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Gut gepflegt: Darauf kommt es an

  • Stefanie Liedtke
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Manchmal geht es ganz schnell: ein Schlaganfall, ein Oberschenkelhalsbruch – und über Nacht wird aus dem eben noch rüstigen Rentner ein Pflegefall.

Manchmal geht es ganz schnell: ein Schlaganfall, ein Oberschenkelhalsbruch – und über Nacht wird aus dem eben noch rüstigen Rentner ein Pflegefall. Ein Alptraum nicht nur für Betroffene, sondern auch für deren Angehörige, denn dann heißt es, binnen kürzester Zeit eine Lösung und sich im „Pflegedschungel“ zurecht zu finden. Die Vielzahl der Möglichkeiten macht es nicht leicht, sich einen Überblick zu verschaffen. Hier kann ein Besuch bei einem der mehr als 20 Pflegestützpunkte in Hessen helfen, deren Mitarbeiter Betroffene kostenlos beraten.

Oftmals geht es zunächst um eine Grundsatzentscheidung: Kann der Pflegebedürftige zu Hause gepflegt werden oder kommt nur ein Pflegeheim in Frage? Eine Entscheidung, die Angehörige nicht über den Kopf des Betroffenen hinweg treffen sollten, empfiehlt Sascha Hinkel, Berater beim Pflegestützpunkt Frankfurt. „Selbst wenn es nachvollziehbar ist, dass jemand im Heim besser aufgehoben wäre, ist der Wille des Betroffenen entscheidend“, unterstreicht der Diplom-Sozialarbeiter. Es bringe nichts, jemanden ins Heim zu stecken, der dies nicht wolle. „Dann dauert es nicht lange, bis das Telefon klingelt und sie ihn wieder abholen müssen“, weiß der Experte.

Wer sich dafür entscheidet, einen Angehörigen zu Hause zu pflegen, muss überlegen, ob er dies alleine schultern kann oder ob Hilfe nötig ist. „Wichtig ist, dass derjenige, der die Pflege übernehmen will, das körperlich schafft“, betont Hinkels Kollegin Sandra Gratzkowski und nennt als Beispiel die zierliche ältere Dame, deren Mann einen Schlaganfall hatte und der nun halbseitig gelähmt ist – undenkbar, dass diese es ganz alleine schafft, ihren Mann zu Hause zu pflegen. Aus Sicht der Berater geht es aber nicht nur darum, ob jemand körperlich in der Lage ist, die Pflege alleine zu schultern. „Bei herausfordernden Situationen wie Demenz oder Altersdepression spielt auch die psychische Belastung der Pflegenden eine große Rolle“, weiß Hinkel und betont, dass es keine Schande sei, sich Hilfe zu holen. „Niemand sollte sich vollkommen von der Pflege auffressen lassen. Ich sage den Leuten immer: ,Sie sind die einzige Person, die dieses System stabil hält. Wenn sie ausfallen, bricht alles zusammen. Es ist ihr gutes Recht, Leistungen in Anspruch zu nehmen.‘“ Wer es ohne Unterstützung versuchen will, dem rät Hinkel, einen Pflegekurs zu besuchen oder sich zu Hause von einem Experten anleiten zu lassen. Die Kosten dafür trägt die Pflegekasse. Zudem haben pflegende Angehörige Anspruch auf Pflegegeld.

Darüber hinaus gibt es zahlreiche Möglichkeiten, sich Hilfe ins Haus zu holen, wobei auch das nicht unproblematisch ist: Während die Senioren von heute einer Generation angehören, für die es noch selbstverständlich ist, dass Pflegebedürftige zu Hause von ihren Angehörigen gepflegt werden, könne die Generation der Kinder dies heutzutage kaum mehr leisten, schon deshalb nicht, weil oftmals beide Partner berufstätig sind. Dennoch gebe es Pflegebedürftige, „die niemand Fremdes zulassen“, weiß Gratzkowski. Hier komme es darauf an, ihnen klarzumachen, dass man sie nicht entmündigen, sondern ihnen helfen und sie entlasten wolle, damit sie möglichst lange im eigenen Zuhause bleiben können. „Da ist viel Psychologie gefragt“, sagt die Fachfrau. Hilfe steht Betroffenen übrigens nicht nur bei der eigentlichen Pflege zu, die von der Körperpflege bis hin zur Wunderversorgung reicht, sondern auch im Haushalt und bei der Betreuung.

Welcher Pflegedienst der richtige ist, muss jeder selbst entscheiden. Wichtig sei, dass die Chemie zwischen Gepflegtem und Pflegenden stimme, sagt Gratzkowski. Auch auf räumliche Nähe sollte man achten. Hinkel: „Wenn’s mal schnell gehen muss, ist das ein Vorteil.“ Wer darauf Wert legt, dass ausschließlich weibliche Pflegekräfte eingesetzt werden, sollte dies mit dem Pflegedienst vorab klären. Zudem sollten Angehörige auf einem Kostenvoranschlag bestehen, bevor sie einen Auftrag erteilen. Wer staatliche Unterstützung in Anspruch nehmen möchte, kommt um eine Begutachtung nicht umhin. Dabei stellt ein Experte fest, wie hoch der tägliche Aufwand für die Pflege ist und gruppiert den Pflegebedürftigen in eine Pflegestufe ein. Dabei wird unterschieden zwischen den Pflegestufen 0 bis 3 und Härtefällen (siehe Info-Text). Entscheidend ist, wie viele Minuten intensiver Unterstützung täglich notwendig sind. „Es kann sein, dass jemand rund um die Uhr betreut werden muss, und dennoch in Pflegestufe 0 eingruppiert wird“, dämpft Hinkel all zu große Erwartungen, denn er weiß, dass es hier oft zu Enttäuschungen kommt.

„Wir empfehlen, bereits ein bis zwei Wochen vor der Begutachtung ein Pflegetagebuch zu führen“, sagt Gratzkowski. Darin sollten Angehörige genau notieren, wie viel Zeit sie für welche Tätigkeiten aufwenden. „Hilfreich ist es auch, wenn man die ärztlichen Unterlagen parat hat, wenn der Gutachter kommt“, so Hinkel.

Dass viele Pflegebedürftige ausgerechnet in dem Moment über sich hinauswachsen, wenn der Gutachter da ist – die Experten kennen das Problem. Ihr Rat: „Keine Scheu haben, vor dem Termin mit dem Pflegebedürftigen zu sprechen und ihm klarzumachen, dass er sich nicht schämen muss, seine gesundheitlichen Einschränkungen zuzugeben!“ Wer mit der Einstufung unzufrieden ist, kann Widerspruch einlegen. Dann kommt ein zweiter Gutachter vorbei. Dies ist auch dann ratsam, wenn sich die gesundheitliche Situation des Pflegebedürftigen verschlechtert und der Pflegeaufwand steigt.

Reicht das Geld aus der Pflegeversicherung nicht, um die Kosten zu decken, müssen Betroffene den Rest aus der eigenen Tasche zahlen. „Ein ambulanter Pflegedienst, der täglich kommen muss, präsentiert am Ende des Monats eine vierstellige Rechnung“, weiß Hinkel. Wer nicht in der Lage ist, derartige Beträge zu schultern, kann Unterstützung beim Sozialamt beantragen.

Entlastung können auch ausländische Pflegekräfte bringen, die mit im Haushalt leben. Wer sich dafür interessiert, sollte sich an die Zentrale Auslands- und Fachvermittlung der Arbeitsagentur wenden. Deren Mitarbeiter wissen, welche Vorschriften zu beachten sind. Zudem rät Hinkel, den Vertrag genau zu prüfen und darauf zu achten, was passiert, wenn die Pflegekraft ausfällt: „Was nicht geregelt ist, darauf hat man keinen Anspruch“, betont der Experte.

Ist die Entscheidung für ein Pflegeheim gefallen, folgt die Frage, welches Heim das richtige ist. Anhaltspunkte können die Qualitätsberichte liefern, die jedes Heim veröffentlichen muss. Diese sind unter anderem im Internet zu finden unter oder unter .

Wer einen Pflegestützpunkt in seiner Nähe sucht, findet diesen unter . Bei der Suche nach einem ambulanten Pflegedienst hilft die Internetseite .

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