Rusen Cikar ist ein junger Stadtverordneter

Die Jugend von heute interessiert sich wieder mehr für Politik

Jugendliche interessieren sich nicht für Politik, stimmt’s? Stimmt nicht. Folgt man den Ergebnissen der jüngsten Shell-Jugendstudie, gibt es wieder einen Aufwärtstrend.

Von REBECCA LOREI

In der Öffentlichkeit hält sich das Klischee weiterhin hartnäckig: Jugendliche wählen nicht und interessieren sich schon gar nicht für Politik. Laut der renommierten Shell-Jugendstudie ist das politische Interesse der Jugendlichen aber wieder gestiegen. 2015 waren es 41 Prozent der Zwölf- bis 25-Jährigen, die Politik interessant fanden (zum Vergleich 2002: 34 Prozent). Das Vertrauen gegenüber Parteien besserte sich aber nicht.

Ist die Arbeit in einer Partei denn wirklich so „uncool“, wie man denkt? Nein, sagt Rusen Cikar. Der 25 Jahre alte Jura-Student ist seit 2012 für die SPD in Oberursel aktiv, obwohl Politik ursprünglich überhaupt nicht zu seinem Plan gehörte: „Ich hatte damals nicht den direkten Wunsch, jetzt unbedingt in die Politik gehen zu müssen“, erklärt er, „ich bin vielmehr über Personen und Kontakte hineingeführt worden. Ein grundlegendes Interesse an Politik war aber natürlich vorhanden.“ Cikar ist das jüngste Mitglied der Stadtverordnetenversammlung in Oberursel und arbeitet im wichtigen Haupt- und Finanzausschuss mit.

Sein politisches Engagement bedeutet aber auch vor allem eines: Zeitmanagement. „Es stimmt schon, dass man seine Zeit gut einplanen muss, wenn man Politik und Studium unter einen Hut bringen möchte.“ Trotzdem sollte man sich nicht abschrecken lassen, argumentiert Cikar. Spaß macht es ihm nämlich vor allem dann, wenn man sehen kann, wie theoretische Ideen in die Praxis umgesetzt werden. „Es muss nur ein Anstoß von einem einzigen Fraktionsmitglied kommen, und schon kann es sein, dass ein Beschluss in die Tat umgesetzt wird.“

Aber auch er hat in seinem Freundeskreis bemerkt, wie es um das Vertrauen für Parteien steht. „Mittlerweile bekomme ich zwar Zuspruch, aber mit dem positiven Feedback kommt auch meist die Ergänzung, dass Politik für sie selbst nichts wäre.“ Diese Meinung teilt auch Cikar, wenn es um seine politische Zukunft geht. „Ich habe viel Spaß an meinem Studium und werde über den Status eines ehrenamtlichen Kommunalpolitikers nicht hinausgehen.“

Laut der Shell-Jugendstudie ist Rusen Cikar eher die Ausnahme. Der 25-Jährige sieht das Problem der Parteiverdrossenheit in den fehlenden direkten Bemühungen. „Parteien müssen auf persönlicher Ebene öfter auf die Menschen zugehen“, sagt Cikar. „Jugendliche vertrauen den Parteien einfach nicht, können sich nicht mit den Politikern identifizieren. Eine charismatische Figur könnte dabei behilflich sein, reicht aber sicherlich nicht aus, um das Vertrauen auch längerfristig wiederaufzubauen und zu stärken.“

Aber warum scheint das Interesse der Jugendlichen an politischen Themen überhaupt zu steigen? „Das liegt an den aktuellen Aufregerthemen“, sagt Conrad Clemens, Bundesgeschäftsführer der Jungen Union (JU). „Themen wie die aktuelle Flüchtlingspolitik erregen Aufsehen und berühren die Menschen emotional. Jugendliche vertreten eine klare und starke Meinung und sind diskussionsfreudiger geworden.“

Die JU ist als gemeinsame Organisation aus den Parteien CDU und CSU einer der stärksten politischen Jugendverbände. 115 000 Mitglieder hat sie derzeit zu verzeichnen. Allerdings merkt man auch dort: Jugendliche interessieren sich für Politik, aber weniger für Parteien. Das nötige Vertrauen fehlt.

Obwohl 72 Prozent der Jugendlichen der Meinung sind, das Wählen sei eine Bürgerpflicht, verliert die Junge Union 2000 bis 3000 Mitglieder im Jahr. „Die Parteien schaffen es nicht, Jugendliche für sich zu begeistern“, erklärt Clemens, „Parteien sind oft nicht flexibel genug, denn der Generation Smartphone, in der man innerhalb von 15 Minuten einen Fitnessstudiovertrag abschließen kann, dauern Parteiprozesse meist zu lang.“

Wichtig sei vor allem, Themen zu finden, die Jugendliche auch wirklich interessieren. Wenige von den 14- bis 35-Jährigen, die in der JU Mitglied sind, hätten zum Beispiel schon selbst Erfahrungen mit Steuern oder Altersvorsorge gemacht. „Andere Themen sind für sie wichtiger.“ Darauf müsse sich die JU einstellen.

Seit einem Jahr ist der 32 Jahre alte Clemens nun Bundesgeschäftsführer der Jungen Union – und es hat sich einiges getan: „Die Jugendlichen wollen richtig Politik machen. Deshalb haben wir beispielsweise unseren Deutschlandtag, unser bundesweites Delegiertentreffen, verändert: Wir haben unter anderem den ,heißen Stuhl’ eingeführt, auf dem ein Politiker nur 30 Sekunden hat, um Fragen zu beantworten.“

Statt sich Parteien anzuschließen, lassen sich Jugendliche eher von anderen Organisationen begeistern.

Ein gutes Beispiel

ist die BUNDjugend, die umweltpolitisch aktiv ist. Bundesgeschäftsführer Gert Sanders sagt: „In den vergangenen Jahren war ein steigendes Interesse beispielsweise für die Themen Freihandel im Rahmen der Abkommen TTIP und CETA und internationale Klimapolitik deutlich zu spüren, was sich auch in direktem Engagement widergespiegelt hat.“

Die Mitgliederzahlen bei der BUNDjugend steigen. 2013 waren es etwa 57 000 Mitglieder, im Jahr 2014 waren es rund 61 000.

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