Landesjugendsinfonieorchester

Jugend spielt die erste Geige

Josefine Brockmann aus Oberursel lässt ihren vollgepackten Koffer einladen und steigt in den Bus. Die Fahrt geht nach Schlitz, wo das Landesjugendsinfonieorchester (LJSO) ein Konzertprogramm erarbeiten wird.

Von MERLE KÖRBER

Josefine Brockmann aus Oberursel lässt ihren vollgepackten Koffer einladen und steigt in den Bus. Die Fahrt geht nach Schlitz, wo das Landesjugendsinfonieorchester (LJSO) ein Konzertprogramm erarbeiten wird. Sie ist mit ihren knapp 14 Jahren aktuell die jüngste Musikerin und das erste Mal dabei. „Ich bin schon ein wenig aufgeregt“, gesteht sie offen. Sie spielt seit ihrem fünften Lebensjahr Geige und bekommt Unterricht bei der Frankfurter Violinistin Gudrun Jeggle, die momentan noch vier weitere Schüler im LJSO hat. Nachdem Josefine beim Probespiel im Mai des vergangenen Jahres gezeigt hat, was sie kann, ist sie nun Anwärterin auf einen Platz als festes Mitglied im Orchester. Unter den Musikern werden die Anwärter, die ihre Probearbeitsphase absolvieren, liebevoll „PAPs“ genannt.

Auf dem Programm der knapp zwei Übungswochen stehen dieses Mal die Ouvertüre zu Coriolan von Beethoven, Tschaikowskys Violinkonzert D-Dur sowie Tschaikowskys vierte Sinfonie. Besonders auf die diesjährige Solistin Christa-Maria Stangorra sind alle sehr gespannt, sie wird jedoch erst am fünften Januar gegen Ende der Arbeitsphase zum Rest des Orchesters stoßen.

Gleich am ersten Tag steht die „Crashprobe“ an. Das gesamte Programm wird ein erstes Mal gemeinsam durchgespielt. Auch wenn noch einiges schiefgeht, macht es viel Spaß. Nicolás Pasquet, der Chefdirigent des Jugendorchesters, krempelt seine Hemdsärmel hoch, hebt den Taktstock, der ihm, wie er später erzählt, schon über viele Jahre ein treuer Begleiter war, und die Probe beginnt. Ein Großteil der Feinarbeit wird in den nächsten vier Tagen in den Registerproben geleistet. Jede Instrumentengruppe übt für sich alleine und wird dabei von einem Dozenten oder einer Dozentin angeleitet. Josefine wird mit den zweiten Geigen von Katrin Sulzberger betreut, einer Musikerin des Nationaltheater-Orchesters Mannheim.

Dieser Teil der Arbeitsphase verlangt den Jugendlichen viel ab. Der Tagesablauf ist streng organisiert, in acht Stunden Probe wird an den musikalischen Details gefeilt. In der wenigen freien Zeit wird Tischkicker gespielt. Man kann den anderen dabei zusehen und sie anfeuern, gegen seine Freunde spielen und mit etwas Können seinem Gegner eine Pizza oder ein Getränk abgewinnen.

An einem Abend ist die Anspannung bei Josefine und den anderen Anwärtern besonders groß: Am bunten Abend finden traditionell die PAP-Spiele statt. In diesem Jahr müssen die Neuen vor dem ganzen Orchester ein eigenes verfasstes Theaterstück zu einem vorgeschriebenen Thema vortragen.

Ausnahmsweise zählt hier nicht nur spielerisches Können, sondern vor allem Humor und Schlagfertigkeit. Es wird in zwei Teams gegeneinander angetreten. Die Gewinner werden durch die Lautstärke des folgenden Applauses ermittelt. Für den folgenden Vormittag ist keine Probe angesetzt, ab dem Nachmittag wird aber wieder die volle Konzentration erwartet.

Um musikalische Vorstellungen zu verdeutlichen, werden häufig sprachliche Bilder genutzt. So vergleicht Pasquet den unerbittlichen Klang der Blechbläser am Anfang der Sinfonie mit einem Laserschwert: „Stellt euch vor, jemand brennt euch ein ,S’ auf die Brust – nicht für Superman, sondern für Schicksal!“ Langsam lassen sich die einzelnen Tücken jedes Satzes erkennen. So neigen die Streicher beim dritten Satz der Sinfonie dazu, rhythmisch nach vorne zu fallen, womit sie den Bläsern das Leben schwer machen. „Wer hier rennt, ist unfair“, mahnt Dirigent Pasquet.

Nach den langen Probentagen verbringt Josefine ihre freie Zeit gerne mit den Mädchen aus ihrem Zimmer. Es werden auf einem mitgebrachten Laptop Filme angeschaut und Musik gehört. Lautstark wird mitgesungen, und Josefine überrascht die anderen mit ihrer Schwäche für den amerikanischen Rapper Eminem.

Zur Generalprobe erscheint das Orchester wie in jedem Jahr im Schlafanzug. Der Druck ist nun deutlich höher. Das Programm wird erstmals vollständig durchgespielt damit jeder übt, sich seine Kräfte einzuteilen. Dirigent Pasquets gerunzelte Stirn zeigt den jungen Musikern, dass er mit dieser Leistung noch nicht zufrieden ist. Er nennt es „Generalprobensyndrom“.

Direkt auf die Probenwochen folgen zwei Konzerte: In Schlitz vor ausverkauftem Saal und in der Erlöserkirche in Kassel zeigt sich, was das Orchester erarbeitet hat, und der lange Applaus der Zuhörer und ein strahlendes Lächeln des Dirigenten sprechen für sich.

Nach zwölf spannenden, aber auch anstrengenden Tagen ist Josefine am Sonntag wieder zu Hause. Es folgen noch zwei weitere Konzerte in Büdingen und Münster. Und wenn Dirigent, Dozentin und ihre Stimmgruppe mit ihrer Leistung zufrieden waren, wird die Oberurselerin in der nächsten Arbeitsphase an Ostern als festes Mitglied im Landesjugendsinfonieorchester dabei sein.

Merle Körber (16 Jahre) aus Oberursel ist Teilnehmerin des Projektes Junge Zeitung, in dem junge Leute ab 16 Jahren Zeitung machen. Es hat im September begonnen und mündet in den 13. Februar. Die Ausgaben der Frankfurter Neuen Presse für diesen Tag werden komplett von PJZ-Teilnehmern gestaltet.

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