Prof. Dr. Stefan Rehart
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Prof. Dr. Stefan Rehart

Große FNP-Gesundheitsserie

So läuft es sich wie geschmiert

  • Stefanie Liedtke
    VonStefanie Liedtke
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Jahrelang hat er sich gequält. Hat die nagenden Schmerzen ausgehalten, die schlaflosen Nächte, jeder Schritt war eine Tortur. Heute spielt der 68-Jährige wieder Tennis, nicht trotz, sondern dank des künstlichen Hüftgelenks.

Jahrelang hat er sich gequält. Hat die nagenden Schmerzen ausgehalten, die schlaflosen Nächte, jeder Schritt war eine Tortur. Heute spielt der 68-Jährige wieder Tennis, nicht trotz, sondern dank des künstlichen Hüftgelenks. Fälle wie diesen – Prof. Dr. Stefan Rehart kennt sie zuhauf. „Das ist eine Lebensqualitätsoperation“, sagt der Leiter der Klinik für Orthopädie und Unfallchirurgie am Frankfurter Agaplesion Markus Krankenhaus.

Früher, als es noch keinen Gelenkersatz gab, seien Arthrosepatienten irgendwann bettlägerig geworden, hätten eine Thrombose bekommen und seien gestorben. „Heute stehen die Leute noch am Tag der Operation wieder auf und laufen“, schildert Rehart, betont aber, dass es nicht darum gehe zu operieren: „Es geht darum, die Operation zu vermeiden.“

Ist ein Gelenk, egal ob Knie oder Hüfte, verschlissen, muss am Anfang immer die konservative Therapie stehen: Krankengymnastik, Massagen, Fango, Bandagen, Reizstrom, Akupunktur und entzündungshemmende Medikamente – „wir haben einen ganzen Strauß von Möglichkeiten. Oft reicht das“, weiß der Orthopäde. Auch die Patienten sind gefragt. Häufig können sie selbst einiges tun, um der Arthrose entgegenzuwirken, denn Übergewicht und Bewegungsmangel sind genauso Gift für die Gelenke wie übermäßiger Sport. Wer hier an sich arbeitet – sich also eine gelenkschonende Sportart sucht wie Nordic Walking, Schwimmen, Radfahren, Tanzen oder Skilanglauf – und ein gesundes Gewicht erreicht, kann eine Operation häufig um Jahre hinauszögern.

Bewegung ist deshalb so wichtig, weil sich dadurch Gelenkschmiere bildet, die den Gelenkknorpel nährt. Dann läuft es sich – sprichwörtlich – wie geschmiert. Ist nicht genügend Gelenkschmiere vorhanden, nutzt sich der Knorpel schneller ab und der Gelenkverschleiß schreitet voran.

Arthrose entsteht schon mit 20 bis 30 Jahren

In Deutschland leiden zwischen zehn und zwölf Millionen Menschen an Arthrose. Die ersten Symptome treten in der Regel ab dem 60. Lebensjahr auf. Seinen Anfang nimmt der Gelenkverschleiß oft jedoch schon in jungen Jahren, wenn der Knorpel verletzt wird oder Risse bekommt. Dazu können übermäßiger Sport und Kontaktsportarten mit hohem Verletzungsrisiko beitragen: „Fußball, Handball, Kampfsportarten“, nennt Rehart Beispiele. „Arthrose entsteht schon mit 20, 25, 30 Jahren. Dann beginnt ein langsamer, stummer Verlauf. Eigentlich müsste man da schon mit der Behandlung ansetzen.“

In den meisten Fällen bleiben Knorpelschäden unbemerkt, weil der Knorpel selbst schmerzunempfindlich ist. Knieverletzungen sollten Betroffene deshalb nicht auf die leichte Schulter nehmen, mahnt Rehart: „Wenn es dick wird, muss man genauer hinschauen.“ Zwar können die Mediziner Knorpelzellen nicht reparieren, sie können den Schaden aber eindämmen.

Auch Übergewicht belastet die Gelenke und führt dazu, dass sie schneller verschleißen, genauso wie das Rauchen. Bei Frauen kommt das erhöhte Osteoporoserisiko hinzu: Im Alter nimmt die Knochendichte ab, die Knochen brechen schneller und nutzen sich rascher ab. Jede dritte Frau ist betroffen. Um vorzubeugen rät Rehart Frauen, während der dunklen Jahreszeit Vitamin D zu sich zu nehmen. Anfangen sollten sie damit bereits zehn Jahre vor Beginn der Wechseljahre. „Alle anderen Nahrungsergänzungsmittel bringen gar nichts“, betont der Experte. Ähnliches gelte für das Spritzen von Hyaluronsäure. „Damit wird verdammt viel Geld gemacht“, kritisiert Rehart.

Macht sich eine Arthrose schließlich bemerkbar, dann zumeist aufgrund einer Entzündung. Das Gelenk schwillt an, schmerzt, die Beweglichkeit nimmt ab. Im Endstadium der Arthrose verformen sich die Gelenke regelrecht. Um festzustellen, wie weit der Verschleiß fortgeschritten ist, gehören neben der körperlichen Untersuchung und dem Blutbild auch Röntgenaufnahmen und ergänzend eventuell eine Ultraschalluntersuchung dazu. MRT-Bilder sind, sagt Rehart, nur in Ausnahmefällen nötig. Ist der Verschleiß noch nicht so stark ausgeprägt – also auf einer Skala von 1 bis 4 in Stadium 1 oder 2 – könne man über eine Spiegelung versuchen, den Verlauf der Gelenkabnutzung zu verlangsamen, so Rehart. Bei fortgeschrittener Arthrose in den Stadien 3 und 4 sei dies jedoch „sinnlos“. Der entscheidende Faktor für eine Operation sei die Lebensqualität des Patienten. „Wenn man keinen Schritt mehr ohne Schmerzen tun und keine Nacht mehr schlafen kann, ist der Zeitpunkt erreicht. Dann ist der endoprothetische Ersatz richtig, und dann hilft er auch – und zwar unabhängig vom Alter“, sagt Rehart. „Ein ansonsten gesunder 99-Jähriger bekommt eine Prothese.“

Hüft- oder Kniegelenkoperation ist ein Routineeingriff

Die Operation ist heute längst kein so belastender Eingriff mehr, wie er es einmal war. Patienten müssen vor der OP weder zur Eigenblutspende noch danach an Krücken laufen. Natürlich muss die Wunde heilen, die Fäden müssen raus, und nach dem Klinikaufenthalt steht eine dreiwöchige Reha an. Aber bereits nach drei Monaten „ist aus einem großen Problem eine praktisch normale Situation geworden“, schildert Rehart. Patienten könnten wieder alles machen, nur nicht unbedingt Sportarten mit hoher Sturzgefahr.

Das größte Risiko bei einer Gelenkersatz-Operation sei ein bakterieller Infekt, sagt Rehart. Kommt es dazu, „ist das ein Riesenproblem“. Patienten müssen noch einmal unters Messer, unter Umständen muss die Prothese entfernt und bei einer weiteren Operation neu eingesetzt werden. Im schlimmsten Fall muss das Gelenk versteift werden. Wenn die Hygienestandards eingehalten würden, sei dies jedoch selten, betont Rehart.

Ein künstliches Hüft- oder Kniegelenk zu implantieren – das ist heutzutage ein Routineeingriff, den Ärzte in deutschen Kliniken jährlich jeweils 200 000 Mal durchführen. Eine Zahl, die oft kritisiert wird, weil die Bundesrepublik hier Spitzenreiter im europäischen Vergleich ist. Berücksichtige man die Schwere der Erkrankung und die gesellschaftliche Situation, relativierten sich, anders etwa als bei Wirbelsäulenoperationen, diese Zahlen, argumentiert Rehart.

Patienten mahnt der Orthopäde dennoch zur Vorsicht, „wenn jemand sehr schnell mit der Operation bei der Hand ist. Eine gesunde Skepsis ist immer angezeigt“. Wer sich nicht sicher ist, sollte eine zweite Meinung einholen.

Wissenswertes

66 Tipps für ein aktives Leben mit 66+

Ein Geheimtipp für Senioren, die sich gesund ernähren und fit bleiben wollen, ist die kostenlose Broschüre „66 Tipps für ein genussvolles und aktives Leben mit 66+“. Sie gibt auf unterhaltsame und verständliche Weise alltagstaugliche Tipps rund um die Themen Ernährung und Bewegung. Von Rezepten über Hockergymnastik bis hin zur Leih-Oma- und -Opa-Vermittlung finden Interessierte hier ansprechend illustriert zahlreiche Anregungen für ein aktives Leben mit 66+. Herausgeber der Broschüre ist das Bundesministerium für Ernährung und Landwirtschaft. Wer sich dafür interessiert, kann die Broschüre bestellen, indem er eine E-Mail schreibt an in-form@ble.de  . Den Namen der Broschüre und die eigene Adresse nicht vergessen!    stef 

Apps fürs Smartphone weisen Weg zum WC Wer kennt das nicht: Beim Stadtbummel muss man plötzlich dringend auf die Toilette – doch weit und breit ist kein öffentliches WC in Sicht. Helfen können da kostenlose Apps fürs Smartphone, die den Weg zur nächsten Toilette weisen wie „Toilet Finder“ oder „WC-Finder“.    stef 

Wer zu wenig trinkt, riskiert Aussetzer

Wenn Senioren plötzlich verwirrt sind, kann das ein Zeichen von Flüssigkeitsmangel sein. Darauf weist der Bundesverband der Verbraucherzentralen hin. Weil bei vielen älteren Menschen das Durstgefühl nachlässt, sind sie besonders gefährdet, zu wenig zu trinken.    stef   

Fakten

3368 Menschen sind im vergangenen Jahr auf deutschen Straßen ums Leben gekommen. Die Zahl der Verletzten stieg nach Angaben des Statistischen Bundesamtes um vier Prozent auf rund 389 000. 2,6 Millionen Bundesbürger haben im vergangenen Jahr Geld aus der Pflegeversicherung bezogen. 67  Prozent der Leistungsbezieher sind 75  Jahre und älter. Die Ausgaben insgesamt beliefen sich gemäß Daten des Bundesgesundheitsministeriums auf 24,2  Milliarden Euro. 139 214  Blinddarm-Operationen haben Mediziner 2012 in Deutschland durchgeführt. Bei Kindern und Jugendlichen unter 20  Jahren war es mit 40 821  Operationen der häufigste Eingriff überhaupt. Das geht aus Daten des Statistischen Bundesamtes hervor.

Link-Tipp

Wer sich über Inkontinenz informieren möchte oder Ansprechpartner sucht, für den ist die Seite der Deutschen Kontinenzgesellschaft eine gute Adresse: .

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