Musik

Frauen mischen den Gangster-Rap auf

Gruppen wie „SXTN“ sind ein neues Phänomen in der Rap-Szene: Ihre Texte sind nicht weniger heftig als die von Männern, aber sie spielen mit männlichen Klischees.

Sätze wie „Und ich scheiße auf dein’ Hundeblick, Baby jetzt wird rumgefickt“ oder „Dein Flow bleibt schwul wie Bruno Mars“ sind heutzutage in der Rap-Szene nichts Außergewöhnliches mehr. Oft werden diese Texte mit Deutsch-Rap im Allgemeinen verbunden. Doch solche derben Zeilen, die Unwerte wie Sexismus und Frauenfeindlichkeit vertreten, gehören nur zu einer der Hiphop-Spielarten – dem Gangster-Rap.

Das erklärt Murat Güngor, Organisator der Rap-Messe „Sex, Money and Respect“, die im Dezember in Frankfurt stattfand. Auf die Frage, warum Unwerte im Gangster-Rap so beliebt sind, erklärt Güngor, dass das eben „Musik von Männern für Männer“ sei, da diese in der Szene sehr präsent sind. So seien eben auch die Texte.

Nicht nur die Rap-Szene, die oft auf diese grenzwertigen Texte reduziert wird, steht unter starkem Einfluss des männlichen Geschlechts. Egal ob in Plattenfirmen oder Tonstudios, die Zugangspositionen sind meist von Männern besetzt und somit sexistisch geprägt. Das gilt jedoch für den gesamten Popmarkt, betont Güngor. Dort fallen sexistische Inhalte nur weniger auf, da sie „tanzbarer“ sind als raue gerappte Texte. Die oft perversen Botschaften erfasse man meistens gar nicht richtig. Ein gutes Beispiel dafür ist der erfolgreiche Popsong „Blurred Lines“ von Robin Thicke, der 2013 auch in Deutschland die Charts stürmte: Dass darin Züge einer Vergewaltigung besungen werden, ist den wenigsten, die darauf tanzen, bewusst.

Wie überall in der Gesellschaft gilt auch in der Popmusik und im Gangster-Rap: Sex sales. Das gilt nicht nur für perfekte Frauenkörper, die häufig in Liedern herablassend besungen werden. Auch junge Männer stehen unter Druck. Ein durchtrainierter, breiter Körper, wie er von Rappern wie Kollegah angepriesen wird, ist das Ideal.

Aber Gangster-Rap kommt nicht ausschließlich von Männern und von Gruppen und Rappern wie „187 Strassenbande“ oder „Kollegah“.

Starke Frauen

wie die Gruppe „SXTN“ aus Berlin oder „Schwester Ewa“ mischen die Szene auf. „SXTN“, ein erfolgreiches Rap-Duo aus den jungen Berliner Rapperinnen Nura und Juju, polarisieren zur Zeit die deutsche Rap-Szene mit provokanten Texten. So haut „SXTN“ Titel wie „Die Fotzen sind wieder da“ und „Fotzen im Club“ raus. Sie spielen in ihren Texten vor allem mit männlichen Klischees.

Doch warum rappen Frauen sogar über sich selber so herablassend und sexistisch? Ob dies nun selbstbewusste, emanzipatorische Auftritte sein sollen, oder nur sexistische Zuschreibungen reproduziert werden, kann auch Güngor nicht sagen. Die Inspiration dafür könnte aus den USA kommen, wo Frauen ebenfalls den Rap bereichern. Die Rapperin Missy Elliot oder Queen Latifah zeigen sich in ihren Texten auch emanzipatorisch und rappen selber von „Bitches“. Doch es könnte schwierig sein, in einer Gesellschaft, die von sexistischen Zuschreibungen lebt, gegen diese anzukämpfen. Murat Güngor: „Die Frauen verändern die Szene auf jeden Fall.“

Werte oder Unwerte sind jedoch keine festen Blöcke in der Hiphop- und Rap-Kultur. Sie verändern sich mit den aktuellen Künstlern. Wegen ihrer Dynamik sei diese Kultur auch immer aktuell, so Güngor. Vor allem der männliche Wettbewerbscharakter, der im Gangster-Rap stark ausgelebt wird, sei der aggressive Motor für diese Jugendkultur. Die Künstler wollen sich vermarkten. Das funktioniert oft durch ihre klischeehafte Konkurrenz. Vor allem im sogenannten Battle-Rap ist sie zu spüren.

Dieser Mainstream im Gangster-Rap hat aber erst im Lauf der letzten Jahre seinen aggressiven und asozialen Ton entwickelt. Denn erst seit den 2000ern haben sich die Pforten der Produzenten auch für Rapper geöffnet, die nicht aus der bürgerlichen Mittel- oder Oberschicht kamen. Damit konnten sich auch junge Leute vermarkten, die ein anderes Bild der Gesellschaft zeigten und somit andere Klischees und rassistische Zuschreibungen verkörperten. Doch genau diese Musik werde nicht unbedingt von jungen Leuten aus Brennpunkten gekauft, sondern von einer gut-bürgerlichen Mittelschicht. Auf diese Weise können auch gutsituierte Jugendliche rebellieren, sagt Güngor. Ähnlich war es früher bei den Punks. So kaufen heute viele studentische Hipster teure Karten für Rap-Konzerte.

Aber sind denn alle Rapper so asozial, wie sie sich darstellen? Güngor betont, dass auch Gangster-Rapper wie Kollegah nur Künstler sind, die oft nur authentisch wirken wollen. Kollegah, einer der erfolgreichsten deutschen Rapper, studiert Jura und hat davor Abitur gemacht.

Dennoch ist es nicht unerheblich, dass im Gangster-Rap die Männlichkeit im Mittelpunkt steht. In der Leistungsgesellschaft, um die sich dieses Milieu dreht, sind Geld, Ruhm und Frauen wichtig für den Erfolg. Doch das soll nicht die einzige Botschaft des Gangster-Raps sein. Neben den ausschließlich aggressiven Rappern gibt es auch Künstler, die in ihren Texten die Gesellschaft spiegeln wollen und ihre Kritik in Rap-Texte verpacken. Bei denen lohnt es sich dann tatsächlich mal, genauer zuzuhören.

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