Schreibzimmer des Literaturhauses

„Man gibt etwas von sich preis“

Jugendliche im Alter von 14 bis 18 Jahren üben sich in Prosa und Lyrik. Schreibwerkstätten für junge Leute bietet das Literaturhaus Frankfurt seit zehn Jahren an.

Von CARINA ABEL

Stille herrscht im Literaturhaus in Frankfurt an diesem Samstagmorgen. Im Lyrik-Schreibzimmer arbeiten alle konzentriert an ihren Gedichten. Um am Schreibzimmer teilzunehmen, mussten sich die Jugendlichen bewerben und Textproben einsenden. 60 Bewerbungen gab es. 23 Teilnehmer aus ganz Deutschland wurden ausgewählt. Jetzt sitzen sie zusammen, in zwei Räumen. Die Autorin Tamara Bach betreut den Prosa-Bereich, Björn Kuhligk den Lyrik-Bereich. Beide arbeiten mit den Jugendlichen an mehreren Wochenenden. Es ist ein Wechsel zwischen stillem Schreiben und angeregter Diskussion. Man ist zusammen, und doch ist jeder immer wieder alleine – mit sich, seinen Gedanken, seinen inneren Bilderwelten, auf der Suche nach den treffenden Worten. Manche sitzen am Tisch, andere haben sich mit Blatt und Stift in die Sitzecke zurückgezogen, auf bunte Stühle und Sessel. Die Atmosphäre im Schreibzimmer wirkt einladend, ein gemütliches Wohnzimmer-Gefühl.

Leonie Klendauer nimmt schon zum zweiten Mal am Schreibzimmer teil. Sie ist 18 Jahre alt und wohnt in Wiesbaden. Im ersten Jahr war sie beim Prosa-Schreibzimmer dabei, diesmal hat sie sich für den Lyrik-Bereich beworben. Sie schreibt gerne Kurzgeschichten und Gedichte, und zwar regelmäßig, ein Mal pro Woche ein Gedicht und eine Kurzgeschichte. Stift und Papier liegen immer auf ihrem Nachttisch, verrät sie. Ideen sammelt sie aus allem, was sie erlebt.

Dass Schreiben ihr Freude macht, habe sie entdeckt, als sie zwölf Jahre alt war. Und natürlich liest sie auch gerne: Ernest Hemingway, Walt Whitman und E. E. Cummings. Die Abiturientin besucht einen Deutsch-Leistungskurs und kann sich vorstellen, zukünftig auch beruflich mit dem Schreiben zu tun zu haben. Ein eigener Roman? Vielleicht, irgendwann.

Schreiben braucht Mut. Und in Leonies Augen braucht man für Gedichte vielleicht sogar noch ein bisschen mehr Mut als für Prosa: „Gedichte sind einfach persönlicher als Geschichten“, sagt sie und erläutert: „Man gibt etwas von sich preis.“ Das steigert bisweilen die Nervosität der jungen Autoren. Wohl schreibt ja eigentlich jeder für sich selbst, dennoch schwingt der Druck mit: Im Schreibzimmer lesen sich die Teilnehmer ihre geschriebenen Werke vor. Jeder seines. Manchmal zwei Mal. Und dann wird darüber gesprochen.

Feedback bekommen ist das eine, Feedback geben das andere. Leonie findet es schwierig, Feedback zu geben. Die Teilnehmer gehen behutsam miteinander um, wollen nicht verletzen, aber doch klar formulieren, was sie empfinden. Daran wachsen sie.

Leonie will ihren Schreibstil verbessern und hat schon im ersten Jahr viel über den Aufbau von Erzählungen und die Entwicklung von Figuren gelernt. In der Schreibwerkstatt lerne sie, freier zu werden beim Schreiben, sagt sie. Außerdem hat sie eine ihrer besten Freundinnen im Schreibzimmer kennengelernt. Björn Kuhligk ermahnt die Teilnehmer, mit dem ersten Gedicht zum Ende zu kommen. An diesem Morgen ist es mit schwerer Kost losgegangen. Gesetzt ist das Szenario eines Krankenhauses. Als Basis für ihre eigenen Texte, als Inspiration und um ins Thema hinein zu kommen, hatte Kuhligk die Gruppe eingangs assoziieren lassen.

Auf dem Flipchart steht die Sammlung von Begriffen: stickig, Schlauch, steril, Ärzte, Klappern, Bett, Angst, hell, Blut, schlafen, warten, piepsen. . . eine Sammlung, kreuz und quer, Adjektive, Nomen und Verben. Das ist alles. Jetzt sind die Teilnehmer dran. Aus welcher Perspektive sie schreiben, ist offen, Aber ein Punkt muss noch besprochen werden: Sollte dieses Gedicht sich reimen? Wäre das ein gute Idee? Björn Kuhligk gibt zu bedenken, dass ein gereimtes Gedicht wie ein Lied funktioniert und Harmonie herstellen soll. Reime wirken fröhlich. Passt das?

Die letzten Momente des Schreibens sind nach einer halben Stunde fast rum. Die ersten Texte sind fertig, Teilnehmer tauschen untereinander ihre Blöcke, lesen gegenseitig, was der andere geschrieben hat – kommentarlos. Jetzt geht es ans Vorlesen. Erstmal klingt alles wunderbar. Beim zweiten Mal Hinhören scheinen Gedichte sich noch einmal zu verändern. Und dann setzt Kuhligk in der Diskussion hinter fast jedes Wort ein Fragezeichen: „Helles Licht“? Sollte man das so schreiben? Oder ist Licht nicht zwangsläufig hell? Und wenn es darum geht, die besondere Helligkeit dieser Lichtquelle zu betonen, wäre dann nicht eine andere Formulierung treffender, vielleicht „beißendes Licht“? Diese Formulierung habe noch den Vorzug, dass das Licht gewissermaßen zum Handelnden wird, zu etwas, das beißt.

Kuhligk hat Übung in der Analyse, im Zerpflücken von Texten. Während seiner Zeit im Zivildienst hat er angefangen zu schreiben. Er selbst hat Lyrik und Prosa in Anthologien, literarischen Kalendern und Literaturzeitschriften veröffentlicht. Vier Jahre war er Redakteur der Berliner Zeitung für Prosa und Lyrik. Kuhligk ist Mitherausgeber von Lyriksammelbänden und ein Unterstützer der Szene der jungen Lyrik. Er arbeite gerne mit Jugendlichen, die das Schreiben erst entdeckten und eroberten. „Sie sind neugierig und offen, Neues auszuprobieren“, so Kuhligk. Würde er denn den Teilnehmern des Schreibzimmers raten, ihre berufliche Zukunft auf dem Schreiben, auf der Literatur zu gründen?

Man sollte in jedem Fall einen Plan B in der Tasche haben, wenn man mit dem Schreiben professionell Geld verdienen will, rät er. Bis zur Mittagspause ist die erste Runde dieses Werkstatttages rum. Alle Gedichte zum Thema Krankenhaus sind vorgelesen und besprochen.

Die Anregungen und Hinweise der anderen scheinen in Leonies Kopf nachzuhallen. Björn Kuhligk gibt noch einen ganz wertvollen Hinweis mit auf den Weg: So viele Wörter wie möglich streichen. „Bei einem Gedicht darf nur die Essenz vorhanden bleiben. Das ist genauso wie beim Kochen.“

Carina Abel (23 Jahre) aus Usingen ist Teilnehmerin des Projektes Junge Zeitung, in dem junge Leute ab 16 Jahren Zeitung machen. Es hat im September begonnen und mündet in den 13. Februar. Die Ausgaben der Frankfurter Neuen Presse für diesen Tag werden komplett von PJZ-Teilnehmern gestaltet.

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