Portrait

Elisabeth Scholl: "Ruf der Musik war stärker"

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Sie hat mit großen Dirigenten gearbeitet, mit Bruno Weil, Sir Neville Marriner, auf Opernbühnen und Festivals gesungen, doch meist kennt man den Namen ihres Bruders Andreas. Elisabeth Scholl aus Kiedrich gehört zu den bedeutenden Sopranistinnen Deutschlands. Seit April ist die Expertin für Alte Musik Professorin für Gesang in Mainz.

Die Passion für Musik wurde Elisabeth Scholl definitiv in die Wiege gelegt. „Wir sind bei den Kiedricher Chorbuben groß geworden“, erzählt Elisabeth Scholl. Drei Geschwister hat sie, zwei Brüder und eine Schwester, der Vater war eigentlich Obst- und Gemüsehändler, doch zeitweise leitete er die Kiedricher Chorknaben. Elisabeth war mitten drin: „Ich war lange Zeit das erste und einzige Mädchen, ich war damals ein halber Bub, die Haare waren kurz, das ist nicht weiter aufgefallen“, sagt sie lachend.

Wir sitzen in ihrem Elternhaus in Kiedrich im Rheingau, direkt unterhalb des weltberühmten Kloster Eberbach. Hier wuchs Scholl auf, mit viel Sport, Schule – und Singen. „Singen – das war das normalste der Welt“, erzählt die 51-Jährige. Heute glaubten viele, Klassik sei nur etwas für Gebildete. „Uns war egal, ob das Verdi oder Monteverdi war, wir haben einfach alles gesungen, das gehörte zum Leben einfach dazu, wie Sport und Schule“, erzählt Scholl.

Mit dem Namen Scholl verbinden Klassik-Kenner heute vor allem einen Namen: Andreas Scholl, Countertenor, der schon in der New Yorker Met sang und mit mehreren Echo-Musikpreisen ausgezeichnet wurde. Andreas ist der jüngere Bruder von Elisabeth Scholl. Gemeinsam sangen sie als Kinder ab 1982 mehrere Jahre lang im Hessischen Staatstheater in Wiesbaden die Knaben in der Zauberflöte – immerhin in Begleitung so berühmter Sänger wie Siegfried Jerusalem und Eike Wim Schulte.

„Es hat mich fasziniert, auf der Bühne zu stehen“, erzählt Elisabeth Scholl, „da habe ich mal gefragt: Wie wird man denn eigentlich Sänger?“ Die Eltern fanden, Singen sei „nichts Gescheites“, brotlose Kunst. „Aus Protest habe ich sogar mal überlegt, Simultandolmetscherin zu werden“, erzählt Scholl lachend. Doch der Ruf der Musik war stärker. In Mainz studierte sie von 1985 bis 1990 Musikwissenschaften, Anglistik und Kunstgeschichte, Gesang studierte sie nebenher bei Eduard Wollitz. Danach schloss sie ein Studium der Alten Musik in Basel an – der Gesangslehrer ihres Bruders, Réné Jacobs, wollte sie unbedingt haben.

Scholl tauchte tief in die Musik ein, recherchierte alte Handschriften, rekonstruierte alte Manuskripte. „Da hat man bei Monteverdi in der Basslinie nur Ziffern, daraus muss man dann Musik machen“, erzählt sie: „Wir mussten uns richtig mit der musikalischen Struktur auseinandersetzen.“ 2009 erhielt sie einen Ruf als Professorin für Barockgesang an die Hochschule für Musik nach Nürnberg. Nebenher arbeitete sie freiberuflich als Sängerin, sang europaweit auf Festivals, stand auf Opernbühnen in Essen, Berlin und Gent. Mit Sir Neville Marriner ging sie auf Tournee durch Europa, sang in Italien und der Royal Albert Hall.

„Das Musikgeschäft wird schwieriger“, sagt Scholl. Die Theater und Orchesterlandschaft werde immer kleiner, Festivals kämpften um Sponsoren. Die Scholls hoben sich schnell, vor allem durch ihre Interpretationsfähigkeit und ihren Ausdruck, hervor. „Das Credo meines Bruders und mein persönliches ist: Wir müssen der Musik dienen und das rüber bringen, was sie aussagen will“, sagt Scholl. Zur Beschäftigung mit der Materie Musik verdonnert sie auch ihre Studenten in Mainz: „Wir machen ein musikalisches Frühstück, hören die großen Sänger und reden darüber“, sagt Scholl. Natürlich gibt sie weiter Liederabende und produziert Aufnahmen.

Seit dem 12. April ist Scholl Professorin für Gesang in Mainz. Einfach habe man es als Frau in der Musikszene auch nicht. „Frauen haben immer noch gewisse Nachteile“, sagt sie. Noch immer müsse sie gelegentlich sie ihre Kompetenzen beweisen, weil sie „nur die Schwester“ des berühmten Andreas Scholl sei. Übergriffe habe sie selbst aber nie erlebt. Elisabeth Scholl setzte sich durch, mit Selbstbewusstsein, Hartnäckigkeit und viel Wissen, Kompetenz und Persönlichkeit. „Ich hatte nie Schwierigkeiten zu sagen, ich will das“, sagt Scholl: „Wenn ich etwas will, strenge ich mich an und dann klappt das.“

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