Prof. Dr. med Axel Haferkamp (Direktor der Urologie und Kinderurologie des Universitäts Klinikum Frankfurt am Main)
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Prof. Dr. med Axel Haferkamp (Direktor der Urologie und Kinderurologie des Universitäts Klinikum Frankfurt am Main)

Große FNP-Gesundheutsserie

Was hiflt, wen die Blase schwächelt?

Inkontinenz ist eine Volkskrankheit. Dennoch tun wir uns schwer damit, über das Thema zu sprechen. Warum ist das so?

Inkontinenz ist eine Volkskrankheit. Dennoch tun wir uns schwer damit, über das Thema zu sprechen. Warum ist das so?

PROF. DR. AXEL HAFERKAMP: Das ist eine gute Frage. Letztlich ist Inkontinenz keine lebensbedrohliche Erkrankung, aber es ist ein Thema, das die Lebensqualität stark beeinträchtigt. In der Gesellschaft ist Inkontinenz eindeutig negativ behaftet. Deshalb entwickeln die Patienten Vermeidungsstrategien und ziehen sich aus ihrem sozialen Umfeld zurück.

Was ist die Ursache für Inkontinenz?

HAFERKAMP: Wir unterscheiden zwischen drei verschiedenen Formen der Harninkontinenz. Bei der Belastungsinkontinenz ist der Schließmuskel geschwächt. Das ist vor allem ein weibliches Problem, weil bei Frauen mit dem Alter das Bindegewebe schwächer wird. Viele sind zudem aufgrund von Schwangerschaft und Geburt vorbelastet. Sie verlieren Urin bei körperlicher Belastung, etwa beim Husten, Lachen, Niesen oder Treppensteigen.

Und wie verhält es sich mit den anderen beiden Formen?

HAFERKAMP: Bei der Harndranginkontinenz, die bei beiden Geschlechtern gleichermaßen auftritt, haben Patienten einen derart starken Harndrang, dass sie den Weg zur Toilette oft nicht schaffen. Hierfür lässt sich häufig keine organische Ursache finden. Die dritte Form, die Überlaufinkontinenz, betrifft Männer in höherem Lebensalter, bei denen die Prostata vergrößert ist. Diese drückt auf den Harnleiter, so dass Betroffene die Blase nicht mehr richtig entleeren können. Ist diese voll, läuft sie einfach über.

Was kann man gegen Inkontinenz tun? Oder führt kein Weg an Slipeinlagen und Windeln vorbei?

HAFERKAMP: Wir haben heute einige medizinische Möglichkeiten, Inkontinenz zu behandeln. Dabei kommt es aber auf die Art der Inkontinenz an. Deshalb ist es auch so wichtig, dass am Anfang eine korrekte Diagnostik steht. Die ist aufwendig. Sie umfasst neben einer Urin- und Restharnuntersuchung auch eine Analyse des Trinkverhaltens und der Medikamente, die der Patient regelmäßig einnimmt. Unter Umständen können weitere Untersuchungen wie eine Blasenspiegelung oder eine Blasendruckmessung nötig sein.

Wenn die Diagnose feststeht – wie behandeln Sie eine Belastungsinkontinenz?

HAFERKAMP: Wenn Gewichtsabnahme (bei Übergewichtigen) und Beckenbodentraining nicht ausreichen, gibt es Medikamente, die bei Frauen gezielt den Schließmuskel stärken. Wenn all das nicht hilft, können wir den Patientinnen ein Kunststoffband einsetzen, das die Harnröhre unterstützt. Das ist ein kleiner Eingriff von etwa einer halben Stunde mit einem etwa 1,5  Zentimeter langen Schnitt, der bei 80 bis 85  Prozent der Betroffenen zur Kontinenz führt.

Und bei Harndrang-Inkontinenz?

HAFERKAMP: Hier sollte am Anfang eine Verhaltenstherapie stehen. Dabei trainieren die Patienten, ihrem Harndrang nicht nachzugeben, sondern erst dann zur Toilette zu gehen, wenn dieser nachgelassen hat. In vielen Fällen zieht sich die Blase aber auch unwillkürlich zusammen. Dann können Medikamente helfen, welche die Blase hemmen. Bringt das alles nichts, können wir Patienten einen Blasenschrittmacher einsetzen oder den Blasenmuskel mit Botoxinjektionen teilweise lähmen.

Dann muss der Leidensdruck aber schon groß sein . . . HAFERKAMP: Das ist er auch. Das sind Patienten, die tagsüber 20, 30  Mal auf die Toilette müssen und nachts zehn  Mal. Sie schlafen keine Nacht mehr richtig durch und kennen jede Toilette in der Stadt. Diese Patienten planen beim Einkaufen ihre Route danach, wo es öffentliche Toiletten gibt.

Und wie sieht es mit der Überlauf-Inkontinenz aus?

HAFERKAMP: Hier können wir operativ die Prostata verkleinern. Wenn sie nicht mehr auf die Harnröhre drückt, haben die Patienten auch keine Probleme mehr.

Ab wann empfehlen Sie Betroffenen einen Arztbesuch?

HAFERKAMP: Das kommt darauf an, wie stark sie sich in ihrer Lebensqualität beeinträchtigt fühlen. Viele haben einfach eine dünne Slipeinlage, die sie nicht weiter stört. Aber spätestens, wenn man sich deshalb einschränkt, ist das Aufsuchen eines Arztes angezeigt, nicht zuletzt, weil etwa bei der Harndranginkontinenz auch eine ernsthafte Erkrankung dahinterstecken kann wie eine akute Blasenentzündung oder ein Blasenkarzinom. Das sollte man ausschließen.

Weniger trinken ist keine Alternative?

HAFERKAMP: Nein. Das machen zwar viele, aber das ist keine Option, weil es auf Dauer die Nieren schädigt.

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