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Moses Pelham erzählt bewegt von seinem Werdegang als Künstler und Mensch. Und spricht über das, was ihn berührt.

Interview

Moses Pelham über Werte, Zukunftspläne und seine Stadt

Mit dem Frankfurter Rap-Duo „Rödelheim Hartheim Projekt“ wurde Moses Pelham in den 90ern bekannt. 20 Jahre später macht er immer noch Musik – tiefgründiger als je zuvor. Anna Kölbl und Samuel Schick sprachen mit ihm.

Moses, welche Werte verbindest Du mit Frankfurt und vielleicht auch im Speziellen mit Rödelheim? Hast Du da irgendwas im Kopf?

MOSES PELHAM: Ich halte Frankfurt für eine sehr offene Stadt. Auch dadurch, dass wir hier immer Handel getrieben haben. Wir gehen einfach ganz anders mit Menschen um, die von woanders kommen. Noch bevor ich den Begriff „Multikulturell“ kannte, waren wir das hier. Ohne einen Begriff dafür zu haben. Egal ob Christen, Juden, Moslems. In meiner Schulzeit hat das niemand wissen wollen.

Was bedeutet für Dich Frieden? Und was Liebe? Gerade weil Dein aktuelles Album „Herz“ heißt.

MOSES: Ich halte es tatsächlich für naheliegend, dass es Schlachtfelder gibt, solange es auch Schlachthäuser gibt. No justice, no peace. Ganz einfach. Und dass das immer ein Mangel von Liebe ist, ist ja relativ offensichtlich. Wir reservieren unsere Liebe manchmal für bestimmte Individuen und enthalten sie anderen vor. Ich verstehe das nicht. Liebe hat halt irgendwo ihre Grenzen. Solange das so ist, ist es natürlich schwierig, dass wir alle miteinander in Frieden und in Liebe leben.

Liegt das Deiner Meinung nach daran, dass wir nicht umfassend genug lieben oder wir nicht weit genug denken?

MOSES: So ein bisschen von beidem. Es gibt bestimmt Menschen, für die das, was ich sage, naiv klingt. Und ich verstehe schon, dass dieser Eindruck entsteht. Aber ich glaube, dass wir alle von einer umfassenderen Liebe profitierten.

Welchen Wert hat die Ehrung mit der Goethe-Plakette für Dich? Als Frankfurter Bub, der hier seit jeher verwurzelt ist, hast Du bestimmt eine besondere Bindung zu dieser Auszeichnung?

MOSES: Ja, ich habe ehrlich gesagt schon den einen oder anderen Preis bekommen. Aber das war schon ganz besonders für mich. Ein Preis aus der eigenen Stadt – ich bin halt auch noch ziemlicher Goethe-Fan. Das hat mich tatsächlich sehr gefreut. Und Oberbürgermeister Feldmann hat das auch mit weitaus mehr Liebe getan, als er gemusst hätte.

Du bist seit den 90ern Vegetarier und seit 2014 Veganer . . .

MOSES: Seit ’99. Gerade noch die Kurve gekriegt. Ich wünschte, ich hätte diesen Entschluss schon viel früher getroffen.

Was waren denn Deine Kernmotive, sich dafür zu entscheiden? War das die logische Konsequenz aus dem Vegetarism us?

MOSES: Ja, eigentlich schon. Viel früher war mir das ja klar. Kategorischer Imperativ. „Pass auf, ich will doch nicht von irgendjemandem missbraucht, geschlachtet und verzehrt werden“. Da liegt es doch nahe, dass ich das auch nicht mache. Es gelang mir dennoch, das lange Zeit zu verdrängen. Aber irgendwann hat es klick gemacht. Und ich habe die Konsequenz daraus gezogen. Denn während ich weiter Milchprodukte konsumiere, gebe ich den Auftrag: „Ich will, dass diese Kuh, nachdem sie kein Tageslicht sieht und dauernd künstlich geschwängert wird, ihr Kalb entrissen bekommt, das zu Schnitzel verarbeitet wird, damit ich weiterhin ihre Milch trinken kann.“ Ich wollte damit einfach nichts mehr zu tun haben.

Was sagst Du den Menschen, die diesen Schritt nicht verstehen können?

MOSES: Ich habe vollstes Verständnis für jeden, dem es gelingt, diesen Zusammenhang zu verdrängen, weil ich es ja selbst jahrelang gemacht habe. Wenn jeder, der ein Schnitzel, ein Steak oder einen Döner isst, das Tier selbst platt machen müsste, dann gäbe es heute viel Pasta Arrabbiata. Da sehe ich eine Hoffnung. Und mittlerweile gibt es fast überall sehr vernünftige vegane Optionen.

Gibt es eine Möglichkeit, die Realität künstlerisch mitzugestalten? Oder glaubst Du, dass die Kunst eher in einer eigenen Blase vor sich hinlebt?

MOSES: Aus meiner Sicht schöpft Kunst ihre Berechtigung nur daraus, dass sie beim Leben hilft. Und deshalb glaube ich, dass die Kunst auch auf die Frage „Wie wollen wir denn miteinander leben?“ Formulierungen finden kann. Die Kunst schafft eine gewisse Offenheit dafür, dass ein Problem existiert und man sich dem irgendwie annehmen müsste. Möglicherweise auch Sachen, die auf den ersten Blick vielleicht ein bisschen unangenehm sind. Aber das ändert nichts daran, dass irgendjemand aufstehen muss.

Sprich, die Kunst als Sprachrohr und Ideengeber, aber nicht als Motor für Veränderung?

MOSES: Ich hoffe, dass Kunst ein gewisses Milieu herstellt, aus dem heraus der eine oder andere aufsteht. Die Dinge, mit denen ich mich umgebe: Literatur, bildende Kunst, Musik. Die sind nicht nur ein Abbild meiner Gedankenwelt. Sondern auch von dem jeweiligen Künstler. Es wird nicht mehr nur diese Dienstleistung formuliert, sondern ich setze mich mit dessen Gedankengut auseinander. Das verändert Dich auch als Mensch.

Was haben Dir Deine Eltern wertetechnisch mit auf den Weg gegeben?

MOSES: Ich glaube, eine gewisse Höflichkeit. Für mich ist es völlig absurd, jemandem in einem Hausflur zu begegnen, ohne „Guten Tag“ zu sagen. Ich finde, das erleichtert den Umgang miteinander sehr. Ich bin christlich erzogen, das sind tatsächlich Werte, die in meinem Leben heute noch eine große Rolle spielen.

Gibt es noch weitere Werte, die Dich inspirieren?

MOSES: Die Wahrheit ist: Ich bin in der Kunst auch oft alles andere als entspannt. Und mir tut es unfassbar gut, wenn etwas, das ich für wahr halte, da festgehalten wird. Da ist so eine Magie drin: Dieser Dreiklang aus Musik, Vortrag und dem geschriebenen Wort hat einfach eine ganz andere Macht. Das ist geballter, da wirken Kräfte gemeinsam, die mehr als die Summe ihrer Einzelteile sind. Da ist Gott im Spiel – was los hier?

Willst Du Deinen Zuhörern eine Message mitgeben? Oder hat sich diese im Laufe der Jahre verändert?

MOSES: Das, womit ich mich beschäftige, ist dauernd, Stücke daraus zu machen: was ich erlebe, glaube, empfinde. Und ich glaube, dass die Menschen, die meine Musik hören, und ich eine ungeschriebene Abmachung haben: „Moses macht sich Gedanken, und Ihr seid dabei.“ Offenbar teilen wir gleiche Erfahrungen.

Wie bewertest Du Dein jetziges Album in Deinem künstlerischen Gesamtkontext? Welchen Weg möchtest Du zukünftig musikalisch gehen?

MOSES: Da müssten wir uns in 10 Jahren noch mal zusammensetzen. Aber es ist ja in der Regel so, dass Dein jüngstes Album am nächsten an dem Menschen ist, der du gerade bist. Aus der „Geteiltes-Leid“-Trilogie ist der dritte Teil für mich die vernünftigste, aber auch die konstruktivste Platte. Mit am wenigsten Drama. Das ist einfach ein Abbild dessen, was ich als Mensch sein will. Nach „Geteiltes Leid II“ habe ich mich echt gefragt: „Muss ich andere Rapper beschimpfen?“ Das konnte ich mir selbst nicht mehr anhören. Eines ist mal klar: Dahin gehe ich nicht zurück.

Du hast die „Geteiltes-Leid“-Trilogie gemacht. Was wäre denn gewesen, wenn es rein hypothetisch gar kein Leid in der Welt gegeben hätte. Wärst Du dann genau derselbe Moses Pelham, wie er in der Kunstlandschaft großgeworden ist?

MOSES: Das weiß ich nicht. Vor allen Dingen, wenn Du sagst ohne Leid in der Welt. Dann gäbe es wahrscheinlich die Blues-Musik nicht. Lass mich Folgendes sagen: Ich glaube, dass es ein Preis ist, den ich bereit wäre zu zahlen. Wenn Du hauptberuflich Beschwerdebriefe schreibst und das, was Du kritisierst, abgeschafft wird, ist Deine Existenz obsolet. Und Du musst Dich fragen: Wie wichtig ist mir denn meine Existenz oder die Sache, der ich mich verschrieben habe? Ich bin ready. Ich beschwere mich nie wieder. Kein Problem.

Könntest Du Dir vorstellen, auszusteigen und alles hinter Dir zu lassen?

MOSES: Dieses Bild, das Du gezeichnet hast, das leuchtet für mich so krass; ohne Leid. Ich glaube, dass da ganz viel Kunst dann tatsächlich obsolet wäre.

Weil sie eben Dinge verarbeitet.

MOSES: Ja, klar. Aber ich würde es mal drauf ankommen lassen – wo muss ich drücken?

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