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Buchautor Wieland Giebel.

Interview mit Autor

Menschen erzählen warum sie Nazis wurden

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Vor 100 Jahren wurde die Weimarer Republik gegründet. Manche sehen angesichts der AfD schon „Weimarer Verhältnisse“ heraufziehen. Wieland Giebel hat vor diesem Hintergrund ein beeindruckendes historisches Buch herausgegeben. Dort schildern ganz normale Menschen, wie sie bereits vor 1933 zu überzeugten Nationalsozialisten wurden. Gesammelt hatte die Zeugnisse der 1896 geborene, später in die USA emigrierte Soziologe Theodore Abel. Dieter Hintermeier sprach mit Neu-Herausgeber Giebel über Gemeinsamkeiten und Unterschiede zu Weimar.

Herr Giebel, was wollte Theodore Abel mit seinem Buch herausfinden?

WIELAND GIEBEL: Abel ging es darum herauszufinden, warum sich so viele Deutsche den Nationalsozialisten angeschlossen haben. In seinem Buch geht es explizit um die große Menge kleiner Nazis und ihre Beweggründe, begeisterte Nationalsozialisten zu werden.

Was macht das Buch denn so interessant?

GIEBEL: Es gibt keine vergleichbaren Quellen, die auch nur annähernd an die Fülle des Materials von 3700 Seiten, den Reichtum an Details, die Freimütigkeit der Darstellung und die Intensität der Lebensbeschreibungen heran kommt. In diesen unmittelbaren Schilderungen findet sich ungefiltertes Gedankengut, nicht durch Scham späterer Erkenntnisse getrübt, durch Holocaust, Krieg und Untergang. Abel wollte wissen, wer diese Menschen sind, wie die Hitler-Bewegung in ihr Bewusstsein trat. Diese Biogramme offenbaren erstmals in die Tiefe gehend Beweggründe und Haltung der Nazis.

Wie gelangte Abel an die Berichte?

GIEBEL: Indem er ein Preisausschreiben in Zusammenarbeit mit NS-Propagandaminister Joseph Goebels ins Leben rief. Jede Person, unabhängig von Geschlecht oder Alter, die vor dem 1. Januar 1933 Mitglied der nationalsozialistischen Partei war oder mit der Bewegung sympathisiert hat, konnte an diesem Wettbewerb teilnehmen. Die Kandidaten sollen genaue und detaillierte Beschreibungen ihres persönlichen Lebens geben, speziell nach dem Ersten Weltkrieg.

Was sind Ihre wichtigsten Erkenntnisse aus diesen Biogrammen?

GIEBEL: Meine These als Ergebnis der Auswertung dieser vielen Hundert Biogramme ist: Wer Nazi werden wollte, wer sein Heil in dieser Ideologie mit überlegener Rasse und Untermenschen suchte und auf Hitler als Erlöser setzte, wurde Nazi – und war dafür allein verantwortlich. Es war eine ganz individuelle Entscheidung, Sie wollten das so.

Und was bedeutete das konkret?

GIEBEL: Brutale Gewaltanwendung, Antisemitismus und sozialdarwinistische Rassenideologie waren von Beginn an vorhanden, ebenso der Wunsch nach einer deutschen, arischen Volksgemeinschaft. Demokratie und Demokraten verachteten sie, stattdessen wollten sie einen Führer. Die Meisten haben sich intensiv mit anderen politischen Strömungen auseinandergesetzt. Sie schlitterten nicht so in den Nationalsozialismus hinein. Ganz individuell war auch die Verantwortung. Jeder trägt für die wesentlichen Entscheidungen in seinem Leben selbst die Verantwortung, damals und heute.

Wie sah es mit dem Widerstand gegen die Nazis aus?

GIEBEL: Es gab Widerstand gegen die Nazis in Familien. „Ich durfte nicht mehr bei meinem Bruder schlafen. Mein Onkel trat in Hungerstreik, nur weil ich an der Spitze einer SA-Kolonne marschierte“, hieß es in einem Biogramm. Es gab auch Widerstand im Betrieb: „Ich schlage Dir mit dieser Schippe dein Nazi-Maul ein, wenn Du weiter redest“, so steht es in einem weiteren Biogramm. Außerdem trat auch die preußische Polizei der SA aktiv entgegen. Die heutige Losung „Wir sind mehr“ ist nicht genug. Ende 1932 hatte die NSDAP 33 Prozent. Die Politiker handelten nicht entschieden gegen die braune Pest. Es hätte einen starken Staat gebraucht, der Demokratie und Freiheitsrechte schützt.

Kommen wir zur Gegenwart. AfD, Pegida, Chemnitz sind die Schlagzeilen für rechtes Gedankengut und Aufmärsche der rechten Szene. Sehen Sie hier Gemeinsamkeiten zum Aufstieg des Nationalsozialismus?

GIEBEL: Dass sich die Menschen abgehängt fühlen. Das kann objektiv so sein, also dass es in ländlichen Regionen nicht so vorwärts geht wie in Städten. Oft ist es aber subjektiv, eher das Gefühl, benachteiligt zu sein. Wenn man sich heute das nördliche Ruhrgebiet ansieht, dort wurde lange nichts mehr investiert, anders als in den neuen Bundesländern. Die Lage an Ruhr und Emscher ist wirklich übel. Aber das widerspiegelt sich nicht im Stimmanteil der AfD. Es schließen sich die zusammen, die sich zurückgesetzt fühlen, meiner Meinung nach häufig gescheiterte Existenzen mit einem primitiven Herrenbewusstsein gegenüber allen anderen, heute besonders gegenüber Flüchtlingen.

Wo gibt es Unterschiede?

GIEBEL: Glücklicherweise ist die wirtschaftliche Lage heute anders. Es geht allen besser als damals. Nach dem Ersten Weltkrieg wurde in der Weimarer Republik nie das Wohlstandsniveau der ausgehenden Kaiserzeit erreicht. Aber das bedeutet für heute auch: was passiert, wenn es wirtschaftlich mal nicht so gut läuft? Die AfD ist nicht die NSDAP und Pegida ist nicht die SA. Es gibt keine charismatische Persönlichkeit wie Adolf Hitler.

Gibt es Gemeinsamkeiten zwischen etwa AfD- und NSDAP-Wählern?

GIEBEL: Verschwörungstheorien. Früher waren es die Juden, die 1933 gerade mal 0,77 Prozent der deutschen Bevölkerung ausmachten, aber es hieß „an allem sind die Juden schuld.“ Heute gibt es die Verschwörung der Lügenpresse, die von ganz, ganz oben gesteuert wird und uns sagt, was wir zu denken

haben.

Verbindet beide Wählergruppen eine völkische/rassistische Ideologie?

GIEBEL: Ja. Denken wir an den pöbelnden Hut-Bürger in Sachsen. Er scheint diese sozialdarwinistische Rassenideologie zu vertreten, die sich früher gegen Juden gerichtet hat und heute gegen Flüchtlinge. Deswegen war er auf der Demo.

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