Nach 23 Uhr darf auf dem Frankfurter Flughafen nicht mehr gelandet werden. Eigentlich.

Fluglärm

Trotz Nachtflugverbot: Verspätete Nachtlandungen am Frankfurter Flughafen nehmen zu 

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Im vergangenen Jahr sind insgesamt noch viel mehr Flugzeuge nach 23 Uhr in Frankfurt gelandet als 2017. Der Kampf gegen die verspäteten Anflüge gestaltet sich schwierig.

Frankfurt - Noch hat Hessens Wirtschafts- und Verkehrsminister die Zahlen nicht auf seinem Tisch liegen – erst im Laufe des Dienstags oder Mittwochs werde die Statistik vorliegen, heißt es in Wiesbaden. Aber eines ist sicher: Wenn Tarek Al-Wazir (Die Grünen) schwarz auf weiß zu lesen bekommt, wie viele Fluggesellschaften im vergangenen Jahr trotz Nachtflugverbot nach 23 Uhr am Frankfurter Flughafen gelandet sind, wird das seine Stimmung nicht aufhellen. Verärgern dürfte den Minister besonders, dass – wie schon im Vorjahr– vor allem Ryanair die Nachtruhe der Flughafen-Anwohner stört. War es doch Al-Wazir gewesen, der 2016 zusammen mit der Fraport AG der irischen Fluggesellschaft den roten Teppich ausgerollt hatte: Der Minister genehmigte damals die großzügigen Entgelt-Rabatte, die die Billig-Airline an Deutschlands größten Flughafen lockten. 2018 hoffte er noch auf weniger nächtlichen Lärm am Frankfurter Flughafen.

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Nachtlandungen: Ryanair ist für fast ein Drittel der späten Landungen verantwortlich

Wertet man die täglichen Verspätungsstatistiken für den Frankfurter Flughafen aus, wird deutlich: Die Iren haben fast ein Drittel der nächtlichen Verspätungen im vergangenen Jahr zu verantworten: 318 Mal landeten ihre Maschinen erst nach 23 Uhr in Frankfurt. Insgesamt wurden 1046 Anflüge zwischen 23 und 24 Uhr gezählt  – im Vorjahr waren es noch 704 gewesen. Die meisten Verspätungen fanden 2018 während der Hochsaison im Sommer statt: Da behinderten neben der Personalknappheit bei vielen Airlines auch Wetterkapriolen und Streiks den Luftverkehr erheblich. Nach Berechnungen von „airliners.de“ geht knapp ein Fünftel der Verspätungen im vergangenen Jahr auf das Konto der Condor. Die Lufthansa – die für rund zwei Drittel der Flüge in Frankfurt steht – verantwortet demnach 15,2 Prozent aller nächtlichen Verspätungen; dahinter folgt Tuifly mit 10,8 Prozent. In neun von zwölf Monaten gingen die meisten Landungen nach Betriebsschluss aufs Konto von Ryanair – obwohl die Billig-Airline viel weniger Flüge von und nach Frankfurt anbietet als Condor oder gar Lufthansa. Zuletzt landete Ryanair versehentlich in Rumänien statt in Griechenland.

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Damit dürfte die irische Airline – die im März 2017 in Frankfurt an den Start ging – stärker denn je ins Visier der Politik geraten. Schon vor einem Jahr hatte Al-Wazir der streitbaren Fluggesellschaft gedroht: „Ryanair muss die Verspätungsquote endlich in den Griff bekommen. Die Fluglärmschutzbeauftragte und die Luftaufsicht werden hier weiter sehr genau hinschauen.“ Insgesamt ist es 2018 aber nicht besser geworden. Im Gegenteil: 2017 war Ryanair „lediglich“ für 23 Prozent der verspäteten Landungen verantwortlich gewesen.

Inzwischen bemüht sich der Minister nach Kräften, Airlines wie Ryanair zu mehr Pünktlichkeit zu zwingen. Aber Landungen zwischen 23 und 24 Uhr sind nun mal nicht verboten – solange sie nicht das Ergebnis der Flugplan-Gestaltung sind, sprich, von den Airlines billigend in Kauf genommen werden. Der Verdacht, dass allen voran Ryanair diesen Toleranzrahmen ausnutzt, um mehr Umläufe zu ermöglichen, steht zwar schon lange im Raum. Dies nachzuweisen, ist allerdings sehr schwierig. Bei einem Verdacht befragt das Ministerium die Piloten, informiert dann das Regierungspräsidium (RP) Darmstadt, das wiederum zunächst die Piloten anhört, bevor es entscheidet, ob es ein Verfahren einleitet. „Mehr als 150 Verspätungen hat uns das Ministerium angezeigt“, sagte gestern ein RP-Sprecher. 56 Ordnungswidrigkeitsverfahren leitete das RP ein. Und da drohen Bußgelder von bis zu 50 000 Euro – aber nicht der Airline, sondern dem jeweiligen Piloten.  Bisher zahlten Piloten einen Beitrag von 62,07 Euro pro verspätetem Flug. 

Das möchte Al-Wazir ändern. „Wir möchten die Airline belangen, wenn sich der Verdacht bestätigt, dass sie Nachtflug-Regelungen systematisch missachten“, betont der Minister. Erreichen will er dies mit einer Änderung im Luftverkehrsgesetz, dessen Novellierung ansteht. Dem entsprechenden Antrag Hessens stimmte im Oktober der Bundesrat schon zu. Nun müssen sich Bundestag und Bundesregierung damit befassen – wann sie das tun werden, steht allerdings in den Sternen.

Höhere Entgelte für Landungen am Frankfurter Flughafen möglich

Ähnlich verhält es sich mit einem neuen Entgelt-Antrag, den die Fraport AG beim hessischen Wirtschaftsministerium stellen könnte, um damit auch höhere Zuschläge für verspätete Nachtlandungen durchzusetzen. Das Unternehmen werde zu gegebener Zeit entscheiden, ob für das kommende Jahr ein solcher Antrag gestellt wird, sagte gestern ein Fraport-Sprecher. Dann werde man das Thema neu bewerten. „Grundsätzlich halten wir noch höhere Entgelt-Aufschläge für Landungen nach 23 Uhr aber nicht für das geeignete Instrument. Denn wir gehen davon aus, dass keine Airline mutwillig zu spät ankommt. Schließlich ist das auch mit einem Image-Verlust verbunden.“ Eine Ryanair, die mit ihrem Flugzeugtyp B 737-800 nach 23 Uhr landet, muss 200 Prozent draufzahlen; das sind dann insgesamt rund 400 Euro – 2,17 Euro pro Passagier bei einer komplett gefüllten Maschine.

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