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Michael Kohlhaas (Adnan Maral) kämpft um sein Recht ? und wird dabei zum blindwütigen Gewalttäter.

Interview mit Adnan Maral

„Jeder glaubt, Recht zu haben!“

Alexander Brill deutet die Erzählung um den kämpferischen Pferdehändler, der sich als Opfer sieht und unbedingt Recht haben will, gegenwartsbezogen als Lehr- und Warnstück über Pegida.

Der Weg in den Hinterhof des Titania führt durch einen klassischen Torbogen: ein kleines gemütliches Theater im Herzen Bockenheims. In den Aufführungssaal passen nicht mehr als 100 Leute. Adnan Maral (48), in Frankfurt aufgewachsen, bekannt aus dem Kinoerfolg „Türkisch für Anfänger“ und zahlreichen Fernsehsendungen, spielt in der Inszenierung „Unser Michael Kohlhaas“ von Alexander Brill nach Heinrich von Kleists Novelle die Figur des Michael Kohlhaas. In dem Ein-Personen-Stück muss Kohlhaas auf einer Reise nach Dresden zwei seiner Pferde verpfänden. Auf dem Rückweg ersucht er darum, sie wieder auszulösen. Jedoch sind die edlen Pferde völlig abgemagert und haben nur noch wenig mit den zuvor wohlgenährten Tieren gemein. So kehrt Kohlhaas ohne seine Pferde heim und reicht Klage gegen das Kurfürstentum Sachsen ein. Da diese abgewiesen wird, greift Kohlhaas zur Selbstjustiz. Er beschließt, sich sein Recht selber zu erkämpfen.

Regisseur Alexander Brill hat die Erzählung als Stück in drei Akten inszeniert. Mit ihm und Schauspieler Adnan Maral unterhielt sich Isabella Gennrich über die Aktualität des Stücks. Während der erste Akt klassisch monologisch beginnt, spiegelt der zweite Akt die aggressive Stimmung des Kohlhaas wider. Der dritte Aufzug besteht aus einer Rede, die das Ende bei Kleist mit der aktuell politischen Lage in Deutschland verbindet.]

Herr Brill, wie kamen Sie auf die Idee, Kleists 200 Jahre alte Erzählung für die heutige Zeit neu zu inszenieren?

ALEXANDER BRILL: Wir leben ja in einer Zeit, in der sich immer mehr gesellschaftliche Gruppierungen radikalisieren. Jede dieser Gruppen glaubt, Recht zu haben, weil sie sagt, sie sei zum Opfer geworden. Und jedes Opfer hat das Gefühl, es könne seinen Opferstatus quasi umdrehen und zum Täter werden. Man sieht allenthalben radikalisierte Menschen. Wenn man hört, welche Aufrufe zur Gewalt heute passieren dürfen – und keiner sagt etwas dagegen! Das ist einfach unglaublich.

Aber es wird doch schon etwas dagegen gesagt . . .

BRILL: Sie meinen Aufrufe von Tatjana Festerling, dass man mit Mistgabel die Parlamente stürmen könne? Ich habe noch nichts davon gehört, dass das Konsequenzen gehabt hätte. Da gibt’s vielleicht mal eine Klage, aber welcher Politiker hat denn da was gesagt! Warum schreit denn da nicht die ganze Elite auf? Da bin ich doch fassungslos, dass so eine Frau überhaupt noch reden darf.

Muss man dann nicht darauf achten, dass die Menschen aus ihrer Opferrolle herausfinden? Und wie kann man das diesen Leuten vermitteln? Durch Kommunikation?

BRILL: Ich wüsste nicht, wie. Die Frage ist, ob man da überhaupt kommunizieren kann.

ADNAN MARAL: Die Frage ist ja, was deren Haltung ist. Was sie dazu veranlasst, diesen Weg zu gehen. Es ist ja auch großteils hanebüchen, wie die am Ende des Tages argumentieren. Also geht es darum, wie weit sie sich öffnen, um eine andere Meinung zuzulassen. Da ist dann der Diskurs gefragt. Und der ist schwierig.

BRILL: Die Gewaltbereitschaft ist im Moment wirklich explosiv. Aber keiner tut was dagegen.

In Ihrer Inszenierung wird die Pegida-Hymne gespielt, wenn es um die fanatisierten Massen geht. Wieso nutzen sie gerade diesen Vergleich zur heutigen politischen Lage?

MARAL: Die Pegida nutzt natürlich die Gelegenheit, um das in ihrem Sinn zu drehen. Wir haben ja zur Zeit immer wieder die Situation, dass Unrecht passiert. Und wer ist in den Augen dieser Leute immer schuld? Natürlich die Politik! Ich frage mich, was in den Köpfen der Menschen vorgeht – sie reden nicht mehr miteinander, sie haben nur noch ihre Haltung zu etwas. Es gibt gar keine Demokratie mehr in den Köpfen dieser Menschen. Es gibt eine Wahrheit, die sie für sich gepachtet haben, und diese Wahrheit wird zusätzlich unterfüttert in den sozialen Netzwerken, mit Videos, ob die nun echt sind oder nicht. Wir leben in einem Zeitalter, in dem wir alles fälschen können, aber wir glauben trotzdem daran, dass das, was wir sehen können, die Wahrheit ist. So schaffen wir uns Wahrheiten und glauben, dass wir damit auch noch im Recht sind.

BRILL: Jeder sucht sich seine Wahrheit da, wo er glaubt, sie zu finden. Deswegen ist das Internet ein solcher Horrorplatz, weil dort jeder Unsinn publiziert werden kann. Im Netz findest du immer Verbündete. Da ist Platz für jeden Mist. Bei der Presse arbeiten ausgebildete, fachkundige Menschen, aber im Internet kann jeder schreiben.

Die Bezüge zu Kleists Originaltext sind ja relativ eng. Wie stehen die Akte zueinander?

BRILL: Der erste Teil zeigt Kleist in seiner ganzen Größe und Ambivalenz. Man kann Kleist nur dann wie die Nazis missdeuten, wenn man die Figuren ihrer Widersprüche entkleidet und sie eindeutig macht. Das heißt, der erste Teil arbeitet die ganze Ambivalenz der Kohlhaas-Figur heraus, die immer wieder versucht, Recht zu bekommen. Der zweite Teil arbeitet immer noch mit dem Originaltext von Kleist, aber ohne Widersprüche. Es gibt nur noch Hauptsätze, denn der Krieg in sich kennt keine Ambivalenz. Das ist die Vorbereitung für den dritten Teil.

Gibt es eine Stelle, an der Sie sagen würden: Hier hat Kohlhaas falsch gehandelt?

BRILL: Die einfachste Lösung wäre doch, dass er sagt, er nähme seine Pferde zurück. Dann wäre die Sache gegessen.

MARAL: Er ist der beste Pferdezüchter des Landes! Er könnte sie mitnehmen, sie wieder hochzüchten. Dann wäre das Problem gelöst. Ich hab so oft während der Arbeit an dem Stück gedacht: „Boah Digga, nimm deine Pferde, und gut ist.“ Natürlich hat Kohlhaas Recht. Aber was willst du machen, wenn du kein Recht bekommst?

Also können Sie sich nicht wirklich mit diesem Kohlhaas identifizieren?

MARAL: Ich? Persönlich als Adnan? Nein! Diese Figur ist überhaupt nicht mein Ding. Das ist einerseits das Schwierige und andererseits das Tolle daran, dass die Rolle so weit weg von mir ist. Aber das ist eine ungeheure Sturheit von Kohlhaas. Das ist Wahnsinn, das hört ja gar nicht auf.

BRILL: Ich würde nie zu Gewalt greifen, aber ich verstehe ihn. Was wir mit unserer Inszenierung eigentlich erzählen wollen ist, dass man am Ende des ersten Aktes sagt: „Ich verstehe das Handeln des Kohlhaas.“ Im zweiten Akt möchte ich, dass der Zuschauer denkt: „Du Drecksau, du feierst die Toten.“ Kohlhaas tanzt ja dabei! Das heißt, im zweiten Akt kehrt sich die Perspektive um: Wo man vorher sagt, man versteht ihn, sagt man jetzt, dass das so absolut nicht geht. Wie es nun mal üblich ist, verselbstständigt sich Rache ja immer mehr.

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