„Die Maskenpflicht gilt ohne Wenn und Aber“

Streit im Bus zeigt die Grenzen der Maskenpflicht

  • vonFriedrich Reinhardt
    schließen

In Hattersheim sollte ein Busfahrer die Maskenpflicht durchsetzen, forderte ein Fahrgast. So einfach ist das aber nicht.

  • Streit in Hattersheim-Okriftel zwischen Busfahrer und Fahrgast führt zu mehreren Fahrtausfällen.
  • Busfahrer sollte Maskenpflicht durchsetzen, forderte der Fahrgast.
  • Davon raten die HLB und MTV ihren Fahrern aber ab, aus Angst, sie könnten Opfer von Gewalt werden.

Hattersheim - „Die Maskenpflicht gilt ohne Wenn und Aber“, sagt Bundesverkehrsminister Andreas Scheuer (CSU). Eine kleine Nachricht aus Hattersheim zeigt aber, dass die Diskussion über die Maskenpflicht in Bus und Bahn komplexer ist, als der Scheuer-Satz zunächst vermuten lässt. Die Nachricht: Mehrere Busverbindungen in Hattersheim sind am Mittwochvormittag, 6. August, ausgefallen, weil ein Streit zwischen einem Fahrgast und dem Busfahrer so eskalierte, dass die Polizei gleich mehrfach „aufgeregt angerufen wurden“, wie ein Polizeisprecher sagt.

Streit um Maskenpflicht in Hattersheimer Bus eskaliert

Von dem Geschehenen und dessen Vorgeschichte gibt es zwei Versionen. Zunächst die Version, wie sie der Fahrgast schildert, eine 55-Jahre alte Rollstuhlfahrerin, die namentlich nicht genannt werden möchte: Kurz vor 8 Uhr am Montag, 3. August, möchte die Frau mit der Linie 833 von Okriftel nach Hattersheim fahren. Die Frau trägt eine Mund-Nasen-Bedeckung. „Ich habe Schiss vor Corona“, sagt sie. „Ich habe das Alter und Diabetes.“ Auch deshalb trage sie die Maske. „Ich möchte die anderen schützen und selbst geschützt werden.“ Hinten im Bus sitzen drei Personen ohne Maske. Darauf macht sie den Busfahrer aufmerksam. „Leck mich“, soll er gesagt haben, erzählt die Rollstuhlfahrerin. Sie ist empört, ruft noch im Bus den Kundenservice der Hessischen Landesbahn (HLB) an, die die Buslinie betreibt. Der Fahrer hört das Gespräch und droht ihr, wenn sie sich noch einmal beschwere, nimmt er sie beim nächsten Mal nicht mit. Auch diese Drohung will sich die Frau nicht gefallen lassen und ruft erneut bei der HLB an.

Maskenpflicht in Bussen des ÖPNV

Streit in Hattersheimer Bus eskaliert - Ist der Fahrer verantwortlich für die Maskenpflicht?

Zwei Tage später, Mittwoch, 5. August, kurz nach halb 10: Die Frau möchte wieder von Okriftel nach Hattersheim fahren. Am Steuer sitzt der selbe Busfahrer. Er lässt die anderen Fahrgäste einsteigen, bevor die Rollstuhlfahrerin in den Bus gelangen kann, schließt der Fahrer die Tür. „Ich hatte schon mein Bein in der Tür“, erzählt sie. Daraufhin habe sie die Polizei gerufen.

Die zweite Version, die des Busfahrers, erzählt die Pressesprecherin der HLB Sabrina Walter. Die Rollstuhlfahrerin habe den Busfahrer bei dem ersten Zusammentreffen am Montag angespuckt. Daher habe er sie am Mittwoch nicht mitnehmen wollen. Als sie dann die Tür blockierte, habe der Busfahrer die Polizei gerufen. Laut der Rollstuhlfahrerin habe sie den Fahrer nicht angespuckt, sondern lediglich niesen müssen, weil sie allergisch auf Gräser sei. Der Busfahrer habe dabei neben ihr gestanden. Er hatte für sie gerade die Rollstuhlrampe ausgeklappt.

Maskenpflicht in Bussen ist schwerer durchzusetzen, als es zunächst scheint

Welche Version der Wahrheit näher kommt, kann auch die Polizei nicht sagen. „Beide haben die Kollegen gerufen“, sagt der Polizeisprecher, und den Streit geschlichtet. Keine Anzeigen, keine große Sache. Es geht in diesem Text aber um die Maskenpflicht in Bus und Bahn, die laut dem Verkehrsminister ja „ohne Wenn und Aber“ gelten soll. Und die Geschichte beginnt da, wo die Rollstuhlfahrerin selbstverständlich davon ausging, dass der Busfahrer die Maskenpflicht durchsetzen kann. Im Alltag der Verkehrsgesellschaften sieht das aber anders aus - vor allem in Bussen.

Durchsetzen möchte das Verkehrsministerium die Maskenpflicht auf der Grundlage von Paragraph 4 der Eisenbahn-Verkehrsordnung (EVO). Im zweiten Absatz heißt es da: „Personen, die eine Gefahr für die Sicherheit und Ordnung des Betriebes oder für die Sicherheit der Mitreisenden darstellen oder den Anordnungen des Eisenbahnpersonals nicht folgen, können von der Beförderung ausgeschlossen werden.“ Dennoch wies die HLB ihre Mitarbeiter an, die Fahrgäste, die keine Maske tragen, lediglich auf die Vorschrift hinzuweisen. „Wenn sich jemand weigert, wird er nicht von der Fahrt ausgeschlossen“, sagt HLB-Sprecherin Walter. Warum?

Streit wegen Maskenpflicht im Bus endet gewaltätig

Zum einen wolle man die Mitarbeiter schützen und mögliche Eskalationen eines Streits verhindern. Walter verweist auf einen Fall in Bayern. Laut Redaktionsnetzwerk Deutschland habe in Sailauf, im Landkreis Aschaffenburg, ein Fahrgast den Busfahrer mit einem Faustschlag ins Gesicht leicht verletzt und anschließend die Bustür demoliert. Solch eine Eskalation eines Streits über die Maskenpflicht ist kein Einzelfall, wie ein Angriff in einem Frankfurter Supermarkt zeigt. Auch ein Hofheimer Arzt stellte jüngst eine aggressivere Stimmung beim Thema Corona fest. Vor gewalttätigen Reaktionen, will die HLB ihre Mitarbeiter schützen.

Zum anderen könne man Fahrgäste wegen eines Verstoßes gegen die Maskenpflicht nicht von der Fahrt ausschließen, weil dies nicht in den Beförderungsbedingungen geregelt sei, sagt Walter.

MTV schließt Fahrgäste ohne Maske nicht aus

Auch die Main-Taunus-Verkehrsgesellschaft (MTV) schließt niemanden von der Fahrt aus, wenn er oder sie keine Maske trägt. „Wir haben die Fahrer angewiesen, dass sie sich nicht auf Diskussionen einlassen sollen“, sagt Prokuristin Birgit Hartmann. Auch der MTV, der zum RMV gehört, möchte so seine Fahrer schützen. „Fahrer haben nicht die Anerkennung, die sie eigentlich verdienen“, erklärt Hartmann. Schon vor Corona habe es immer mal wieder kritische Situationen gegeben, bei denen Fahrer bedroht wurden.

An den Hauptbahnhöfen kann die Deutsche Bahn die Bundespolizei hinzuziehen, falls sich jemand weigert, im Zug eine Maske zu tragen. In Hattersheim-Okriftel kann die Polizei zwar auch vermitteln und möglicherweise die Maskenpflicht durchsetzen. Es dauert aber, bis sie vor Ort ist, und in der Folge fallen mehrere Busfahrten aus.

Der MTV versuche einen harmonischeren Weg zu gehen, sagt Prokuristin Hartmann. Nur die Männer und Frauen, die die Fahrkarten kontrollieren und mit mehr Autorität auftreten, beharrten auf der Maskenpflicht. „Unser Prüfpersonal hat auch Masken dabei, die sie kostenlos ausgeben können, falls jemand keine dabei hat."

Sowohl MTV als auch HLB betonen, dass der Großteil der Fahrgäste sich diszipliniert an die Maskenpflicht halte. Allerdings seien die Fahrgastzahlen wegen der Ferienzeit und strengeren Kontaktbeschränkungen davor noch nicht auf dem Niveau wie vor der Corona-Zeit. „Wir müssen abwarten, wie sich die Sache nach den Sommerferien entwickelt“, sagt MTV-Prokuristin Hartmann. Der Streit zwischen dem Busfahrer und der Rollstuhlfahrerin in Hattersheim oder der gewalttätige Fahrgast im bayrischen Sailauf zeigen nämlich auch, wie viel Konfliktpotenzial die Maskenpflicht in Bus und Bahn mitfahren lässt. Friedrich Reinhardt

Rubriklistenbild: © Fabian Strauch

Das könnte Sie auch interessieren

Mehr zum Thema

Kommentare