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Große FNP-Gesundheitsserie

„Für Bewegung ist es niemals zu spät“

Es gibt sie, die 60-Jährigen, die Tennis spielen und die 80-Jährigen, die einen Marathon laufen. Die große Mehrheit der heute über 65-Jährigen treibt jedoch keinen Sport. Dabei sind für ein selbstbestimmtes Leben bis ins hohe Alter Bewegung und sportliche Betätigung eine wichtige Voraussetzung, sagt der Sportmediziner an der Universität Frankfurt, Professor Winfried Banzer. Er ist Mitglied der Kommission Gesundheit beim Deutschen Olympischen Sportbund und Gesundheitsbeauftragter des Landessportbunds Hessen. Gabriele Calvo Henning hat sich mit ihm unterhalten.

Professor Banzer, worin sehen Sie die Hauptursachen für den auch von Ihnen festgestellten Mangel an Bewegung gerade bei älteren Menschen ab 50 Plus?

PROF. DR. WINFRIED BANZER: Wir führen ein Sitzleben in Deutschland: Vom Frühstückstisch geht es ins Auto oder in Bus und Bahn. Danach fahren uns Rolltreppen und Fahrstühle zu unseren Büros, wo wir wieder sitzen. Der Abend wird mit der Fernbedienung in der Hand auf dem Sofa verbracht. Was mich dabei alarmiert ist, dass, je älter die Menschen werden, desto weniger bewegen sie sich. Das hat gravierende gesundheitliche Auswirkungen.

Welche sind das?

BANZER: Wir können mit Studien belegen, dass immer mehr Menschen aufgrund von Bewegungsmangel vorzeitig sterben. Zu wenig Bewegung erhöht beispielsweise das Risiko für Herz-Kreislauf-Erkrankungen enorm. Umgekehrt kann mit regelmäßiger Bewegung das Krebsrisiko um 30 Prozent und das Risiko an Diabetes zu erkranken sogar um 50 Prozent reduziert werden. Schauen wir auf die sogenannten Alterserscheinungen wie nachlassende Kraft, Ausdauer und Geschicklichkeit. Hier können wir zeigen, dass man durch regelmäßige Bewegung diese Prozesse deutlich verlangsamen kann.

Bei vielen älteren Menschen herrscht eher die Meinung vor, dass es sich jetzt auch nicht mehr lohnen würde, mit regelmäßiger Bewegung anzufangen. Was sagen Sie ihnen?

BANZER: Für Sport und Bewegung ist es niemals zu spät! Auch mit 50, 60, 70 und älter können körperliche Fitness und damit auch die geistigen Kapazitäten verbessert werden, denn Trainierbarkeit ist altersunabhängig. Und ganz wichtig: Es sind keine sportlichen Höchstleistungen erforderlich, um Gesundheitsbenefits zu erzielen. Die Bewegungsempfehlungen der Weltgesundheitsorganisation sprechen von 150 Minuten moderater Bewegung pro Woche. Wer sich also fünf mal in der Woche 30 Minuten bewegt, tut schon eine ganze Menge für seine Gesundheit. Nach unserem aktuellen Verständnis ist neben Sport auch Bewegung im Alltag gesundheitswirksam: Treppensteigen statt Rolltreppe, Gartenarbeit selbst erledigen. Gehen Sie so oft wie möglich und lassen Sie das Auto stehen. Das unterstützt Koordination, Ausdauer und Balance und wirkt dem altersbedingten Muskelschwund entgegen. Ein trainierter 70-Jähriger kann so fitter sein, als ein untrainierter 30-Jähriger.

Welche Sportarten eignen sich denn gerade für die Älteren?

BANZER: Wer früher schon aktiv war, kann seinen alten Sport weiter treiben. Neueinsteiger sollten sich Sportarten aussuchen, die keine extremen Belastungen mit sich bringen. Hier bieten sich Walken, Fahrradfahren oder Schwimmen an. Andererseits ist es aber auch nie zu spät, neue Sportarten kennenzulernen. Das macht es vielleicht sogar interessanter. Es hat sich gezeigt, dass gerade bei älteren Neueinsteigern das Trainieren mit einem sporterfahrenen Partner eine motivierende Wirkung haben kann. Auch das Training in der Gruppe, beispielsweise im Sportverein um die Ecke, kann helfen, dabeizubleiben. Hier dürfen wir das positive Gemeinschaftserlebnis nicht unterschätzen.

Was sollte man beim Wieder- oder Neueinstieg in den Sport beachten?

BANZER: Hier ist ein medizinischer Check zu empfehlen, der Aufschluss über vorliegende Schädigungen oder bestimmte Einschränkungen gibt. Setzen Sie sich danach realistische Ziele und steigern Sie Ihre Leistung nach und nach. Für den gesundheitlichen Effekt sind Regelmäßigkeit und das eigene Wohlbefinden entscheidend.

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