Interview

„Jeder Mensch ist wertvoll“

Tobias Rossbach pflegte in seinem ersten Berufsleben Pflanzen. Heute widmet er sich Gott – als spätberufener katholischer Priester. Wie sich seine Werte wandelten, darüber hat PJZ-Autorin Elena Liederbach mit ihm gesprochen.

Herr Rossbach, Sie arbeiteten fast 15 Jahre als Gärtner, waren fast 40 Jahre alt, planten eigentlich eine Familie und das Anwesen Ihrer Eltern zu übernehmen – was ist passiert, dass Sie auf einmal katholischer Priester werden wollten?

TOBIAS ROSSBACH: In den letzten Jahren als Gemeindegärtner in Waldmichelbach spürte ich schon die Unzufriedenheit, mit dem, was ich tue. Ich engagierte mich in der Heimatpfarrei und überlegte, ob ich nicht noch mehr tun könnte. Doch Diakon zu werden war ein ungenügender Kompromiss. Ich wollte Priester werden! Ich fühlte mich für Gott bestimmt, wollte ihm mein Leben widmen und war sicher, darin mein Glück zu finden.

Sie gaben Ihr freies Leben für ein Amt auf, das viele Menschen mit Verzicht verbinden. Wie erklärten Sie Ihrer Familie diesen Wertewandel?

ROSSBACH: Ich fragte meine Mutter, ob sie es sich vorstellen könne, dass ihr einziger Sohn Priester würde. Sie hat mich sofort unterstützt. Da ich bereits 40 Jahre alt war, musste ich im Bistum Mainz erst prüfen, ob es klappen könnte. Der Regens, der Ausbildungsleiter für die Nachwuchspriester, erkannte, dass es mir sehr ernst ist und nahm mich auf.

Was ist die Grundvoraussetzung, um Priester werden zu können?

ROSSBACH: Man muss überzeugt sein, dass man von Gott gerufen ist. Und diese innere Überzeugung, diese tiefe Verbundenheit mit Gott und Jesus Christus, muss auch die Mitmenschen überzeugen, die einen auf seinem Weg immer wieder begegnen und begleiten.

Sie haben nun eine lange Ausbildung absolviert, sind zum Priester geweiht und arbeiten als Kaplan in der katholischen Kirche in Langen. Wenn Sie auf Ihr früheres Leben schauen – wie haben sich Ihre Werte verändert?

ROSSBACH: Beziehungen zu Menschen sind mir zunehmend wertvoll. Ich spüre, dass ich in und für Beziehungen lebe. Das ist das Wichtigste in meinem Leben. Ihren Ursprung haben sie für mich in Gott. Ich glaube daran, dass man erst eine Beziehung zu Gott haben muss, um daraus gute Beziehungen zu entwickeln. Jeder Mensch, der mir begegnet, ist wertvoll und ein Geschenk Gottes. Dieses Wissen prägt mein Verhältnis zu meiner Umwelt und meinen Werten. Mein persönlich wichtigster Wert im Leben ist Respekt. Jeder Mensch ist von Gott geliebt, unabhängig von seinen Eigenarten. Entsprechend behutsam und respektvoll sollte man im Umgang mit seinen Mitmenschen sein.

Früher hatten Sie mit Pflanzen zu tun. War Respekt in dieser Lebensphase auch der bestimmende Wert für Sie?

ROSSBACH: Respekt vor der Natur, der Umwelt, den Mitmenschen – das hat sich wie ein roter Faden durch mein Leben gezogen. Meine Eltern haben mir christliche Werte immer vorgelebt. Es gab bei uns in der Familie nie einen Konflikt, wo man den Respekt voreinander vergessen hätte. Dennoch: Als ich im Gärtnerberuf eine Führungsposition inne hatte, war es wichtig, dass der Laden läuft. Durch den Arbeitsdruck war es nicht immer möglich, mein Prinzip von Respekt zu leben. Wenn ich heute daran zurück denke, habe ich daraus gelernt und achte heute eher darauf, was Menschen eigentlich brauchen. Jesus hat sein Leben hinten angestellt und für andere gelebt. Er sollte ein Vorbild für uns Menschen sein, auch wenn wir sein Tun nur begrenzt erreichen können.

Dass Gott heute solchen Wert in Ihrem Leben einnimmt, verstehen viele nicht. Wie gehen Sie damit um?

ROSSBACH: Für die meisten meiner Mitmenschen war es gar keine Überraschung, dass ich den Weg ins Priesteramt einschlug. Das hat mich am meisten überrascht, dass sie sagten: „Das war uns schon immer klar, wir haben nur darauf gewartet, dass Du das tust!“ Dennoch gab es auch Unverständnis: „Der hat doch einen sicheren Job, ein Haus, ein gutes Einkommen – warum will der plötzlich Priester werden?“ Da spürte ich schon die unterschiedliche Werteauffassung. Was hat einen Wert im Leben eines Menschen? Was ist mehr wert? Die Sicherheit oder das Risiko?

Verzicht auf Familie und Partnerschaft, was bedeutet das für Sie?

ROSSBACH: Die Lebensweise eines Priesters ist ein Verweis auf Jesus, der ganz für Gott gelebt hat, ohne Familie und Partnerschaft. Aber er war nicht allein, er hatte Familie. Und vor allem hatte er Freunde! Ein Priester sollte ebenfalls seine verwandtschaftlichen Beziehungen und Freundschaften pflegen, damit er nicht isoliert ist. Klar habe ich nicht direkt jemanden greifbar, wenn es darum geht, Alltagserfahrungen und Probleme zu besprechen. Aber es gibt Menschen, zu denen ich damit kommen kann. Vieles trage ich auch vor Gott, und es ist wichtig, dass die Beziehung zu ihm in Ordnung ist, damit ich nicht im Alltag untergehe.

Was lieben Sie am Priester-Leben?

ROSSBACH: Es ist ein Beruf, der mit Menschen zu tun hat, er ist abwechslungsreich, spannend und erfüllend. Es geht darum, den Menschen etwas mitzugeben, das ihnen Kraft gibt und ihnen Wege zu zeigen. Menschen zu trösten, ihnen Rat und Hilfe zu geben, den Glauben an Jesus und Gott nahe zu bringen – das ist schön. Aber es gibt auch die schwierigen Fälle, die mir Kraft rauben. Aber genau da hilft mir wieder der Wert, der mein Leben bestimmt – Respekt.

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