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Banken und Bembel, das passt, wie der Blick vom Lohrberg zeigt. Gerade in der internationalen Großstadt Frankfurt wird das regionale Produkt Apfelwein immer beliebter. Die Sparte „Cider“ ist die weltweit am stärkten wachsende Getränke-Gattung.

Genuss pur

Die Region glitzert im Gerippten

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Die Serie „Genuss pur“ möchte dazu anregen, es sich gut gehen zu lassen. So richtig gut gehen lässt es sich mancher gern beim Schoppen. Derzeit wird auf Hochtouren gekeltert. Das „Stöffche“ ist die Lebensart des Rhein-Main-Gebiets – und liegt im Trend.

Von Holger Vonhof

Frankfurt - "Wer nix uff's Stöffche hält, der daut aam laad! Nix so uff dare Welt mecht aam so Fraad.“ Das dichtete Friedrich Stoltze, der Hohepriester des Frankfurter Wohlgefühls. Für Eigeplackte und Zugereiste: „Wer nichts vom Apfelwein hält, der kann einem leid tun! Nichts auf der Welt macht so viel Freude.“ Nun mag Stoltze als voreingenommen bezeichnet werden können, denn sein Vater hatte ja bekanntlich eine Gastwirtschaft. Es soll ja Menschen geben, die mit Apfelwein nichts anfangen können. Ich denke an den Schwaben, der auf dem Höchster Schlossplatz mit langem Gesicht vor einem Sauergespritzten saß und etwas von „Essigsoß“ stammelte. Ja, so ein kerniger Schoppen ist nichts für zarte Gemüter. Doch Apfelwein ist längst nicht nur Bembel und Geripptes. Sortenrein kommt er daher und wird aus dem langstieligen Weinglas getrunken: Bohnapfel, Jonagold, Braeburn oder Boskoop keltert etwa Alexander Nöll aus Frankfurt-Griesheim – und verkauft seine edlen Produkte unter anderem über die Genussbotschaft Schwalbach, das Caviarhaus am Flughafen oder führende Frankfurter Hotels an internationale Genießer. Selbst nach China verschifft er seinen sortenreinen Apfelwein und über ein Geschäft in Rotterdam, zu dem er den Kontakt bei der Apfelweinmesse „Cider World“ geknüpft hat. Dort gibt es Apfelweine aus England und der Bretagne, aus Spanien, Südtirol oder Österreich. „In Skandinavien muss nur 15 Prozent Fruchtgehalt von irgendeiner Frucht drin sein“, weiß Martin Heil aus Laubus-Eschbach, der Vorsitzende des Verbands der hessischen Fruchtsaftkeltereien, „und der Alkohol muss aus einer Vergärung stammen.“

Apfelwein ist wieder „in“

Während Skandinavier also eher sehr frei mit ihren Zusatzstoffen umgehen – oft ist es weißer Fruchtwein, der mit Apfelgeschmack und Zucker aromatisiert wird – kommt den heimischen Kelterern doch nur das in den Gärbottich, was hineingehört: reiner Apfelsaft.

Und Apfelwein entwickelt sich wieder zum Kultgetränk. Nachdem das Stöffche lange in der Muff-Ecke verkümmerte und an ältere Herren mit Hut ausgeschenkt wurde, gibt es wieder viele junge Fans. Mancher lässt sich gar einen Bembel auf die Wade tätowieren. Für sie muss es nicht der sortenreine Apfelwein sein, der zu einem mehrgängigen Menü passt, sondern sie wollen einen typischen Frankfurter Apfelwein nach alter Väter Sitte. Der Einbruch beim Apfelwein, sagt Heil, sei in den 90er Jahren gekommen, als im Rhein-Main-Gebiet Weizenbier und Radler als Sommergetränke auf den Markt kamen. Doch das ist längst wieder wettgemacht: „Gerade die jungen Leute wollen Produkte regionaler Herkunft“, weiß Heil. Die „Apfelschmiede“ in Neuenhain macht Fans viel Freude, die Kelterei Henrich im selben Ort, Roth in Eschborn, Herberth in Kronberg. Auch Possmann und andere haben eine eingeschworene Gemeinde. „Das Handwerk ist gefragt“, sagt Alexander Nöll, der in Geisenheim an der Lehr- und Versuchsanstalt gelernt hat. Doch gebraucht werden – außer den handwerklichen Fähigkeiten – auch gute Äpfel. Tafelobst geht nicht; es müssen knorrige, urwüchsige Sorten sein, wie sie auf den Streuobstwiesen von Taunus und Wetterau, aber auch in Frankfurt noch wachsen.

Die Wochen der Entscheidung

Viele lokale Sorten gibt es heute nicht mehr. Auf dem Sossenheimer Obstpfad im Frankfurter Grüngürtel erfährt man etwa vom „Sossenheimer Streifling“, der früher an die Frankfurter Keltereien geliefert wurde. Was Apfelweinfreunde schmerzt: Wenn Streuobstbestände nicht abgeerntet werden, die Äpfel auf dem Boden verschimmeln.

Noch bis Ende Oktober wird gepresst; bei späten Apfelsorten – etwa dem Bohnapfel – kann es auch mal die zweite Novemberwoche werden. Dann entscheidet

sich in den Wochen drauf, was draus wird, doch anders als Hobbykelterer dürfen sich die Hauptberuflichen keinen Fehlschuss erlauben: „Wenn ich in einem Jahr einen schlechten habe, brauche ich nächstes Jahr keinen mehr zu machen“, weiß Alexander Nöll.

Im Rhein-Main-Gebiet zahlen die gewerblichen Kelterer für Äpfel „das Doppelte, was in Schwaben gezahlt wird“, berichtet Nöll. In diesem Jahr sei der Ertrag mager: „Die Bäume sind noch geschlaucht vom vergangenen Jahr.“ Die Ernte sei dieses Jahr ähnlich wie 2017, das als schlechtes Apfeljahr gilt. Doch das sei ein natürlicher Drei-Jahres-Zyklus: Es gebe immer ein fettes, ein mittleres, ein mageres Jahr. In diesem Jahr haben die Bäume früh angefangen abzuwerfen. „Die Leute wollten schon früh Äpfel vorbeibringen, aber die hatten noch kein Aroma“, sagt Alexander Nöll.

Das Problem ist: Der Ausstoß an Apfelwein steigt, während die Bierproduktion kontinuierlich sinkt. „Apfelwein oder Cider ist die weltweit am stärksten wachsende Getränkegattung“, sagt der Keltereiverbandsvorsitzende Martin Heil. Rund 40 Millionen Liter werden jährlich allein in Hessen produziert, hauptsächlich im Rhein-Main-Gebiet. Apfelwein beschränkt sich auf Südhessen, doch geht es regional bis hinauf nach Gießen und Wetzlar.

Auch bei Alexander Nöll in der Kelterei in Frankfurt-Griesheim ist der traditionelle Apfelwein weiterhin das Hauptprodukt, „und das wird auch immer so bleiben.“ Aber die Edelprodukte, etwa der sortenreine Apfelwein, aber auch der Apfelschaumwein oder der Apfel-Secco mit Weinbergpfirsich werden immer beliebter. Die „Cider World“ ist für die Kelterer das Fenster zur Welt. Doch durch das gucken auch immer mehr Fremde herein und stellen fest, was hier für ein klasse Stöffche gemacht wird.

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