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Der Intendant des Hessischen Rundfunks, Manfred Krupp, besucht seine Mitarbeiter im neuen Newsroom „Hesseninformation“, in dem Kollegen aus Radio, Fernsehen und Online zusammenarbeiten.

Manfred Krupp im Interview

HR-Intendant: „Zu sehr Themen transportiert, die sich die AfD auf die Fahne geschrieben hat“

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Vom Volontär bis zum höchsten Chef – Manfred Krupp hat beim Hessischen Rundfunk eine denkbar steile Karriere erlebt. Doch der Sender ist in stürmisches Fahrwasser geraten: Das Medienverhalten wandelt sich, der Kostendruck steigt und die AfD will die Rundfunkgebühren abschaffen. Über die Zukunftsstrategien für seinen Sender sprach unsere Hessen-Chefin Christiane Warnecke mit dem Intendanten des hr.

Sie haben mal gesagt, die Leitung des Landesstudios in Wiesbaden sei Ihr „journalistisch erfüllendster Job“ gewesen. War das schöner, als Intendant zu sein?

MANFRED KRUPP: Ja (lacht), weil man als Journalist ganz andere Freiräume hat. Die Verfassung des hr gibt dem Intendanten zwar auf dem Papier sehr viel Macht, aber die Rahmenbedingungen sind schwieriger. Als Journalist kann man sehr viel stärker eigene Themen setzen. Mein Faible war immer das Regionale. Und was im Landtag behandelt wird, ist wirklich wichtig für den Alltag der Menschen. Deshalb war es eine tolle Aufgabe.

Was würden Sie denn den neuen Koalitionären in Wiesbaden mit auf den Weg geben?

KRUPP: Berater für die Politik ist nicht mein Job. Ich glaube aber, dass der Zirkus in Berlin ein Teil der Ursache für das Wahlergebnis war. Journalistisch sind Differenzen spannend, doch die Menschen wünschen sich oftmals mehr Klarheit. Aber das wissen die Politiker auch selber (schmunzelt).

Sie wurden für sechs Jahre als Intendant gewählt. Im März ist Halbzeit. Was haben Sie erreicht, wo wollen Sie hin?

KRUPP: Der hr hat es geschafft, sich schrittweise von den traditionellen Ausspielwegen Hörfunk, Fernsehen und Online zu lösen. Wir kommen immer stärker zu integrierten Strukturen.

Wie haben Sie das geschafft?

KRUPP: Nach der trimedialen Sportredaktion war es der nächste wichtige Schritt, einen gemeinsamen Programmbereich Hesseninformation zu bilden. Berichterstattung aus und für Hessen ist unser Markenkern. In dem neuen Bereich liegt noch mehr als bisher der Fokus auf der medienübergreifenden Zusammenarbeit. Durch die Bündelung der Aufgaben gelingt es uns, insgesamt mehr hessische Themen abzubilden und uns Luft für mehr hintergründige Berichterstattung zu verschaffen.

Ist das nicht auch ein Sparprogramm?

KRUPP: Nein, wir arbeiten weniger parallel, stattdessen viel intensiver zusammen. Das schafft Freiräume, um die Themenpalette zu verbreitern und mehr Zielgruppen zu erreichen. Die Hessenschau ist unsere wichtigste Marke – im Fernsehen sowie Online. Auch bei hr4 bieten wir inzwischen regionale Nachrichten unter dem gleichen Markennamen an. Wir liefern insgesamt mehr Hintergrund, und Hintergrund ist aufwendig.

Ein Teil Ihrer Mitarbeiter ist nicht glücklich über die Neustrukturierung. Gegen was richtet sich der Widerstand?

KRUPP: Im hr befinden wir uns in einem umfassenden Kulturwandel, der nötig ist, um in der neuen Medienwelt schneller agieren zu können. Die Mediennutzung verändert sich stetig, und so werden auch wir immer wieder anders denken und arbeiten. Dazu gehört der Mut, mal Fehler zu machen. Denn wenn wir nichts ausprobieren, können wir nichts lernen. Auf diesem Weg der Veränderung wollen wir alle Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter mitnehmen.

Wie erreicht der hr die jungen Menschen?

KRUPP: Die unter 29-Jährigen nutzen uns zwar weniger als die 30 bis 49-Jährigen, die jungen Nutzer schätzen aber unseren Wert in der Gesellschaft hoch ein.

Wie erklären Sie sich das?

KRUPP: Junge Leute sind mehr in sozialen Netzwerken unterwegs. Dort werden Sie mit Fake-News konfrontiert und suchen nach Orientierung und zuverlässigen Quellen. Und Glaubwürdigkeit wird mit dem öffentlich-rechtlichen Rundfunk nach wie vor stark verbunden.

Wie stellt sich der hr darauf ein, dass junge Nutzer Medien gerne unabhängig von festen Sendezeiten konsumieren?

KRUPP: Wir bieten zum Beispiel mehr Podcasts an. Im Hörfunk haben wir gerade eine Podcast-Strategiegruppe eingesetzt. Außerdem bauen wir die ARD-Audiothek aus. Auch im Fernsehen erweitern wir die Mediathek. Mit hessenschau.de und der Hessenschau-App haben wir außerdem Angebote, die gerne von der jungen Zielgruppe genutzt werden. Im Übrigen hat die Hessenschau auch im Fernsehen weiter Zuwächse. Die Zahl der jüngeren Nutzer steigt auch hier. Und durch die App steigt auch die Bindung zur Sendung. Künftig müssen wir Nutzerverhalten noch intensiver analysieren, um die Interessen der Menschen besser zu verstehen und zielgerichtete Angebote machen zu können.

Sie setzen sich für eine stärkere regionale Ausrichtung ein. Wie kann der hr noch hessischer werden?

KRUPP: Ein gutes Beispiel dafür ist hr-Info. Der Sender hat den Auftrag, über Hessen, Deutschland und die Welt zu berichten. Aber wenn hr-Info ein Thema aus Berlin hat, versuchen die Kollegen auch zu beleuchten, was das für die Menschen in Hessen bedeutet.

Die konsequente Regionalisierung haben Sie mal als Abkehr vom Sauertopf-Image Ihres Hauses bezeichnet. Wie viel Sauertopf gibt es noch?

KRUPP: Wir müssen Dinge infrage stellen und eine kritische Berichterstattung pflegen. Gleichzeitig ist es wichtig, auch positive Entwicklungen aufzugreifen. Also zum Beispiel über Erfolge in der Pflege durch Sprachassistenten berichten und bei diesem Thema nicht nur auf Datenschutzprobleme hinzuweisen.

Der öffentlich-rechtliche Rundfunk steht unter Druck: Die AfD fordert die Abschaffung des Rundfunkbeitrags, andere sind gar der Meinung, das ZDF genüge. Für was brauchen wir die ARD?

KRUPP: Die ARD hat gerade eine Relevanz-Studie gemacht. Dabei kam heraus, dass die ARD 96 Prozent und damit praktisch die gesamte Bevölkerung in Deutschland regelmäßig anspricht. Den größten Teil davon sogar Tag für Tag und gleich mit mehreren Programmangeboten oder -inhalten. Auch Menschen, die unsere Legitimation infrage stellen – auch AfD-Wähler – nutzen unsere Angebote. Das heißt: Wir erreichen die Menschen immer noch. Genau das ist auch unser Ziel: Eine möglichst breite Gesamtöffentlichkeit mit unseren Angeboten zu schaffen. Denn wir haben eine Informations- und Integrationsaufgabe gegenüber der gesamten Gesellschaft.

Sie sehen es also auch als Ihren Auftrag, AfD-Wähler zu integrieren?

KRUPP: Ja, unser Integrationsauftrag gilt für alle. Wir leisten einen Beitrag für die kulturelle und gesellschaftliche Vielfalt. Deshalb ist es wichtig, alle Meinungen abzubilden und einzuordnen. Dabei kommt uns zugute, dass das Vertrauen in die Medien in Deutschland wieder deutlich gestiegen ist. Auch bei den Gruppen, die der Beitragsfinanzierung kritisch gegenüberstehen.

Wie erklären Sie diesen Menschen, dass der hr von den Beiträgen auch ein Sinfonieorchester finanziert?

KRUPP: Der hr leistet einen Beitrag zur kulturellen Vielfalt in Hessen. Ja, wir haben ein über die Grenzen von Hessen geschätztes hr-Sinfonieorchester. Und ja, dieses Orchester hat rund 100 Planstellen für Musiker. Es ist eines der besten Orchester in Deutschland. Mit seinen regelmäßigen Education-Projekten animieren wir auch viele junge Menschen, Musik zu machen.

Gehört das noch zum Programmauftrag?

KRUPP: Ja, selbstverständlich! Wir sind einerseits Kulturberichterstatter, andererseits sind wir selbst ein wichtiger Faktor des kulturellen Lebens. Nicht nur mit dem Orchester und der Bigband, sondern auch mit dem Fernsehspiel und dem Hörspiel. Wir schaffen Kultur und bringen damit Kultur Menschen nahe. Das ist ein ganz elementarer Bestandteil unseres Auftrags.

Ein anderer Vorwurf lautet, das Fernsehen habe die AfD erst groß gemacht, weil deren Themen überproportional oft aufgegriffen wurden. Stimmt das?

KRUPP: Nein, diese Ansicht teile ich nicht. Allerdings diskutieren wir intern kritisch die Frage, ob wir immer die Themen gesetzt haben, die für die Menschen wirklich relevant sind. Vielleicht haben wir manchmal zu sehr das Bedürfnis nach Streit und Konflikt bedient und damit unverhältnismäßig aufgewertet. Im Alltag der Menschen spielen etwa Bildung und Pflege eine größere Rolle als die Flüchtlingspolitik. In der Berichterstattung waren diese Themen vielleicht unterrepräsentiert. Wir haben manchmal zu sehr die Themen transportiert, die sich die AfD auf die Fahne geschrieben hat. Wenn auch, um deren Thesen infrage zu stellen.

Es gibt auch Diskussionen über die Struktur des öffentlich-rechtlichen Rundfunks. Brauchen wir so viele Sender?

KRUPP: Wir erreichen auch deshalb so viele Menschen, weil wir eine so große Bandbreite der Angebote bieten. Gerade die Regionalität wird geschätzt. Gerade in Zeiten der Digitalisierung dient die eigene Region mehr denn je als Identifikationspunkt.

Die Beitragsfinanzierung beschert dem öffentlich-rechtlichen Rundfunk einen erheblichen Vorteil etwa gegenüber Zeitungen . . .

KRUPP: Über den Rundfunkbeitrag finanzieren wir alle ein solidarisches Gesamtsystem, das einen gesellschaftlichen Auftrag hat. Der Rundfunkstaatsvertrag regelt, dass wir uns in unseren Onlineangeboten verstärkt auf Audio und Video ausrichten. Die Nutzer erwarten aber auch Texte von uns. Und diese auf die schnelle Schlagzeile zu reduzieren würde unserem journalistischen Auftrag nicht gerecht.

Sind beim hr alle sechs Hörfunkwellen überlebensfähig?

KRUPP: Vier unserer Wellen orientieren sich daran, welche Musik und Begleitung im Alltag ihre Zielgruppe wünscht. Zusätzlich beinhalten die vier Programme jeweils ausgewogene Informationsangebote. hr-Info und hr2-Kultur sind gesondert zu betrachten. Diese beiden Wellen sind wichtig für unsere Programmvielfalt und bilden einen wichtigen Kern unseres Auftrags ab. Wir müssen aber regelmäßig schauen, wie sich das Medienverhalten verändert. Vielleicht sind irgendwann Podcasts oder Onlineangebote unser Premiumprodukt und wir müssen darüber nachdenken, wie wir Angebote neu aufstellen können.

Wie sehr wird der Kostendruck diese Entwicklung beschleunigen?

KRUPP: Wir müssen uns weiter fokussieren und den eingeschlagenen Sparkurs beibehalten. Auch werden wir mehr mit anderen Landesrundfunkanstalten zusammenarbeiten. Das wird in den nächsten beiden Jahren ein Schwerpunkt werden. Wir wollen Aufgaben stärker zusammenfassen, zum Beispiel in der Verwaltung oder Technik.

Am 14. Dezember steht die nächste Sitzung des Rundfunkrats an. Wie sehen die Haushaltszahlen aus, die Sie dort für 2019 präsentieren werden?

KRUPP: Wir haben zwei Probleme, die sich schon in 2017 und 2018 gezeigt haben: Wegen der anhaltenden Niedrigzinsphase und des hohen Rückstellungsbedarfs für die Altersversorgung mussten wir hohe Verluste ausweisen. Im operativen Geschäft haben wir sogar jeweils ein leichtes Plus gemacht. Auch 2019 werden die Probleme nicht kleiner – trotz großer Kostendisziplin und obwohl wir seit 2013 über 80 Millionen Euro eingespart haben.

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