Literatur

Die Menschen haben ihr Vertrauen zueinander verloren

Eine gute Entscheidung, findet Pauline Teupke. Sie freut sich auf den Veranstaltungsreigen – und erzählt hier, warum sie das Buch so gut und so wichtig findet.

„Wir fühlten alle, wie tief und furchtbar die äußeren Mächte in den Menschen hineingreifen können, bis in sein Innerstes, aber wir fühlten auch, dass es im Innersten etwas gab, was unangreifbar war und unverletzbar.“ Mit diesen Worten endet der Roman „Das Siebte Kreuz“ von Anna Seghers.

Es ist ein nebliger Morgen, an dem sieben Häftlinge des KZ Westhofen ihre Bewacher mit Spaten niederschlagen und fliehen. Die Suche nach ihnen beginnt sofort, und der Lagerkommandant lässt sieben Kreuze aufstellen. Er verkündet, dass bis zum Ende der Woche alle Geflüchteten dort hingerichtet werden. Einer nach dem anderen werden die Flüchtenden gefasst, nur Georg Heisler kann auf seiner Flucht durchs Rhein-Main-Gebiet immer wieder entkommen. Anna Seghers beschreibt diese sieben Tage aus wechselnden Perspektiven.

Besonders die Sicht Georgs finde ich beeindruckend. Er schwankt zwischen bodenloser Erschöpfung und Momenten der Hoffnung, zwischen dem Gefühl der Freiheit und Angstattacken und wirkt zeitweise fast wahnhaft. Der Ernst der Lage, seine ungeheure Angst und Belastung, wird viel deutlicher als in anderen Büchern über diese Zeit, finde ich. Obwohl die Handlung lange vor Beginn des Weltkriegs und des Holocaust spielt, sind die Brutalität und der Terror des Nationalsozialismus unübersehbar.

Anna Seghers wurde 1900 als Netty Reiling in Mainz geboren. Auch sie musste als Jüdin und Kommunistin fliehen; 1933 nach Paris und nach dem Einmarsch der deutschen Armee 1941 über Marseille weiter nach Mexiko. „Das siebte Kreuz“ schrieb sie 1938/39 im Pariser Exil. Trotzdem beschreibt sie die Gesellschaft im nationalsozialistischen Deutschland unglaublich detailliert. Da gibt es überzeugte Nazis und konsequente Kommunisten, aber der größte Teil des sehr umfangreichen Personals steht irgendwo dazwischen: Da sind die aus Bequemlichkeit in die Partei Eingetretenen, die Linken, die ihre alten Ideale aufgegeben haben, konservative Bauern und der begeisterte Hitlerjunge, dem auf einmal Zweifel kommen. Auch die Hauptperson Georg hat durchaus unsympathische Züge, und selbst das Verhalten der brutalsten KZ-Aufseher wird angesichts ihrer deprimierenden Lebensgeschichten ein bisschen nachvollziehbar. Anna Seghers beschreibt Solidarität, aber vor allem auch die Hilflosigkeit und Zweifel der Menschen, das Misstrauen, das sogar zwischen Ehepartnern und alten Freunden herrscht, und ihre Zerrissenheit. Besonders gut finde ich die realistische Darstellung, in der die netten Menschen nicht immer automatisch die guten sind: Während man vormittags gefälschte Papiere schmuggelt, isst man nachmittags mit den Schwagern in SS- und SA-Uniformen Apfelkuchen. Die Sprache, mit der Seghers all das beschreibt, ist oft nüchtern, teilweise aber auch sehr poetisch und symbolisch. Oft schreibt sie sehr verkürzt, was mich manchmal verwirrt hat.

Das KZ Westhofen, aus dem die sieben Gefangenen in dem Roman fliehen, gab es nicht wirklich, allerdings aber ein KZ Osthofen bei Worms. Georg Heislers Flucht führt ihn von dort am Rhein entlang nach Mainz, durch den Taunus und quer durch Frankfurt, seine ungefähre Fluchtroute findet man unter . Dabei werden immer wieder konkrete Orte genannt: Zeil, Anlagenring und Bahnhofsviertel zählen zu den Schauplätzen. Das hat die Beschreibung für mich sehr anschaulich gemacht.

Insofern wurde das „Siebte Kreuz“ sehr passend als Buch für das diesjährige „Frankfurt liest ein Buch“ ausgewählt: Vom 16. bis zum 29. April sollen an zahlreichen Orten in Frankfurt Ausschnitte aus dem Roman vorgestellt werden. Das genaue Programm des Lesefestes kann man vom 21. März an online ansehen.

Anna Seghers selbst wurde als Kommunistin auf ihrer Flucht von den USA abgewiesen und blieb auch nach Ende des Kriegs in der BRD lange umstritten. Sie lebte von 1947 bis zu ihrem Tod 1983 in der DDR. Auch über ihren Roman wurde in Deutschland lange kontrovers diskutiert. Er gehörte während des Kriegs zu einem der meistverkauften Romane der Exilliteratur und wurde in den USA 1944 sogar verfilmt.

Nach dem Krieg gehörte er dann in der DDR zur Pflichtlektüre in der Schule, während er in der BRD zeitweise sogar verboten war. Im Frankfurter Schauspiel wird im Moment eine Theaterfassung gespielt. Es ist die erste seit 1981 – und die erste in Westdeutschland überhaupt.

Das könnte Sie auch interessieren

Mehr zum Thema

Kommentare