+
Die deutsche Grammatik hat es in sich ? das weiß auch Lehrerin Angela Höll.

Feldbergschule

Flüchtlinge lernen Deutsch und Pünktlichkeit

12 Stunden Deutschunterricht plus einige Stunden Fachunterricht – das sieht der Lehrplan für 63 Schüler vor, die als Flüchtlinge nach Deutschland gekommen sind und nun spezielle Klassen an der Feldbergschule besuchen. Doch Sprache, Allgemein- und Fachwissen sind nicht das Einzige, was sie lernen müssen.

9.50 Uhr, es klingelt. Ein paar Schüler warten schon auf dem Gang, als Angela Höll die Tür zum Klassenraum 002 aufschließt. Die Lehrerin fordert alle auf, sich hinzusetzen, Getränke beiseite zu räumen. Während sie dabei ist, die Namen der Schüler im Klassenbuch abzuhaken, geht die Tür immer wieder auf. „Sie sind vier Minuten zu spät“, sagt Höll zu einem jungen Mann und notiert die Verspätung. Er beginnt, sich zu verteidigen, doch Höll unterbricht ihn: „Sie waren heute Morgen bereits 20 Minuten zu spät. Das sind insgesamt 24 Minuten.“ Pünktlichkeit ist für manch einen keine Selbstverständlichkeit. Im Gegenteil. Die Schüler müssen sie ebenso lernen wie sie tagtäglich Deutsch lernen. Die 20 Schüler und 2 Schülerinnen kommen aus ganz unterschiedlichen Ländern - Afghanistan, Eritrea, Syrien, um nur ein paar zu nennen. Sie sind nach Deutschland geflüchtet, teilweise alleine, teilweise mit Familienmitgliedern. Manche besuchen die sogenannte InteA-Klasse (siehe weiterer Text) an der Feldbergschule schon seit zwei Jahren, andere erst kürzer. Ziel dieser Klassen ist es, jungen Flüchtlingen grundlegende Deutschkenntnisse zu vermitteln und sie so fit für eine Ausbildung oder einen anderen Bildungsgang zu machen.

Und so pauken sie 12 Stunden Deutsch pro Woche, außerdem stehen Politik, Bio, Mathe, Englisch, Kunst und Praxisstunden etwa zum Umgang mit dem Computer auf dem Stundenplan. Die Sozialpädagogin Marny Bastian unterstützt Lehrer und Schüler.

Die deutsche Grammatik macht den meisten zu schaffen. Höll hat ihnen am Morgen die Verwendung des Partizips I und II erklärt. „Das ist sehr schwierig“, sagt Milad, der in Afghanistan neun Jahre die Schule besucht hat. Dabei haben die Schüler schon viel gelernt und bearbeiten derzeit das Sprachniveau B1 – die dritte von sechs Stufen, in die der gemeinsame europäische Referenzrahmen Sprachkenntnisse einteilt. Festgehalten werden die Sprachkenntnisse auch in einer speziell für berufliche Schulen entwickelten Form des Deutschen Sprachdiploms. Es gliedert sich in vier Teile, die auch den Unterricht bestimmen: Leseverständnis, Hörverständnis, mündliche und schriftliche Kommunikation. „Die Hauptschwierigkeit ist das freie Schreiben“, sagt Höll.

Derzeit gibt es drei InteA-Klassen an der Feldbergschule mit insgesamt 63 Schülern, darunter nur 7 Mädchen. In Hölls Klasse, der InteA1, sind die Schüler am weitesten. Sie konnten bereits beim Start ein bisschen Deutsch. Teilweise wohnen die Schüler in Unterkünften für unbegleitete minderjährige Flüchtlinge. Wer schon volljährig ist, versorgt sich alleine. Andere sind mit Familienangehörigen geflüchtet.

Höll unterrichtet fast nur noch Flüchtlinge. Sie hatte sich beim Start der InteA-Klassen vor zwei Jahren dafür interessiert und ist nun InteA-Koordinatorin. Besonders zu Anfang wurde sie mit ganz neuen Unterrichtssituationen konfrontiert. So habe ein Schüler, als er etwas nicht konnte, von ihr verlangt, ihn zu schlagen. Da habe sie erst einmal erklären müssen, dass man das in Deutschland nicht macht, erzählt sie. Die Schüler sind aus ihren Herkunftsländern andere, autoritäre Unterrichtsformen gewohnt.

Mit der reinen Sprach- und Wissensvermittlung ist es nicht getan. Vielmehr sind soziale Kontakte wichtig. Um diese zu fördern, sei versucht worden, Lernpatenschaften mit anderen Feldbergschülern aufzubauen. „Doch das hat leider nicht funktioniert“, sagt Höll. Der Gedanke soll nun in einem

Café der Begegnung

wieder aufgenommen werden, das nach den Osterferien starten soll. „Der Raum wird immer geöffnet sein, auch in den Pausen.“ Betrieben wird es von Lehrern, Schülern und der Sozialpädagogin.

Die InteA-Klassen sind auf zwei Jahre ausgelegt. Das Kultusministerium habe noch eine Verlängerung um ein halbes Jahr genehmigt, berichtet Höll. Der Zeitansatz ist aus ihrer Sicht dennoch zu knapp: „Wenn ich mir überlege, ich müsste nach zwei Jahren in Afghanistan einen Abschluss machen, würde mir das sehr schwerfallen.“

Für 40 Schüler endet im Sommer die InteA-Zeit. „Neue Anmeldungen gibt es bisher keine“, sagt Höll. Hintergrund sind die rückläufigen Flüchtlingszahlen. Wie es mit InteA weitergeht, dazu gebe es noch keine offiziellen Informationen, berichtet Bastian. Die Schüler hätten im Anschluss an InteA ganz unterschiedliche Pläne: vom externen Hauptschulabschluss über weitere schulische Bildungsgänge bis hin zur Ausbildung oder Arbeitssuche. Eine Ausbildung sei für viele auch deshalb ein Ziel, da für diese Zeit der Aufenthalt in Deutschland sicher ist (siehe Text unten).

Soll es mit der Ausbildung klappen, kommt es nicht nur auf gutes Deutsch oder Politik- und Mathewissen an. Auch die ach so deutschen Tugenden wie Pünktlichkeit und Zuverlässigkeit müssen dann sitzen. Das wissen Angela Höll und Marny Bastian natürlich, und ihre Schüler werden bis zu ihrem Schulabschluss auch oft genug davon gehört haben.

Das könnte Sie auch interessieren

Mehr zum Thema

Kommentare