Untersuchung lag hier durchschnittlich bei 3,5 Prozent.

Die Infektionsgefahr nimmt demnach mit größer werdendem Abstand ab. Aber auch mit zunehmender Dauer der Bahnfahrt steigt das Risiko sich mit dem Coronavirus anzustecken, ermittelten die Wissenschaftler in ihrer Untersuchung. Durchschnittlich um 0,15 Prozent pro Stunde stieg das Risiko. Für den Mitreisenden direkt neben dem Infizierten stieg es um 1,3 Prozent pro Stunde.

Die Wissenschaftler schlussfolgern daraus: „Covid-19 hat ein hohes Übertragungsrisiko zwischen Zugreisenden, aber das Risiko zeigt signifikante Unterschiede bei der Reisezeit und dem Ort des Sitzplatzes.“ Während eines Krankheitsausbruches sollten Passagiere daher weniger dicht beieinander sitzen und Hygieneschutzmaßnahmen nutzen, so die Wissenschaftler.

Reservierungspflicht im Fernverkehr soll Mindestabstand in der Bahn ermöglichen

Wie vergleichbar die Bedingungen in einem chinesischen Hochgeschwindigkeitszug mit den Bedingungen in einem Intercityexpress (ICE) oder einer Regionalbahn der Deutschen Bahn ist, ist unklar. Dennoch wird die Forderung laut, die Deutsche Bahn solle stärker auf die Abstandsregeln im Zug achten. So forderte der FDP-Bundestagsabgeordnete Christian Jung eine Reservierungspflicht für „sehr stark frequentierte Züge“, wenn sonstige Hygienemaßnahmen nicht greifen.

Deutsche Bahn lehnt Reservierungspflicht in Corona-Zeiten ab

Die Deutsche Bahn lehnt eine Reservierungspflicht allerdings ab. Die Begründung: Die Bahn möchte für ihre Kunden weiterhin möglichst flexibel bleiben. Gegenüber der ARD verwies ein Bahnsprecher auf 50.000 Bahncard-100-Kunden und auf Kunden mit einer Monatskarte für bestimmte Zugverbindungen. Diese könnten dann nicht einfach einen Zug später nehmen, wenn der Termin einmal etwas länger dauert. Zudem könnte hinter der Ablehnung auch ein finanzielles Interesse stecken. Immerhin ist die Zugbindung der entscheidende Unterschied zwischen einem Super-Spar- oder Spar-Preis und einem Flex-Preis. Eine Reservierungspflicht würde diesen Unterschied aufheben.

Auch Matthias Gastel, Bundestagsabgeordneter der Grünen, sprach sich für eine Reservierungspflicht aus. Auf seiner Internetseite veröffentlichte er Vorschläge, wie die Deutsche Bahn mit der Infektionsgefahr im Zug umgehen sollte. Er fordert:

  • Die Politik sollte eine klar definierte Zuständigkeit der Bundespolizei schaffen, gegen Maskenmuffel in der Bahn vorzugehen, und eine Rechtsgrundlage, damit die Bundespolizei Bußgelder verhängen kann.
  • Die Bahn sollte eine Reservierungspflicht im Fernverkehr einführen.
  • Für Risikogruppen sollte die Bahn eigene Wagen bereitstellen.
  • Sparpreise und Super-Spar-Preise sollte die Bahn nur für gering ausgelastete Züge anbieten.

Für ihre ablehnende Haltung erntet die DB in den Sozialen Netzwerken Kritik. So wird etwa eingewandt, dass in anderen Ländern auch eine Reservierungspflicht für Fernzüge bestehe, etwa in Frankreich.

(Von Friedrich Reinhardt)

Rubriklistenbild: © Annette Riedl

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